- Romane
- /
- Blutige Sehnsucht (Band 2)
Blutige Sehnsucht (Band 2)
Inhaltsangabe
Der Sturm rüttelte an den Wänden der Hütte, und Liv Hagen erwachte, weil ihr linker Unterarm brannte. Nicht heiß, nicht kalt — etwas dazwischen, für das die Sprache der Clans kein Wort hat. Sie schiebt den Ärmel hoch, und da ist er: der Kreis unter ihrer Haut, aus dem feine Linien laufen wie Wurzeln, wie Adern eines fremden Herzens. Sie trägt ihn seit dem Verfluchten Hain, seit der Nacht, in der sie das Relikt zerbrochen hat und etwas Uraltes in ihr wach geblieben ist. Bisher hat das Mal geschwiegen. Jetzt pulsiert es, langsam und stetig, im Takt von etwas, das nicht ihr Herz ist. Neben ihr schläft Raphael. Sie müsste ihn nur anstoßen. Sie tut es nicht — sie legt die Finger auf das Mal, und die Welt kippt. Sie steht in einem verbrannten Wald. Baumgerippe ragen schwarz in einen Himmel ohne Sterne, der Boden ist warme, mehlige Asche. In der Mitte der Lichtung steht ein Baum, größer als alle anderen, und er lebt: rissige schwarze Rinde, Wurzeln, die sich über den Boden winden und wieder eingraben, ein Netz, das den ganzen Wald hält. Aus dem Stamm tritt ein Mann. Er hat keine Züge, die sie beschreiben könnte, und doch weiß sie, dass er lächelt. Er kommt näher, ohne zu gehen. „Das Erwachen hat begonnen“, sagt er. Ihre Gabe springt an, grünes Licht zwischen den Fingern — und erlischt, als hätte jemand die Hand darübergelegt. Draußen im Lager zählt Raphael mit, wer den Blick hebt und wer ihn senkt. Es sind zu viele, die ihn senken. An den Feuern wird leiser gesprochen, wenn der Alpha vorbeikommt, und lauter, wenn er weitergeht: Seit sie hier ist, findet man morgens tote Tiere. Vier Rehe in einer Woche. Die jungen Krieger wiederholen nur, was ihnen jemand in den Mund gelegt hat — und Liv weiß, wer. Vor dem Versammlungshaus wartet Samuel, der vor einem Jahr im Fieber lag, mit schwarzen Adern unter der Haut, und von dem niemand geglaubt hatte, dass er den Winter sehen würde. Jetzt hält er Wache über eine Tür. „Sie haben den Rat einberufen“, sagt er. „Ohne dich zu fragen.“ Zweiter Band der Trilogie um Liv Hagen — über eine Heilerin, die etwas gerettet und dabei etwas aufgeweckt hat, und über den Unterschied zwischen einem gebrochenen Fluch und einer offenen Tür.