Kapitel 1 — Schatten der Wahrheit
Anna Berger
Die feine Nadel des Mikrofons glitt wie ein schattenhafter Beobachter durch die Lücke zwischen den schweren Vorhängen. Das Restaurant war eine bizarre Mischung aus Eleganz und Geheimnis. Gedämpftes Licht ließ die goldenen Ornamente an den Wänden schimmern, während Kerzen flackernde Schatten auf weiße Leinentischdecken warfen.
Anna Berger hockte im kalten, feuchten Gebüsch gegenüber der verglasten Terrasse und versuchte, ihre zitternden Hände zu beruhigen. Ihr Atem kondensierte in der frostigen Abendluft. Sie hatte den Ort tagelang beobachtet, jede Bewegung, jedes Detail analysiert. Der Zugang war schwer zu sichern gewesen – die Sicherheitsvorkehrungen hatten sie gezwungen, sorgfältig zu planen: das Mikrofon unter einem Tisch anzubringen, die beste Deckung für ihre Kamera zu finden, den richtigen Moment abzupassen.
Durch die Linse ihrer Kamera beobachtete sie den Tisch in der Mitte des Raumes. Ein hochrangiger Politiker, dessen Gesicht sie schon unzählige Male auf Wahlplakaten gesehen hatte, lehnte sich entspannt zurück, während ein Mann mit kantigen Zügen und dem finsteren, berechnenden Blick eines Raubtiers ihm gegenüber eine Zigarre anzündete. Der Mafiaboss – Emilio Varga. Seine breiten Schultern und die perfekten Bewegungen zeugten von jahrzehntelanger Kontrolle und Macht.
„Komm schon...“, murmelte Anna leise, während sie den Auslöser ihrer Kamera drückte. Die Bilder würden genügen, um eine erste Spur zu legen, aber sie wusste, dass sie mehr brauchte. Worte. Geständnisse. Beweise, die nicht widerlegt werden konnten. Sie tastete in ihrer Jackentasche nach dem kleinen Aufnahmegerät, das versteckt unter einem Tisch in der Nähe der Männer angebracht war. Der Empfang war klar, die Stimmen deutlich.
„Du bist dir sicher, dass die Transfers nicht zurückverfolgt werden können?“ Die Stimme des Politikers war gedämpft, aber sein Tonfall konnte die innere Nervosität nicht verbergen. Seine Finger trommelten unruhig auf die Tischkante.
„Natürlich. Wir haben das schon früher gemacht“, antwortete Varga mit rauer Selbstsicherheit. „Aber ich warne dich, Franz. Solltest du versagen, gibt es keine zweite Chance. Du weißt, wie ich mit Enttäuschungen umgehe.“
Anna biss sich auf die Unterlippe, während sie die Worte notierte. Die beiden Männer sprachen in Rätseln, doch es war klar, dass hier eine Vereinbarung getroffen wurde, die weit über legale Geschäfte hinausging.
„Und der Journalist?“ Franz hob eine Braue, sein Blick suchte die Reaktion des Mafiabosses.
Vargas Gesicht verhärtete sich. „Er hat zu viele Fragen gestellt. Wir haben Maßnahmen ergriffen.“ Ein eisiges Lächeln umspielte seinen Mund. „Manchmal reicht eine Warnung. Und manchmal... verschwindet jemand einfach.“
Anna spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. Sie hatte gedacht, sie wäre diskret gewesen, dass niemand Verdacht schöpfen würde. Doch war sie wirklich so unsichtbar geblieben, wie sie hoffte?
Ihre Gedanken rasten, während sie den beiden weiter lauschte. Ein plötzlicher Windstoß ließ die Blätter um sie herum rascheln, und Anna hielt für einen Moment den Atem an. Würde ihr Versteck auffallen? Sie duckte sich tiefer, das Objektiv ihrer Kamera auf den Eingang des Restaurants gerichtet, als der Kellner die schweren Türen öffnete, um eine neue Flasche Wein hereinzutragen. Vargas Stimme hallte leise aus dem Aufnahmegerät, doch Anna konnte sich nicht länger darauf konzentrieren.
