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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Blutige Schatten der Nacht


Alyssa Weigel

Das Ticken der Wanduhr war das Einzige, das die drückende Stille des Hauses durchbrach. Es war ein gleichmäßiges, unerbittliches Geräusch, das Alyssa in ihrem Versteck wie das Echo eines rasenden Herzschlags vorkam. Jede Sekunde schien länger zu dauern als die vorherige. Sie saß auf den knarrenden Holzdielen des Schranks, die Knie an die Brust gezogen, und presste die Hände gegen ihre Ohren, um die Geräusche von unten auszusperren – doch es half nichts.

Das Splittern von Holz. Die Schreie. Ein gurgelnder Laut, der viel zu endgültig klang. Alyssa biss die Zähne zusammen, um sich nicht zu übergeben. Ihre Mutter hatte sie vor wenigen Minuten fest im Arm gepackt und hastig hier hineingeschoben, bevor die Tür aufsprang und fremde, schwere Schritte das Haus erfüllten.

„Bleib hier, Alyssa“, hatte ihre Mutter geflüstert, ihre Stimme ein Zittern, das die Worte kaum trug. Alyssa konnte den Schmerz und die Angst in ihren Augen sehen, jene Angst, die sie niemals bei ihrer Mutter zu sehen gehofft hatte. „Kein Laut, hörst du?“

Alyssa hatte genickt. Zu erschrocken, um zu weinen, zu versteinert, um sich zu bewegen. Jetzt kauerte sie in der Dunkelheit, unfähig, die Augen zu schließen, obwohl sie es sich so sehr wünschte. Durch die angelehnte Tür konnte sie den schmalen Spalt sehen, der den Blick ins Schlafzimmer freigab. Ein dumpfes, graues Licht fiel durch das zerbrochene Fenster und warf zitternde Schatten an die Wände – verzerrte, unruhige Formen, die aussahen, als würde das Haus selbst atmen.

Das Knarren der Dielen kündigte schwere Schritte an. Alyssas Atem stockte, und kalter Schweiß rann ihren Rücken hinunter. Die Schritte näherten sich, immer näher, bis sie direkt vor der Schranktür verharrten. Sekundenlang passierte nichts, bis auf das unerbittliche Ticken der Uhr und das Pochen in Alyssas Ohren. Die Stille war schlimmer als jedes Geräusch. Sie wagte nicht zu atmen.

Doch dann entfernten sich die Schritte wieder, begleitet vom Knarren der Flurtür, die geöffnet wurde. Nur einen Moment später zerriss ein ohrenbetäubender Schrei die Luft. Alyssa zuckte zusammen, ihre Hände zitterten, als sie an die Silberkette fasste, die um ihren Hals hing. Die Stimme ihres Vaters war unverkennbar, rau und zornig. „Lasst meine Kinder in Ruhe, ihr Monster!“

Ein dumpfer Schlag folgte, und dann das Geräusch eines Körpers, der auf den Boden fiel. Alyssa presste ihre Finger noch fester um das kleine Silberstück, als wäre es ein Schutzschild. Sie flüsterte ein Gebet, leise, fast stumm, ohne zu wissen, an wen sie sich wandte.

Dann kam das Grollen. Tief, animalisch, unmenschlich. Es kroch unter ihre Haut und ließ die Luft im Raum kälter werden. Sie hörte das schreckliche Knacken von Knochen, ein Geräusch, das sie nicht verstand, aber nie wieder vergessen würde. Es war, als würde etwas oder jemand zu etwas anderem werden.

Die Schatten an den Wänden bewegten sich plötzlich schneller, verzerrten sich mit jedem Knacken und Krachen. Dann ein dumpfer Schlag, noch heftiger als zuvor. Es klang, als wäre jemand gegen eine Wand geschleudert worden.

Alyssa wagte es, durch den Spalt zu sehen. Ihre Mutter taumelte ins Schlafzimmer zurück. Ihr langes Haar war zerzaust, ihr Gesicht mit Blut bespritzt. Sie hielt ein Messer in der Hand, die zitterte, doch ihre Augen leuchteten vor Entschlossenheit.

