Kapitel 1 — Die Festung aus Glas
Leo
Die Dunkelheit der Nacht umhüllte die Skyline von Frankfurt, doch Leos Penthouse schien unbeirrt zu strahlen – eine leuchtende Festung aus Glas und Stahl, hoch oben über der Stadt. Die großen Fenster gaben den Blick auf die endlose Weite der Lichter frei, die wie ein pulsierendes Netzwerk unter ihm lag. Leo betrachtete diesen Anblick nicht als Schönheit, sondern als ein System. Daten, Möglichkeiten. Perfektion, die noch immer auf Optimierung wartete.
Im diffusen Schein der automatisierten Beleuchtung stand Leo Winter regungslos vor einer holografischen Projektion, die mitten im Raum schwebte. Der Tisch unter der Projektion war makellos – keine Papiere, kein Staub, keine Unordnung. Alles war so kontrolliert wie der Mann, der daneben stand. Seine eisblauen Augen huschten über die Zahlen, Diagramme und Algorithmen, die in sanftem Blau über dem Tisch schimmerten. Die Luft um ihn war still, abgesehen vom leisen Summen der Technik.
„Das Meeting beginnt in fünf Minuten, Herr Winter,“ meldete die monotone Stimme der KI, die das gesamte Penthouse steuerte.
„Danke, Ada,“ antwortete Leo ruhig. Seine Stimme war wie immer kontrolliert, ohne jede Spur von Nervosität. Doch ein Hauch von Anspannung nagte an seinem Inneren, ein schwer zu greifendes Gefühl, das er wie eine Störung in einem sonst perfekten System wahrnahm. Dieses Meeting war entscheidend. Seine Investoren, ungeduldig und auf Gewinn fixiert, zeigten zunehmend eine gefährliche Tendenz zur Kurzsichtigkeit.
Mit einem präzisen Fingerwischen ließ er die Projektion verschwinden. Der Raum war nun wieder leer, nur durch die kühlen Grautöne der Einrichtung belebt, die mit der Präzision eines Bauplans arrangiert waren. Ein letzter Blick in den Spiegel an der Wand – der makellose Anzug, der perfekt getrimmte Bart, die minimalistische Luxusuhr. Alles war an seinem Platz. Ein System in Balance.
Als er den Konferenzraum betrat – eine Erweiterung seines Penthouse, die durch modernste Sicherheitstechnik von der Außenwelt abgeschottet war – warteten bereits mehrere Gesichter auf ihn. Einige waren holografische Darstellungen, andere saßen physisch an dem langen, gläsernen Tisch. Die Aura von Macht und Ehrgeiz war beinahe greifbar, schnitt durch die kühle Luft wie ein unsichtbares Messer.
Markus Brandt, einflussreicher Geschäftsmann und einer der ältesten Investoren von Winter Tech, lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Sein kantiges Gesicht war von der präzisen Härte eines Mannes gezeichnet, der nie zögerte, andere für seinen Erfolg zu nutzen. Sein Lächeln erreichte nie die Augen. Er sprach zuerst, ohne die Formalitäten auszuschöpfen. „Leo,“ begann er, seine Stimme mit einer Schärfe getränkt, die keine Missverständnisse zuließ, „wir müssen reden. Offene Worte.“
Leo nickte knapp und ließ sich an der Stirnseite des Tisches nieder. Sein Blick, ruhig und durchdringend, blieb auf Brandt haften. „Ich höre.“
„Dieses... Projekt, diese Musikerin, Anna Falk.“ Brandt sprach ihren Namen aus, als wäre es ein Fremdkörper in seinem Mund. „Ihr Einfluss wächst. Ihre Musik wird in den Medien als... revolutionär gefeiert. Sie stellt sich gegen uns, gegen alles, wofür wir stehen. Das können wir uns nicht leisten.“
Leo hob eine Augenbraue. Ein Hauch von Interesse flackerte in seinen Augen auf, bevor seine Miene wieder die gewohnte Neutralität annahm. „Ironischerweise basiert ihre Musik auf KI-Technologie. Sie nutzt unsere Fortschritte, um ihre Botschaft zu verbreiten.“
Brandt verzog verächtlich den Mund. „Das ist genau das Problem. Die Öffentlichkeit sieht nicht die Technologie, sie sieht die Emotion. Die rebellische Künstlerin, die es wagt, die großen Tech-Giganten herauszufordern. Das ist die Geschichte, die erzählt wird. Und Geschichten...“ Er beugte sich vor, die Fingerkuppen aneinandergelegt. „...sind gefährlich. Sie könnten den Funken entfachen, der den ganzen Turm niederbrennt.“
Die anderen Investoren murmelten zustimmend. Gesichter voller Sorge und Gier richteten sich auf Leo, der ihre Blicke mit kalter Ruhe erwiderte. In seinem Inneren jedoch regte sich etwas. Ein leises, fast unerklärliches Unbehagen. Er hatte Annas Musik nur kurz gehört, eine flüchtige Sequenz, die ihm von einem Analysten gezeigt worden war. Ein paar Sekunden lang hatte die Melodie etwas in ihm berührt. Etwas, das er nicht einordnen konnte. Es war, als hätte die Musik eine Saite in ihm angeschlagen, die seit Jahren unberührt geblieben war.
