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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Schatten der Vergangenheit


Alex Wagner

Das Summen der Klimaanlage erfüllte den luftdicht abgeschlossenen Besprechungsraum mit einer sterilen Kälte, die selbst durch das leise Flimmern der holographischen Projektion auf dem gläsernen Tisch nicht gemildert wurde. Alex saß regungslos, sein Blick scharf auf die schwebende Karte gerichtet. Treffpunkte, Zeiten, Decknamen – jedes Detail war bereits in sein Gedächtnis eingebrannt. Doch er wusste, dass ein einziger Moment der Unaufmerksamkeit ihn nicht nur seine Mission, sondern auch sein Leben kosten konnte.

Vincent Falk lehnte sich in seinem maßgeschneiderten, tiefblauen Anzug zurück. Seine Bewegungen waren kontrolliert, beinahe träge, aber seine Augen, diese kalten, stechenden Augen, ließen keinen Zweifel daran, dass er jede Nuance in Alex' Verhalten beobachtete. „Also, Wagner,“ sagte er schließlich, seine Stimme tief und gleichmäßig, „bist du sicher, dass du das übernehmen kannst?“

Alex hob den Blick, seine Miene kühl und beherrscht. „Ich habe die Abläufe analysiert. Mit den Sicherheitsmaßnahmen, die Sie eingerichtet haben, sehe ich keine Hindernisse.“ Seine Stimme war ruhig, sachlich – der Ton eines Mannes, der keine Zweifel zuließ.

Vincent ließ die Stille in die Länge ziehen, als wolle er Alex' Fassade auf Risse prüfen. Schließlich zeigte er ein schmales Lächeln, das jedoch nicht seine Augen erreichte. „Gut. Aber du weißt, wie das in unserem Geschäft läuft. Ein einziger Fehler, und wir beide haben ein Problem.“

„Das weiß ich,“ antwortete Alex, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, während er innerlich bereits mögliche Szenarien durchspielte.

Mit einem leichten Flackern verschwand die Projektion, und Vincent stand auf. Seine Bewegungen hatten etwas Raubtierhaftes, wie ein Panther, der seine Beute umkreiste. Mit einem beiläufigen Griff nahm er ein Kristallglas vom Tisch, in dem ein dunkler Whiskey schimmerte, und betrachtete die Flüssigkeit, als lägen die Antworten auf all seine Fragen darin verborgen. „Es gibt zwei Arten von Männern in diesem Geschäft,“ begann er, ohne den Blick von seinem Glas zu heben.

Alex spürte, wie die Luft im Raum kälter wurde, jeder Muskel in seinem Körper blieb angespannt.

„Diejenigen, die loyal sind und die Familie an erste Stelle setzen – und die anderen.“ Vincents Blick hob sich, seine Augen wie Messer auf Alex gerichtet.

„Ich habe keinen Zweifel daran, wo ich stehe,“ entgegnete Alex, seine Stimme so neutral wie möglich, während er die unterschwellige Drohung in Vincents Worten spürte.

Einen Moment lang schien Vincents Miene so undurchdringlich wie polierter Stein, bis ein kaum sichtbares Zucken um seine Mundwinkel verriet, dass er zufrieden war – zumindest vorerst. „Gut. Dann wirst du keine Probleme haben, das zu beweisen.“

Mit einem letzten Blick, der mehr Warnung als Zustimmung war, verließ Vincent den Raum. Die automatischen Türen glitten geräuschlos hinter ihm zu, und Alex blieb allein zurück.

Die Kühle der Klimaanlage schien plötzlich durch seine Haut zu schneiden, jetzt, wo die Spannung nachließ. Für einen kurzen Moment erlaubte er es sich, durchzuatmen und seine Gedanken zu ordnen. Jede Interaktion mit Vincent war ein Tanz am Abgrund, ein Balanceakt, bei dem ein einziger falscher Schritt tödlich enden konnte.

Sein Blick wanderte durch den Besprechungsraum, bis er an einer Wand hängen blieb. Dort, in einem warmen Licht, das den sterilen Raum durchbrach, hing ein Porträt. Die Frau darauf hatte kastanienbraunes Haar, das in weichen Wellen fiel, und grüne Augen, die trotz ihres gemalten Zustands eine lebendige Tiefe ausstrahlten. Es war, als ob ihre Nachdenklichkeit und Stärke durch die Leinwand hindurch sprachen.

