Kapitel 1 — Prolog: Erwachen der Schatten
Der Sturm rüttelte an den Wänden der Hütte, und Liv Hagen erwachte, weil ihr linker Unterarm brannte.
Nicht heiß. Nicht kalt. Etwas dazwischen, etwas, das kein Wort in der Sprache der Clans hatte. Sie schob den Ärmel hoch, und da war es: der Kreis unter ihrer Haut, aus dem feine Linien liefen wie Wurzeln, wie Adern eines fremden Herzens.
Seit dem Verfluchten Hain trug sie ihn. Seit der Nacht, in der sie das Relikt zerbrochen hatte und etwas Uraltes in ihr wach geblieben war.
Bisher hatte das Mal geschwiegen. Jetzt pulsierte es, langsam und stetig, im Takt von etwas, das nicht ihr Herz war.
Neben ihr atmete Raphael ruhig. Sein Arm lag schwer über der Decke, die Hand halb geöffnet, und im Schlaf sah der Alpha des Nordclans jünger aus, als er war. Liv hätte ihn nur anstoßen müssen. Sie tat es nicht.
Stattdessen legte sie die Finger auf das Mal, und die Welt kippte.
Sie stand in einem verbrannten Wald. Die Baumgerippe ragten schwarz in einen Himmel ohne Sterne, und der Boden unter ihren nackten Füßen war Asche, warm und mehlig, die bei jedem Schritt aufstob. Es roch nach kaltem Rauch und nach etwas Süßlichem darunter, das sie nicht benennen wollte.
In der Mitte der Lichtung stand ein Baum, größer als alle anderen, und er lebte. Seine Rinde war rissig und schwarz, seine Wurzeln wanden sich über den Boden und gruben sich wieder ein, immer weiter, immer tiefer, ein Netz, das den ganzen Wald hielt.
Aus dem Stamm trat ein Mann.
Er hatte keine Züge, die sie hätte beschreiben können, und doch wusste sie, dass er lächelte. Er kam näher, ohne zu gehen. Der Boden wurde still unter ihm.
„Das Erwachen hat begonnen“, sagte er.
Livs Kehle war zu. Sie wollte zurückweichen und stand fest wie eingewachsen. Ihre Gabe sprang an, ungerufen, grünes Licht zwischen ihren Fingern — und erlosch, als hätte jemand die Hand darübergelegt.
„Spar dir das“, sagte er beinahe milde. „Nicht gegen mich. Nie gegen mich.“
„Wer bist du?“
„Jemand, den sie begraben haben, ohne mich zu töten.“ Er blieb stehen, wo die Wurzeln endeten. „Sie haben mir alles genommen und dann einen Stein darauf gelegt und es Frieden genannt. Dreihundert Jahre Stein, Kind. Und dann kamst du.“
„Ich kenne dich nicht.“
„Du hast das Siegel angeschlagen. Du hast es nicht gewusst, aber du warst es.“ Er neigte den Kopf, fast freundlich. „Und jetzt spürst du mich. Hier.“
Er hob die Hand, und ihr Unterarm brannte auf. Nicht als Schmerz. Als Antwort.
Das war das Schlimmste: dass etwas in ihr sich reckte, ihm entgegen, wie eine Pflanze zum Licht. Ihr Blut wollte zu ihm. Es zog an ihr von innen, warm und beinahe zärtlich, und ein Teil von ihr — ein kleiner, entsetzlicher Teil — wollte nachgeben und wissen, wie das wäre.
„Nein“, sagte Liv.
„Noch nicht“, sagte der Mann.
Dann bewegten sich die Schatten zwischen den Stämmen, viele, mit Augen wie ausgeglühte Kohlen, und die Asche stieg auf und wurde zur Nacht, und Liv schrie.
Sie schrie auch in der Hütte. Zwei Herzschläge lang, kurz und rau, bevor sie sich die Hand vor den Mund schlug.
Raphael rührte sich, murmelte etwas, fand ihre Hüfte im Halbschlaf. Sie blieb reglos sitzen, bis sein Atem wieder tief ging. Erst dann stand sie auf.
Der Umhang des Nordclans hing neben der Tür. Schwer, grob gewebt, die Stickereien am Saum steif von Alter und Regen. Sie hatte lange gebraucht, um ihn ohne Zögern überzuziehen. Heute Nacht wog er wie eine Rüstung.
Draußen hatte der Wind nachgelassen. Der Mond stand hinter Wolken, und der Wald war zu still, so wie ein Raum still ist, in dem jemand steht und nicht atmet.
Liv trat vor die Tür und zog den Ärmel wieder hoch. Das Mal glomm nicht, es leuchtete nicht, es tat nichts, was man einem anderen hätte zeigen können. Es war einfach da, unter ihrer Haut, und es hatte heute Nacht zum ersten Mal geantwortet.
„Ich weiß, dass du das nicht bist“, sagte sie leise zu ihrem eigenen Arm. „Ich weiß, dass du nur ich bist.“
Sie glaubte es nicht ganz.
Im Hain hatten sie gesiegt. Samuel lebte, der Fluch war gebrochen, der Wald atmete wieder. Alle sagten das. Die Ältesten sagten es, wenn auch mit schmalem Mund, und die Krieger sagten es, wenn sie an ihr vorbeigingen und nicht wussten, wohin mit dem Blick.
Aber niemand hatte gefragt, was ein zerbrochenes Relikt kostet. Niemand außer ihr. Und in den Monaten seitdem hatte sie die Antwort in kleinen Dingen gefunden: darin, wie Tiere ihr auswichen. Darin, wie ihre Gabe manchmal ansprang, ohne dass sie sie gerufen hatte. Darin, wie oft sie nachts aufwachte und lauschte, ohne zu wissen, worauf.
Jetzt wusste sie es.
Sie hielt die Hand über einen Farn am Wegrand, der die Kälte nicht überstanden hatte, und ließ ihre Gabe hinüberfließen. Es kostete sie nichts. Das grüne Licht kam sofort, wie immer, und der Farn richtete sich auf, Wedel um Wedel, feucht und dunkelgrün und lebendig.
Also war ihr das nicht genommen worden. Ihre Kraft war da, ganz und heil.
Sie starrte auf den Farn, bis das Licht verlosch, und ihr wurde klar, dass sie sich genau davor fürchtete. Man nimmt einem Werkzeug nichts weg, das man noch braucht.
Eine Eule rief, weit weg, und verstummte mitten im Ruf.
Liv sah in den Wald hinein, dorthin, wo der Pfad zum Hain abzweigte, und dachte an den Frieden, den sie erkämpft hatten. Er war dünn wie Frühjahrseis. Die Clans hielten still, weil die Angst sie stillhielt, und wenn wieder etwas in den Bäumen zu sterben begann, würden sie ein Gesicht suchen, dem sie die Schuld geben konnten.
Sie kannten ihres bereits.
„Dann sollen sie mich ansehen“, murmelte sie.
Sie blieb, bis ihre Finger klamm wurden. Hinter ihr knarrte das Bett, als Raphael sich umdrehte, und der Laut hielt sie fester in der Welt als alles andere in dieser Nacht.
Morgen würde sie es ihm sagen. Morgen würden sie zu den Ältesten gehen, und man würde ihr nicht glauben, und sie würde trotzdem sprechen.
Liv zog den Ärmel über das Mal und ging hinein, dorthin, wo es warm war. Der Wald sah ihr nach. Er tat es die ganze Nacht.