„Was schlagen Sie vor?“ fragte er, seine Stimme gleichmäßig wie zuvor.
„Neutralisieren Sie sie,“ sagte Brandt ohne Zögern. „Schalten Sie sie aus. PR-Kampagnen, rechtliche Schritte, was auch immer Sie brauchen. Aber sie muss verschwinden.“
Leos Finger bewegten sich unmerklich, ein fast unsichtbares Zucken. Er verbarg es, doch in ihm wuchs die Erkenntnis, dass Anna Falk kein gewöhnlicher Störfaktor war. Ihr Name schwebte in den Medien wie eine unerklärliche Variable in einer ansonsten perfekten Gleichung. Und Leo hasste unerklärliche Variablen.
„Ich werde mich darum kümmern,“ sagte er schließlich und stand auf, um das Meeting zu beenden. Niemand wagte, ihm zu widersprechen. Brandt lächelte zufrieden, doch Leo bemerkte die subtile Spannung in seinem Kiefer. Machtspiele, sorgfältig getarnt.
Zurück in seinem privaten Bereich des Penthouses ließ er das holografische Interface wieder erscheinen. Der Name „Anna Falk“ leuchtete auf, begleitet von einem kurzen Video eines ihrer Auftritte. Die Kamera schwenkte über die tanzenden, schwitzenden Körper in einem Berliner Club, bevor sie auf die Frau fokussierte, die auf der Bühne stand. Ihr dunkelblondes Haar fiel in unordentlichen Strähnen über ihr Gesicht, ihre grünen Augen glühten vor Intensität. Sie war das genaue Gegenteil von allem, wofür Leo stand – ein Chaos aus Emotionen, Spontaneität und Leidenschaft.
Die Musik begann. Selbst durch die sterile Linse des Bildschirms war die rohe Energie ihrer Performance spürbar. Der Rhythmus war pulsierend, doch es waren die subtilen, beinahe melancholischen Untertöne der Melodie, die ihn trafen. Sie schienen sich in seine Gedanken zu schleichen, wie eine Erinnerung an etwas, das er längst vergessen hatte. Ein Moment aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Sein Atem stockte für den Bruchteil einer Sekunde.
Er musterte sie mit der Distanz eines Analytikers, doch in ihm regte sich ein unwillkommener Gedanke: Ihre Musik war nicht mechanisch. Nicht vorhersehbar. Sie war... lebendig. Ein System, das sich nicht vollständig entschlüsseln ließ. Und das irritierte ihn ebenso sehr, wie es ihn faszinierte.
„Ada,“ sagte er schließlich, die Augen noch immer auf das Video gerichtet, „sammle alle verfügbaren Informationen über Anna Falk. Persönliches, berufliches, alles.“
„Verstanden, Herr Winter,“ antwortete die KI. Leo trat ans Fenster. Die Stadt unter ihm war ein geordnetes Netz aus Licht und Struktur, ein Beweis für die Effizienz seiner Welt. Aber irgendwo da draußen, in den Tiefen dieses glühenden Labyrinths, existierte Anna Falk. Und sie war alles, was seine Welt nicht war.
Er hatte das Gefühl, dass sie mehr als nur eine Bedrohung war. Sie war eine Herausforderung. Und Leo Winter liebte Herausforderungen – selbst, wenn sie ihn dazu zwangen, über die Grenzen seiner eigenen Perfektion hinauszusehen.