Lena Falk.

Ihr Name war ihm bekannt, ein Detail aus den Dossiers, ein Schatten in den Gesprächen der Mitarbeiter. Die jüngste Falk-Schwester, das schwarze Schaf der Familie – so hatten sie sie genannt. Doch jetzt, da er ihr Bild betrachtete, regte sich in Alex etwas, das ihn überraschte. Es war nicht nur Neugier, es war eine leise, unwillkommene Erinnerung daran, dass er einst mehr für die Welt empfand als kühle Berechnung.

Die Tür öffnete sich abrupt, und Alex wandte den Blick schnell ab. Der bullige Handlanger, der ein Gesicht wie aus rohem Granit hatte, musterte ihn misstrauisch. „Vincent will dich in der Lounge sehen. Jetzt.“

Alex nickte knapp, erhob sich und glitt mit der kontrollierten Präzision eines Mannes, der sich immer bewusst war, dass er beobachtet wurde, aus dem Raum.

Der Fahrstuhl, dessen Wände aus poliertem Stahl und schwarzem Onyx bestanden, spiegelte sein Gesicht wider, kantig und blass im kalten Licht. Während die Etagenzahlen lautlos herunterzählten, ließ Alex seinen Blick über die Kontrollanzeigen schweifen, suchte nach den subtilen Zeichen von Überwachung – ein Flackern, eine Verzögerung. Nichts. Und doch war das Gefühl, beobachtet zu werden, allgegenwärtig.

Als die Türen sich öffneten, umfing ihn das Summen gedämpfter Gespräche und das Klirren von Gläsern. Die Lounge war luxuriös, fast opulent – goldene Akzente, weiches Leder in kühlen, dunklen Tönen, und Fenster, die einen Blick auf die gläserne Skyline der Stadt freigaben. Doch unter der Oberfläche vibrierte eine subtile Feindseligkeit, eine ständige Erinnerung daran, dass Macht hier das einzige Gesetz war.

Vincent stand an einem der Fenster, den Blick auf die Stadt gerichtet, ein leises Pling des Eises in seinem Whiskeyglas begleitete seine Bewegungen. Neben ihm lehnte Leon Falk, dessen Züge weniger hart, aber nicht weniger berechnend waren, gegen das Ledersofa.

„Wagner,“ rief Vincent, ohne sich umzudrehen. „Komm her.“

Alex trat näher, seine Schritte gleichmäßig, die Haltung entspannt, aber innen brannte sein Verstand, jedes Detail aufzusaugen. „Sir?“

„Es gibt noch etwas zu besprechen.“ Vincents Tonfall war leichter, beinahe beiläufig, aber Alex kannte die Taktik.

Leon lächelte spöttisch, ein Ausdruck, der sich wie ein Stachel unter Alex’ Haut bohrte. „Bruder, ich frage mich, ob Wagner wirklich versteht, worauf er sich eingelassen hat.“

Vincent schnaufte leise und drehte sich um, sein Blick fixierte Alex mit der Präzision eines Scharfschützen. „Das wird sich zeigen.“

Alex hielt den Blickkontakt, ruhig, unerschütterlich. Er wusste, dass dies eine Prüfung war, eine von vielen, die Vincents Vertrauen festigen sollten.

„Heute Abend im ‚Inferno‘ wirst du dabei sein,“ erklärte Vincent schließlich. „Ich brauche jemanden, der ein Auge auf die Sache hat.“

„Natürlich.“ Alex’ Stimme blieb ruhig, während er innerlich bereits die möglichen Szenarien durchging.

„Gut.“ Vincent trank den letzten Schluck seines Whiskeys und stellte das Glas mit einem leisen Klirren auf die Fensterbank. „Du kannst gehen.“

Als Alex die Lounge verließ, spürte er die Blicke der beiden Brüder in seinem Rücken wie Dolche. Doch es war keine offensichtliche Gefahr, die ihn beunruhigte. Es war das Porträt von Lena Falk, das sich wie ein Schatten in seinen Gedanken festsetzte.

Sie war mehr als nur ein weiteres Detail in seinem Dossier. Alex wusste es. Und er würde herausfinden, warum.