Behutsam schob sie die Kamera zurück in ihre Tasche, überprüfte ein letztes Mal, ob sie nichts zurückließ, und kroch so leise wie möglich aus ihrem Versteck. Ihre Knie bebten, als sie sich aufrichtete und in den Schatten der Straße eintauchte.
Die dunklen Gassen Münchens schienen um diese Uhrzeit lebendig zu werden. Das neonbeleuchtete Flackern einer Kneipe an der Ecke, der ferne Klang betrunkener Stimmen, die über das Kopfsteinpflaster hallten – alles war gleichzeitig vertraut und feindselig. Anna zog die Kapuze ihrer Jacke tiefer ins Gesicht und beschleunigte ihre Schritte.
Plötzlich spürte sie es. Ein Blick. Eine Präsenz. Sie drehte sich um, aber nichts stach aus der umgebenden Dunkelheit hervor. Trotzdem beschleunigte sich ihr Puls, und sie griff instinktiv nach ihrem Handy. Die vertraute Nummer ihrer Redaktion blinkte auf dem Display.
„Lena“, flüsterte sie in die Leitung, während sie weiterging. „Ich glaube, sie haben mich entdeckt. Ich schicke dir die Dateien sofort, nur für den Fall, dass ich es nicht mache.“
„Anna, warte.“ Lenas Stimme zitterte. „Du hast doch gesagt, dass du vorsichtig bist. Was ist, wenn...“
„Kein Wenn“, unterbrach Anna sie. „Speicher alles, und falls ich mich in drei Stunden nicht melde, geh zur Polizei.“
„Ich hasse es, wenn du so bist“, murmelte Lena. „Pass auf dich auf, bitte.“
Anna wollte den Anruf gerade beenden, als sie ein leises Rascheln von der anderen Straßenseite hörte. Eine Gestalt bewegte sich geschmeidig zwischen den parkenden Autos. Ein Mann in dunklem Mantel und Hut – fast unsichtbar, wäre da nicht das Glimmen einer Zigarette gewesen.
„Anna?“ Lenas Stimme war nun panisch.
„Ich melde mich“, wisperte Anna und legte auf. Sie rannte los.
Ihre Schritte hallten durch die leeren Straßen, die sie wie ein Labyrinth zu verschlingen schienen. Links, rechts, noch eine Abbiegung. Die schmale Gasse war kaum beleuchtet, und die kalte Luft brannte in ihrer Kehle. Sie wagte einen Blick über die Schulter und sah, wie der Schatten ihr folgte – schneller, zielgerichteter.
Als sie die Hauptstraße erreichte, vermischten sich die Menschenmengen mit dem Licht der Laternen. Anna tauchte in die Menge ein, ließ sich von den Passanten umspülen, während sie in einem Touristenladen verschwand. Ihr Atem ging flach, als sie sich hinter einem Regal mit kitschigen Postkarten verbarg.
Ein paar Sekunden verstrichen. Minuten vielleicht. Die Tür öffnete sich erneut, und der Klang schwerer Schritte ließ sie erstarren. Sie riskierte einen Blick zwischen den Regalen hindurch. Der Mann war hereingekommen, sein Blick suchte kühl und methodisch den Raum ab.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Der Ladenbesitzer, ein älterer Mann mit buschigen Augenbrauen, trat dem Fremden entgegen.
„Nein“, antwortete der Mann knapp, sein Blick schneidend, bevor er sich wieder zur Tür wandte.
Anna hielt den Atem an. Mit zitternden Händen griff sie nach einer Postkarte, bezahlte hastig und schlich durch einen Hinterausgang hinaus. Die Stadt um sie herum wirkte plötzlich bedrohlicher, jedes Geräusch schien zu laut.
Doch sie wusste eines mit Sicherheit: Dies war erst der Anfang. Die Beweise, die sie gesammelt hatte, waren vielversprechend, aber sie brauchte mehr, um das Netz von Korruption und Macht zu zerschlagen. Die Nacht war dunkel, doch Annas Entschlossenheit brannte heller denn je.
„Sie wollen mich jagen?“ Ein kaltes Lächeln huschte über ihre Lippen, während sie in die nächste Gasse eintauchte, ihre Gedanken bereits bei ihrem nächsten Schritt. „Dann sollen sie es versuchen.“