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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Verschwundene Schatten


Helena

Das Tageslicht strömte durch die hohen Fenster des Speisezimmers und ließ die polierten Silberbestecke und Kristallgläser auf dem makellos gedeckten Tisch funkeln. Die Uhr über dem Marmorkamin tickte leise, ein steter Rhythmus, der wie ein drohendes Echo in Helenas Ohren klang. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und warmen Croissants, die auf einer Servierplatte drapiert waren, passte nicht zu der unnatürlichen Stille, die das Haus durchdrang.

Helena saß aufrecht am Kopfende des Tisches, den Rücken steif wie eine Saite, die kurz davorstand zu reißen. Sie hatte sich an diesem Morgen besonders Mühe gegeben – das graue Seidenkleid, die Perlenkette, ihre Haare sorgfältig hochgesteckt. Doch jetzt fühlte sie sich lächerlich, wie eine Schauspielerin in einem Stück, dessen Handlung sie nicht verstand. Ihr Blick glitt zu dem Platz, an dem ihr Vater jeden Morgen gesessen hatte, die Zeitung ordentlich gefaltet neben seinem Teller, die Kaffeetasse stets halbvoll. Das war ihr stilles Ritual gewesen – eine Routine, die ihr immer das Gefühl von Sicherheit gegeben hatte.

„Maria?“ rief sie schließlich laut und deutlicher, als sie beabsichtigt hatte. Ihre Stimme hallte durch den Raum und verlor sich in der Leere. Die Haushälterin erschien nach einigen Sekunden aus dem angrenzenden Korridor, die Hände in ihre weiße Schürze gewickelt.

„Ja, Fräulein Wagner?“ Ihre Stimme war leise, fast zögerlich.

„Haben Sie meinen Vater heute Morgen gesehen?“ Helena versuchte, einen ruhigen Ton zu wahren, doch die wachsende Unruhe nagte an ihrer Fassade.

„Nein, Fräulein. Herr Wagner ist nicht zum Frühstück heruntergekommen. Ich dachte, er hätte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen.“

Helena nickte knapp, obwohl Marias Worte sie nicht beruhigten. Ihr Vater war ein Mann der Gewohnheit. Jeden Morgen, ohne Ausnahme, nahm er sein Frühstück pünktlich ein – ein Ritual, das ihm Kontrolle und Struktur gab. Dass er heute fehlte, fühlte sich an wie eine winzige Verschiebung der Erdachse, eine Abweichung, die alles ins Wanken bringen konnte.

„Hat er Ihnen etwas gesagt? Irgendetwas Ungewöhnliches?“ Die Frage klang schärfer, als sie wollte.

Maria schüttelte den Kopf, zögerte jedoch kurz, bevor sie leise hinzufügte: „Der Herr wirkte in letzter Zeit... nachdenklich. Ich wollte nicht aufdringlich sein.“

Ein flüchtiges Unbehagen huschte über Helenas Gesicht. „Danke, Maria. Das wird alles sein.“

Die Haushälterin verbeugte sich leicht und zog sich zurück, während Helena ihre Serviette zusammenfaltete und auf den Tisch legte. Sie konnte nicht länger sitzen bleiben. Mit jedem Schritt, den sie durch das weitläufige Haus machte, wuchs das nagende Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

Das Wohnzimmer war wie immer makellos, die Möbel symmetrisch angeordnet, kein Staubkorn war zu sehen. Ihre Absätze klickten auf dem glänzenden Parkett, als sie den Salon durchquerte. Sie rief seinen Namen – zuerst leise, dann mit wachsender Dringlichkeit. Doch die Räume antworteten ihr nur mit Schweigen. Ihr Vater war weder in der Bibliothek noch im Wintergarten, und die Bediensteten zuckten lediglich mit den Schultern, als sie sie befragte.

Schließlich blieb nur noch sein Arbeitszimmer übrig. Helena hielt vor der schweren Eichentür inne, ihre Hand schwebte über der glänzenden Klinke. Das Zimmer war verschlossen – etwas, das sie noch nie zuvor erlebt hatte. Ihr Vater ließ die Tür nie verriegeln. Es war ein unausgesprochenes Zeichen des Vertrauens, eine Einladung, dass sie immer eintreten konnte.

Ein Schauder lief ihr über den Rücken. Ihre Finger schlossen sich um die Klinke und rüttelten daran, doch die Tür gab keinen Millimeter nach. Sie biss sich auf die Unterlippe. Der Schlüssel…

Ein verborgenes Geheimnis ihrer Kindheit fiel ihr wieder ein. Ihr Vater hatte immer einen Ersatzschlüssel im Arbeitszimmer der Haushälterin versteckt, in einer kleinen Schatulle in der obersten Schublade eines antiken Sekretärs. Helena eilte dorthin, das Herz hämmerte ihr in der Brust, als sie die Schublade aufzog und die Schatulle fand. Der Schlüssel lag darin, genau wie sie es in Erinnerung hatte.

