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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Rückkehr ins Ungewisse


Sofia

Der kalte Wind schlug Sofia ins Gesicht, als sie den Zug am Bahnhof München Ost verließ. Der Atem der Menschen kondensierte in der eisigen Luft, und das stetige Rattern der Züge vermischte sich mit dem dröhnenden Lautsprecher, der ankommende und abfahrende Züge ansagte. Sie zog ihren Mantel enger um sich, der Schnee unter ihren Stiefeln knirschte leise. Die Szenerie war eine Mischung aus Hektik und Trostlosigkeit: müde Reisende hasteten über die Bahnsteige, während andere gedankenverloren auf die Zugtafeln starrten. Über allem lag eine graue, drückende Atmosphäre, die sie umklammerte wie eine unsichtbare Last.

Sofia blieb kurz stehen, um sich zu orientieren. Ein Gefühl der Beklommenheit kroch in ihr hoch. Die Stadt, die einst eine ferne Erinnerung gewesen war, fühlte sich fremd und abweisend an. Während ihrer Kindheit hatte München für sie immer wie ein kalter, unnahbarer Ort gewirkt – ein Kontrast zur Wärme der toskanischen Hügel, in denen sie aufgewachsen war. Doch heute war das Gefühl intensiver. Es war, als würde die Stadt sie mit Argwohn betrachten, ihre Anwesenheit infrage stellen.

Ihr Handy vibrierte in ihrer Manteltasche. Eine Nachricht blinkte auf dem Display: „Die Villa wartet. Kein Wort zu irgendjemandem.“ Das war alles, was Rafael ihr geschrieben hatte. Ihre Finger zitterten leicht, als sie das Handy zurücksteckte. Rafael hatte immer eine Vorliebe für kryptische Nachrichten gehabt, aber die Kürze dieser Worte ließ eine kalte Ahnung in ihr aufsteigen. Welche Gefahr lauerte in der Villa? Wer war dieser „jemand“, dem sie nichts sagen durfte? Die Fragen prallten in ihrem Kopf wie ein unaufhörliches Echo, während sie sich schließlich dem Strom der Menschen anschloss, die zur Haupthalle strömten. Sie wusste, dass diese Rückkehr alles verändern würde – sie wusste es einfach.

Kaum hatte sie den Bahnhof verlassen, schlug ihr die harsche Realität der winterlichen Stadt entgegen. Der Himmel war ein einheitliches Grau, das wie eine bleierne Decke über den Gebäuden hing. Autos bewegten sich stoisch durch den Schneematsch, und die wenigen Passanten, die sich in die Kälte wagten, waren in dicke Mäntel gehüllt, die sie wie Schatten durch die Straßen gleiten ließen.

Ein Taxi wartete in der Nähe des Ausgangs, der Fahrer ein älterer Mann mit mürrischem Gesichtsausdruck. Sofia stieg ein, nannte knapp die Adresse und ließ sich in den Sitz sinken. Die Fahrt zum Starnberger See war schweigsam. Sofia blickte aus dem Fenster, ihre Gedanken wirbelten schwer und chaotisch, während die Stadt an ihr vorbeizog. Die vertrauten Straßennamen, die sie noch aus Kindertagen kannte, wirkten nun seltsam leer. Es war, als ob sie eine Fremde in ihrer eigenen Geschichte wäre, ein unerwünschter Geist, der sich in eine Welt schlich, die längst nicht mehr die ihre war.

Der See kam in Sicht, eine weiße, erstarrte Weite, die von schneebedeckten Bäumen gesäumt wurde. Die Moretti-Villa thronte wie ein Monument der Macht am Ufer, ihre Glasfenster glitzerten im schwachen Licht. Der Fahrer hielt vor dem schmiedeeisernen Tor, das knarrend aufschwang, als sie sich näherte. Sofia zögerte einen Moment, bevor sie ausstieg. Ein Teil von ihr wollte umkehren, zurück in die Toskana fahren und die Verantwortung hinter sich lassen. Doch sie wusste, dass das keine Option war. Dies war ihre Familie, und wenn Rafael recht hatte, war sie die Einzige, die ihn retten konnte.

Der Kies knirschte unter ihren Stiefeln, als sie den Weg zur schweren Eingangstür entlangging. Die Villa war so prächtig wie eh und je – klassische Architektur mit modernen Elementen, die Eleganz und Macht ausstrahlten. Doch trotz der Schönheit lag eine spürbare Schwere in der Luft. Ihr Blick blieb an den hohen Sicherheitskameras hängen, die jede Bewegung verfolgten, und an den Ecken, die im Schatten der Dämmerung verschwanden. Es war eine Festung – genauso unnahbar wie die Familie, die darin lebte.