„Bitte…“, flehte sie mit heiserer Stimme, den Blick auf die Tür gerichtet. „Lass meine Kinder leben.“

Eine Gestalt trat ein. Der Mann war übermenschlich groß, mit einer Präsenz, die den Raum zu füllen schien. Dunkelbraunes Haar fiel ihm wirr ins Gesicht, doch es waren seine Augen, die Alyssa den Atem raubten. Bernsteinfarben, glühend wie flüssiges Feuer, und erfüllt von einer unbändigen Wildheit. Seine Hände – Klauen, da war sie sich sicher – waren mit Blut besudelt.

„Sie sind Jäger“, erklang eine andere Stimme, kalt und spöttisch. Ein zweiter Mann betrat den Raum, schlanker, aber nicht minder bedrohlich. Seine hellbraunen Augen funkelten vor Bosheit, und ein abfälliges Lächeln lag auf seinen Lippen. „Keiner von ihnen darf überleben.“

Alyssa spürte, wie ihr Herz stillstand. Sie konnte kaum glauben, was sie hörte, und doch war sie zu verängstigt, um den Blick abzuwenden.

Der größere Mann zögerte, sein Blick glitt zu etwas, das Alyssa nicht sehen konnte. Vielleicht hatte er doch gezögert, vielleicht…

Doch ihre Mutter schrie plötzlich auf und stürzte sich auf ihn. Das Messer in ihrer Hand blitzte im schwachen Licht, doch bevor es sein Ziel erreichen konnte, packte er sie mit einer mühelosen Bewegung und schleuderte sie gegen die Wand. Der Aufprall war so heftig, dass Alyssa hörte, wie etwas knackte. Ihre Mutter rutschte reglos zu Boden.

Alyssa biss sich auf die Lippen, bis sie Blut schmeckte. Sie wollte schreien, hinauslaufen, irgendetwas tun. Doch ihre Beine waren wie eingefroren. Ihr Körper weigerte sich, ihr zu gehorchen.

Der Mann mit den bernsteinfarbenen Augen warf einen letzten Blick auf die Frau am Boden. Dann drehte er sich um, sein Ausdruck seltsam leer.

Die Schranktür knarzte. Ganz langsam öffnete sie sich. Panik kroch wie kaltes Wasser durch Alyssas Adern. Ihr Atem ging stoßweise, ihre Hände zitterten so stark, dass sie die Kette kaum noch festhalten konnte.

Und dann sah sie ihn.

Seine Augen trafen ihre, und sie erstarrte. Es fühlte sich an, als würde die Zeit stillstehen. Seine bernsteinfarbenen Augen durchbohrten sie, suchten ihren Blick, und Alyssa sah etwas darin, das sie nicht verstand: Wut, ja, aber auch… Zögern?

„Sie ist nur ein Kind“, murmelte er, fast zu leise, um es zu hören. Seine Klauen umfassten die Kante der Schranktür, doch er bewegte sich nicht.

„Rauh!“, rief die andere Stimme ungeduldig. „Beeil dich!“

Er wandte sich ab, als hätte er einen inneren Kampf ausgefochten und verloren. Mit einer abrupten Bewegung trat er zurück.

Wenige Augenblicke später hörte Alyssa das Splittern von Glas, als die Männer durch ein Fenster verschwanden.

Dann war es still.

Alyssa kroch aus dem Schrank, ihre Beine zitterten so sehr, dass sie kaum stehen konnte. Sie taumelte zu ihrer Mutter, die immer noch reglos an der Wand lehnte.

„Mama?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Sie kniete sich hin und rüttelte an ihrer Schulter, doch keine Reaktion kam.

Tränen liefen über ihre Wangen, heiß und unaufhaltsam, während sie die kalte Hand ihrer Mutter umfasste. Als sie sich umdrehte, fiel ihr Blick auf etwas am Boden. Die Silberkette, die ihre Mutter immer getragen hatte.

Alyssa hob sie auf und schlang sie um ihre Finger, als wäre sie ein letzter, greifbarer Rest ihres alten Lebens.

In der Ferne hörte sie Polizeisirenen, die näher kamen, doch sie wusste, dass es zu spät war.

In dieser Nacht schwor sie sich, eines Tages die Wahrheit herauszufinden. Über die Männer, die ihre Familie ermordet hatten. Über den Mann mit den bernsteinfarbenen Augen, der sie verschont hatte.

Die Schatten der Nacht hatten sie umhüllt, und sie wusste, dass sie nie wieder dieselbe sein würde.