Zurück vor der Tür ihres Vaters zögerte sie einen Moment. Die kühle Perfektion des Hauses, die sonst so beruhigend wirkte, fühlte sich plötzlich unheimlich an. Es fühlte sich falsch an, in seine Privatsphäre einzudringen, aber die Unruhe ließ ihr keine Wahl. Mit einem leisen Klick drehte sich der Schlüssel, und die Tür öffnete sich widerstandslos.

Der Raum war in Halbdunkel gehüllt, die schweren Vorhänge waren zugezogen, und der Duft von Tabak und altem Leder lag schwer in der Luft. Ihr Blick wanderte über den massiven Schreibtisch, der wie üblich mit Papieren und Aktenordnern übersät war. Doch etwas stimmte nicht. Der Raum fühlte sich... verlassen an. Auf dem Boden lag ein zerknülltes Blatt Papier – ein untypisches Detail in der sonst makellosen Ordnung ihres Vaters.

Helena schloss die Tür hinter sich und trat langsam an den Schreibtisch heran. Ihre Finger glitten über die Holzoberfläche, während sie die Akten durchblätterte. Die Namen und Zahlen, die auf den Seiten standen, ergaben keinen Sinn. Es waren keine Geschäftsdokumente, die sie erwartet hatte, sondern... Listen? Überweisungen?

Ihre Augen blieben an einem Namen hängen: Leon Esposito. Der Name klang vertraut, ohne dass sie ihn direkt einordnen konnte. Sie wusste, dass ihr Vater in der Geschäftswelt viele Kontakte hatte, aber dieser Name fühlte sich anders an.

Neben den Papieren lag ein altertümliches Notizbuch, seine lederne Oberfläche abgenutzt und voller Eselsohren. Helena schlug es auf und entdeckte handschriftliche Notizen: Namen, Adressen, Summen – alle ohne Kontext, aber beunruhigend genug, um ihr den Atem zu rauben. Am Rand einer Seite war ein eigenartiges Symbol gezeichnet – ein dreiköpfiger Hund, der ihr unheilvoll erschien.

Ihr Herz raste, als die Erkenntnis sie traf. Das waren keine gewöhnlichen Geschäftsdokumente. Das war etwas Dunkleres, etwas, das nicht ans Licht kommen sollte. Warum hatte ihr Vater solche Aufzeichnungen geführt? Worin war er verwickelt?

Ein lautes Knarren ließ sie zusammenzucken. Sie wirbelte herum, doch der Raum war leer. Die Stille des Hauses drückte schwer auf sie, und sie fühlte sich plötzlich beobachtet, obwohl niemand da war. Hastig griff sie nach den wichtigsten Papieren und verstaute sie in ihrer Tasche.

Sie musste wissen, was das alles bedeutete. Aber eins war sicher: Ihre Welt war nicht mehr so sicher und geordnet, wie sie immer geglaubt hatte.

Helena verließ das Arbeitszimmer, schloss die Tür hinter sich ab und steckte den Schlüssel in ihre Tasche. Sie fühlte sich wie eine Eindringlingin in ihrem eigenen Zuhause, doch die Fragen, die sich in ihrem Kopf überschlugen, ließen ihr keine Wahl.

Als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, setzte sie sich an ihren Schreibtisch und breitete die gestohlenen Dokumente aus. Die Worte und Zahlen darauf verschwammen vor ihren Augen. Sie wusste nicht, wo sie beginnen sollte – nur, dass sie beginnen musste.

Das vertraute Gefühl von Unwissenheit und Unsicherheit, das sie seit dem Tod ihrer Mutter immer wieder gespürt hatte, kehrte mit voller Wucht zurück. Doch diesmal war es anders. Diesmal ging es nicht nur um Verlust, sondern um etwas Größeres, Unkontrollierbares.

Sie atmete tief durch, ihre Hände zitterten leicht, während sie eine Adresse auf einem der Papiere entzifferte. Eine pulsierende Unruhe erfasste sie. Morgen würde sie dorthin gehen. Sie würde herausfinden, was ihr Vater mit diesen Namen und Zahlen zu tun hatte.

Die Schatten, die ihr Leben umgaben, waren verschwunden – nur, um durch etwas Dunkleres ersetzt zu werden.