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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Prolog: Verrat im Nebel


Leon Falk

Der Nebel kroch wie eine lebendige Erscheinung durch die stillen Hallen des Tegeler Hafens. Das Wasser des Sees glitzerte schwach im fahlen Licht des Mondes, das kaum die schwere Wolkendecke durchbrach. Leon Falk hüllte sich tiefer in seinen Mantel und zog an seiner Zigarre, während er die Umgebung mit durchdringendem Blick absuchte. Die Luft war erfüllt von Feuchtigkeit und dem Geruch nach Rost und Öl – ein schwerer, kalter Atemzug der Vergangenheit. Doch da war noch etwas anderes, ein unsichtbarer Druck, der ihn auf eine Weise beunruhigte, die er nicht gewohnt war.

Das hier war ein Fehler, und das wusste er. Ein Anführer begibt sich nicht allein an einen Ort wie diesen. Nicht hier, nicht in dieser Dunkelheit, nicht mit der Möglichkeit eines Verrats. Und doch hatte er darauf bestanden. Es war nicht nur Pflichtgefühl, das ihn herbrachte, sondern etwas Tieferes, Dunkleres. Er musste selbst sehen, hören, verstehen. Die Nachricht, die er erhalten hatte, ließ ihn keine Wahl: Jemand aus seinen engsten Reihen trachtete danach, ihn zu stürzen.

Seine Hand glitt zur Innentasche seines Anzugs, wo das vertraute Gewicht des Aufnahmegeräts ihn beruhigte. Eine Angewohnheit, die er sich vor Jahren zugelegt hatte, aus Pragmatismus, aber auch aus einer tiefen Skepsis gegenüber der Welt, die er regierte. Vertrauen war eine Währung, die oft zu leicht verschleudert wurde. Und trotzdem, trotz all seiner Vorsicht, spürte er einen leisen, nagenden Zweifel in sich. Vielleicht hatte er zu lange alle Fäden allein in der Hand gehalten. Vielleicht war dies der Preis dafür.

Einen Moment lang schloss er die Augen, lauschte den entfernten Geräuschen von knackendem Metall und dem gelegentlichen Ruf eines Nachtvogels. Er dachte an seinen Bruder Vincent, an sein kühles, rationales Wesen und die ironische Art, mit der er solche Situationen kommentiert hätte. „Du bist zu stolz, Leon“, hätte Vincent gesagt. „Ein Mann, der sich selbst für unantastbar hält, ist entweder dumm oder tot.“

Leons Lippen verzogen sich in einem winzigen, flüchtigen Lächeln, das jedoch schnell verblasste. Stolz war ein Luxus, den er sich nicht leisten konnte.

Ein Knirschen durchbrach die Stille. Seine Augen öffneten sich, und sein Blick schoss zu den Schatten zwischen den Lagerhallen. Die Zigarre ruhte zwischen seinen Fingern, regungslos, während er die Bewegung fixierte. „Du bist spät“, sagte er, seine Stimme ruhig, doch mit einer Schärfe, die das Gewicht seiner Autorität trug.

Eine Gestalt trat aus der Dunkelheit. Der Mann bewegte sich unsicher, die Hände tief in die Taschen seines abgetragenen Mantels vergraben. Leon musterte ihn aufmerksam, jeden Schritt, jeden Atemzug. Nervosität lag wie ein Schleier über ihm, und es war nicht nur die Feuchtigkeit der Nacht, die ihn ins Schwitzen brachte.

„Leon.“ Die Begrüßung war knapp, fast mechanisch. Der Mann hielt Abstand, als wäre der Boden zwischen ihnen mit Fallen gespickt.

„Erzähl mir nichts, was ich schon weiß.“ Leon ließ keine Wärme in seiner Stimme zu. „Du behauptest, einen Verräter zu kennen. Ich will einen Namen.“

Der Mann zögerte, sein Blick huschte über die Schultern und in die Schatten hinter ihm. Die Anspannung seines Körpers war beinahe greifbar, und Leon spürte, wie sich ein unangenehmes Kribbeln in seinem Nacken ausbreitete.

„Es gibt jemanden… jemanden in deinen Reihen“, begann der Mann, seine Stimme ein Flüstern, das fast im Nebel verlorenging. „Jemanden, der dich verraten will.“

„Das ist keine Neuigkeit.“ Leons Stimme wurde kälter. „Ich will Details. Keine Andeutungen.“

„Es… es ist kompliziert.“ Der Mann wich seinem Blick aus, seine Schultern zuckten zusammen, als ein leises Metallklirren von irgendwoher durch die Nacht hallte.

