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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Prolog: Erwachen der Schatten


Liv Hagen

Ein markerschütternder Windstoß zerriss die Stille der mondlosen Nacht. Der Sturm rüttelte an den Wänden der kleinen, unscheinbaren Hütte, die sich an den Rand des unbändigen Schwarzwaldes schmiegte. Liv Hagen lag unruhig in ihrem Bett. Das leise Knarren der alten Holzbohlen unter ihrem Körper war kaum wahrnehmbar, doch in der bedrückenden Stille drang jedes Geräusch wie ein Echo in ihre Ohren.

Ihr Atem ging flach, und Schweißperlen liefen über ihre Stirn. Irgendetwas hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Es war keine Erinnerung, und doch fühlte es sich so vertraut an, als hätte die Nacht selbst ihr etwas Wichtiges ins Ohr geflüstert.

Der Sturm draußen trug ein unheimliches Flüstern mit sich, das Liv nicht zuzuordnen wusste. Es hatte etwas Beunruhigendes, als würde die Luft selbst Geheimnisse tragen, die sie zu entschlüsseln gezwungen war. Sie presste die Hände gegen ihre Ohren, doch die Geräusche schienen aus ihrem Inneren zu kommen. Stimmen, die ihren Namen riefen, verloren und verzerrt.

Das Licht des Feuers in der Kaminstelle war fast erloschen, und ein fahler Glanz schimmerte auf den Wänden. Plötzlich durchfuhr sie ein stechender Schmerz, als hätte jemand ihr Herz mit eiskalten Klauen umklammert. Sie schloss die Augen, und ihre Welt kippte.

Im nächsten Moment fand sie sich in einer gespenstischen Szenerie wieder – einem verbrannten Wald, dessen Baumgerippe wie verzerrte Schattenfinger in den Himmel ragten. Der Boden war bedeckt von einer dichten, glühenden Ascheschicht, die bei jedem Schritt unter ihren Füßen zerfiel. Die Asche fühlte sich warm und unangenehm kratzig an, und der Geruch von Rauch und Tod war allgegenwärtig, schwer wie ein unsichtbarer Schleier.

Die Schatten begannen sich zu bewegen. Liv wirbelte herum, doch die Umgebung blieb leer – oder schien es zumindest. Schattenhafte Gestalten schälten sich aus den Baumstämmen, geisterhafte Silhouetten mit glühenden Augen, die sie unerbittlich fixierten. Die Stimmen wurden lauter, eindringlicher, und sie fühlte, wie ihre Knie unter ihr nachgaben.

Ein uralter Baum, mächtiger als alle anderen, erhob sich vor ihr. Seine Wurzeln wanden sich wie lebendige Wesen, krallten sich in die Erde und formten ein pulsierendes Netz aus Dunkelheit. Die Rinde war rissig und schwarz, und aus dem Stamm trat eine Gestalt hervor – ein Schatten, jedoch mit der deutlichen Silhouette eines Mannes. Seine Augen waren Abgründe, tief und endlos, und sein Lächeln war nichts als ein kalter, gnadenloser Riss.

"Das Erwachen hat begonnen," flüsterte die Gestalt, und doch hallten die Worte wie ein Donnerschlag in Livs Kopf wider. "Die Dunkelheit erhebt sich erneut. Nur du kannst das Gleichgewicht bewahren – oder alles wird vergehen."

Liv wollte antworten, doch ihre Stimme war wie erstickt. Die Gestalt trat näher, ihre Präsenz war überwältigend. Der Schatten schien sie zu umhüllen, und ein kaltes, stechendes Licht flammte in ihrem Innern auf. Sie fühlte, wie ihre Magie gegen diese Dunkelheit rebellierte, sich jedoch auch von etwas Uraltem darin angezogen fühlte. Ein Schrei entwich ihren Lippen – ein Schrei, der den verbrannten Wald erzittern ließ – und die Vision verblasste.

Als Liv schweißgebadet hochschreckte, zitterten ihre Hände heftig, und ihr Atem kam stoßweise. Sie griff instinktiv nach ihrem Oberarm und spürte, wie ihr Herz raste, als hätte es die Erschütterung des Traums in die Wirklichkeit getragen. Neben ihr lag Raphael, sein Gesicht friedlich und entspannt. Der Anblick seiner Ruhe hätte sie beruhigen sollen, doch stattdessen spürte sie, wie die drückende Beklommenheit sie erneut umfing.