Ein Butler öffnete die Tür, sein Gesicht war ausdruckslos, aber seine Augen musterten sie aufmerksam. „Miss Moretti. Willkommen zurück,“ sagte er mit einer Stimme, die keine Wärme verriet. „Ihr Bruder erwartet Sie im Arbeitszimmer.“

Sofia nickte und trat ein. Die Wärme des Hauses umfing sie, doch sie konnte die Kälte in ihren Knochen nicht abschütteln. Der Flur war mit kunstvollen Teppichen und Gemälden geschmückt, die Sofia seit ihrer Kindheit kannte. Doch heute wirkten die Korridore dunkler, die Schatten tiefer.

„Es ist lange her, Miss Moretti,“ fügte der Butler hinzu, während er die Tür hinter ihr schloss. Sein Tonfall war höflich, doch ein Hauch von Ironie ließ Sofia innehalten. „Vieles hat sich verändert.“ Er sprach leise, doch die Worte hallten in ihrem Inneren nach. Sie war sich nicht sicher, ob er sie warnen oder sie provozieren wollte.

Sie öffnete die Tür zum Arbeitszimmer und fand Rafael dort, wie er vor den breiten Glasfenstern stand, den Blick auf den See gerichtet. Er wirkte schmaler, als sie ihn in Erinnerung hatte, seine Schultern angespannt, als trage er die Last der Welt auf ihnen. Als er sich zu ihr umdrehte, sah sie die Müdigkeit in seinen Augen – und etwas anderes, etwas Dunkleres.

„Sofia,“ sagte er und zwang ein Lächeln auf seine Lippen. „Es tut gut, dich zu sehen.“

Sie trat näher, um ihn zu umarmen, doch er wich leicht zurück. Der Bruch ihrer gewohnten Nähe stach sie, doch sie ließ sich nichts anmerken. „Rafael, was ist passiert?“ Ihre Stimme war leiser, als sie gewollt hatte.

Er nickte, als hätte er die Frage erwartet, und deutete auf einen Sessel. „Setz dich. Ich erkläre es dir.“

Die folgenden Minuten waren wie ein Puzzle aus Andeutungen und Halbwahrheiten. Rafael berichtete von dem Anschlag, bei dem er nur knapp mit dem Leben davongekommen war, und von seinem Verdacht, dass jemand aus der Familie dahintersteckte. Doch er ließ wichtige Details aus, wich ihren direkten Fragen aus und betonte immer wieder, dass sie vorsichtig sein müsse.

„Luigi war in letzter Zeit... unnachgiebig,“ murmelte Rafael, mehr zu sich selbst als zu ihr, bevor er abrupt das Thema wechselte. „Du bist hier, weil ich niemandem mehr trauen kann,“ sagte er schließlich und ließ seinen Blick kurz über die geschlossene Tür gleiten. „Nicht einmal der Familie.“

Sofia spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben. „Was willst du, dass ich tue, Rafael?“

Er lehnte sich vor, seine Stimme wurde zu einem Flüstern. „Finde heraus, wer es war. Aber sei vorsichtig. Wenn sie merken, dass du schnüffelst, bist du in Gefahr.“

Die Worte hallten in ihrem Kopf wider, auch als das Gespräch vorbei war und Rafael sie allein ließ. Sie wanderte durch die stillen Flure der Villa, ihre Gedanken ein Chaos aus Fragen und Zweifeln. Die anderen Familienmitglieder, die sie traf, verhielten sich distanziert – Onkel Luigi umarmte sie mit einer übertriebenen Herzlichkeit, die unecht wirkte, und Cousine Isabella war kühl und verschlossen. Es war, als könnte sie das Misstrauen in der Luft greifen.

Am Abend stand Sofia am Fenster ihres Zimmers und starrte hinaus auf den See, der im schwachen Licht des Mondes schimmerte. Die Dunkelheit wirkte allumfassend, kein Stern leuchtete am Himmel. Sie dachte an ihre Mutter, an die Zeiten, als ihre Familie noch einfach gewesen war, bevor sie die Schatten des Moretti-Namens richtig hatte begreifen können.

Ein Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um, doch als sie öffnete, war niemand zu sehen. Stattdessen lag ein kleiner Umschlag auf dem Boden. Sie bückte sich, hob ihn auf und öffnete ihn vorsichtig. Innen lag eine Nachricht, geschrieben in einer sauberen, strengen Handschrift: „Vertraue niemandem.“

Sofias Herz begann schneller zu schlagen. Sie blickte in den stillen Flur, der in Dunkelheit getaucht war, und meinte für einen Moment, ein Rascheln in der Ferne zu hören. Die Warnung war unnötig – sie wusste bereits, dass sie hier auf sich allein gestellt war. Dennoch fühlte sich die Botschaft wie eine Bestätigung ihrer schlimmsten Ängste an. Sie schloss die Tür hinter sich, drückte den Umschlag an ihre Brust und atmete tief durch.

Dies würde alles ändern. Das wusste sie. Die Frage war nur, wie viel sie bereit war zu opfern, um die Wahrheit zu finden.