Leons Magen zog sich zusammen. Die Unruhe, die ihn seit seiner Ankunft begleitet hatte, wuchs zu einer Gewissheit heran. „Kompliziert?“ Er ließ die Zigarre auf den Boden fallen, wo sie mit einem leisen Zischen verlosch. „Ich bin nicht hier, um Geduld zu üben. Also hör auf, Zeit zu verschwenden.“

Der Mann öffnete den Mund, schloss ihn wieder und warf einen gehetzten Blick hinter sich. „Sie… sie beobachten dich. Es ist… größer, als du denkst.“

Etwas in den Worten – oder vielleicht in der Art, wie sie hervorgebracht wurden – ließ Leons Herzschlag stocken. Er machte einen halben Schritt zurück, die Hand fast unmerklich näher an seiner Brust. „Wer?“ Seine Stimme war leise, aber schneidend.

Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn den Kopf drehen. Es war kaum mehr als ein Windhauch, ein kaum wahrnehmbares Rascheln.

Der Schuss hallte wie ein Donnerschlag durch die Nacht.

Ein brennender Schmerz explodierte in seiner Brust. Leons Knie gaben nach, und er fiel schwer auf den kalten Beton. Seine Finger tasteten über den Einschuss, fanden das warme, klebrige Blut, das aus ihm herausströmte und den Stoff seines Anzugs durchsickerte.

Der Verräter trat zurück, seine Augen geweitet, voller Angst und Schuld. Leon starrte ihn an, eine Mischung aus Wut und bitterer Enttäuschung in seinem Blick.

„Du…“, krächzte er, doch seine Stimme war nur noch ein Schatten dessen, was sie einmal gewesen war. Seine Finger glitten zur Innentasche, zogen das Aufnahmegerät hervor. Er aktivierte es mit seinen letzten Kräften, presste es an seine Lippen.

„Vincent… Traue… keinem… Schatten…“

Die Dunkelheit um ihn schloss sich dichter, ein kalter, gnadenloser Schleier. Der letzte Gedanke, der ihm durch den Kopf ging, war nicht Angst, sondern Bedauern.

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Vincent Falk sprang aus dem Wagen, der Nebel verschluckte ihn beinahe, als er auf die Lagerhalle zustürmte. Sein Herz hämmerte, ein dumpfer, gnadenloser Schlag in seiner Brust, der ihn vorwärts trieb. Er wusste, dass es zu spät war, noch bevor er die Silhouette seines Bruders am Boden erkannte. Doch die Erkenntnis traf ihn wie ein Faustschlag.

„Leon!“ Seine Stimme zerriss die gespenstische Stille, hallte gegen die verfallenen Wände.

Er kniete sich neben den reglosen Körper, seine zitternden Hände suchten verzweifelt nach einem Lebenszeichen. Doch da war nichts als Stille – und die Kälte des Todes.

Sein Blick fiel auf das Aufnahmegerät, das noch immer in Leons blutverschmierten Fingern lag. Vincent griff danach, sein Griff fest, als wolle er damit die Zeit zurückdrehen.

Er hob den Kopf, sein Atem ging stoßweise, und sein Blick wanderte durch die Schatten, die den Hafen verschlangen. Ein kaum hörbares Geräusch – Schritte, die sich rasch entfernten – ließ ihn innehalten. Doch bevor er reagieren konnte, waren sie verschwunden, aufgelöst im Nebel wie Geister.

Vincent stand langsam auf, sein Kiefer verhärtet, seine Augen ein stechendes Grau, das in die Dunkelheit starrte. „Wer auch immer du bist“, murmelte er, seine Stimme leise, doch voller eiskalter Entschlossenheit. „Ich werde dich finden.“

Der Nebel lichtete sich, doch der Hafen blieb ein Ort des Schweigens und der Schatten. Tief in Vincents Brust loderte ein Feuer auf, ein unstillbarer Hunger nach Rache. Leon mochte tot sein, aber sein Vermächtnis würde nicht vergessen werden.

Vincent Falk schwor, dass der Verräter für seine Taten bezahlen würde – mit allem, was er hatte.