Im Flackern des Kaminlichts musterte sie ihn, seine scharfen Gesichtszüge, die selbst im Schlaf eine gewisse Stärke ausstrahlten. Liv strich vorsichtig mit den Fingerspitzen über seinen Arm, hielt jedoch inne. Sie wollte ihn nicht wecken. Dieses Ding – oder was auch immer es war – konnte sie nicht mit ihm teilen. Noch nicht.

Ein Teil von ihr sehnte sich danach, seine Stimme zu hören, seine Nähe zu spüren, doch die Worte des Schattens hallten unausweichlich in ihrem Kopf wider. Was, wenn sie unrecht hatte? Was, wenn ihre Magie tatsächlich der Ursprung dieser Dunkelheit war?

Leise erhob sie sich aus dem schmalen Bett und zog den Umhang des Nordclans über ihre Schultern. Er war schwer, und die Stickereien, die die Geschichte alter Heldentaten ihres Rudels darstellten, schienen ihr Gewicht nur noch zu verstärken. Doch sie trug ihn nicht nur aus Pragmatismus – er war auch ein Symbol ihrer Verantwortung, ihrer Zugehörigkeit, die sie sich hart erkämpft hatte.

Die kühle Nachtluft empfing sie, als sie die Tür öffnete und hinaustrat. Der Wind war stiller geworden, doch die Welt wirkte noch immer seltsam gedämpft, als wäre sie von einem unsichtbaren Schleier überzogen.

Die Bäume ragten wie ewige Wächter um die Hütte, und der Mond blieb hinter dichten Wolken verborgen. Liv umschloss sich mit den Armen und spürte das Gewicht der Vision auf ihren Schultern. Es war mehr als ein Traum gewesen, das wusste sie. Die Worte des Schattens hallten in ihrem Geist wider, und mit jeder Wiederholung schienen sie schwerer zu wiegen.

"Das Erwachen hat begonnen," murmelte sie leise. Ihre Stimme klang fremd und unsicher, doch in ihren smaragdgrünen Augen blitzte ein Hauch von Entschlossenheit auf. Sie dachte an den Verfluchten Hain – an die Dunkelheit, die sie dort besiegt hatten, und an die unauslöschlichen Narben, die sie davongetragen hatte.

"Es ist nicht vorbei", sprach sie, ihre Worte ein leises Versprechen an sich selbst. Die Vision, die Schatten, der uralte Baum – es fühlte sich an, als hätte sie etwas entfesselt, das weder vollständig besiegt noch gebannt war.

Eine Eule rief aus der Ferne, ihr melancholisches Echo hallte durch die Nacht. Liv hob den Blick und fixierte den dunklen Wald. Einst fand sie Trost in der Stille der Natur, doch jetzt fühlte es sich an, als würde der Wald sie beobachten, als wäre er selbst vor ihr auf der Hut.

Die Verantwortung lastete schwer auf ihr. Die Clans waren in einem fragilen Frieden – ein Frieden, den sie mit Mühe erkämpft hatten. Doch würde dieser Frieden standhalten, wenn die Dunkelheit zurückkehrte? Sie dachte an die skeptischen Blicke einiger Clanältester bei den letzten Versammlungen, an die flüsternden Stimmen, die ihre Magie fürchteten und sie für eine Gefahr hielten.

Liv spürte den vertrauten Zorn und die Verzweiflung in ihrer Brust aufsteigen. Sie schloss die Augen, atmete tief durch und versuchte, den Sturm in ihrem Innern zu besänftigen. Sie durfte sich nicht von den Zweifeln überwältigen lassen. Ihre Aufgabe war klar: Sie musste herausfinden, was diese Vision bedeutete und welche Gefahr sich näherte.

Ein letzter Blick zur Hütte, wo Raphael noch immer schlief, ließ sie innehalten. Ihre Fingerspitzen berührten flüchtig den Türrahmen, als wollte sie sich Kraft holen.

"Ich werde es schaffen", flüsterte sie, bevor sie sich in die Dunkelheit begab.

Die Zeit der Ruhe war vorbei. Morgen würde sie handeln – und sie würde nicht ruhen, bis sie die Wahrheit gefunden hatte.