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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Fragiler Frieden


Das Licht kam grau durch die Fensterläden, und Liv hatte nicht wieder geschlafen.

Sie saß am Tisch, die Hände um einen Becher, der längst kalt geworden war, und hörte, wie sich Raphael hinter ihr aufrichtete. Das Bett knarrte. Dann seine Schritte, barfuß auf den Bohlen, und er setzte sich ihr gegenüber, ohne zu fragen.

„Du warst draußen“, sagte er.

„Der Wind hat mich geweckt.“

„Liv.“

Sie sah auf. Seine eisblauen Augen waren noch schwer vom Schlaf, aber der Blick darin war es nicht.

Also erzählte sie. Den verbrannten Wald, die Asche, die Gestalten zwischen den Stämmen. Den Baum, dessen Wurzeln den ganzen Boden hielten. Den Mann, der aus dem Stamm getreten war und den man nicht beschreiben konnte, und die vier Worte, die sie seither nicht mehr losließen.

„Das Erwachen hat begonnen“, wiederholte Raphael.

„Er sagte, ich hätte das Siegel angeschlagen. Im Hain, als wir das Relikt zerbrochen haben.“ Sie umfasste den Becher fester. „Er sagte, ich hätte es nur nicht gewusst.“

Raphael schwieg lange. Ein Alpha, der zu schnell antwortete, hatte schon verloren; das hatte sie an ihm gelernt.

„Und du glaubst ihm“, sagte er schließlich.

„Ich glaube, dass es kein Traum war.“

Was sie nicht sagte: dass ihr Arm gebrannt hatte. Dass er noch immer warm war unter dem Ärmel, ein zweiter Puls, der nicht zu ihrem gehörte. Sie hätte nur den Stoff hochschieben müssen. Es wäre die einfachste Bewegung der Welt gewesen.

Sie tat es nicht, und sie hätte nicht sagen können, ob sie ihn schonte oder sich.

„Dann gehen wir zu den Ältesten“, sagte Raphael und stand auf. „Heute.“

Der Weg zum Versammlungsplatz führte am Rand der Dörfer entlang. Es war Markttag, und die Menschen waren früh unterwegs, mit Körben, mit Hunden, mit Kindern an der Hand. Liv sah, wie die Kinder zuerst hersahen und dann weggezogen wurden.

Ein alter Mann blieb stehen, stützte sich auf seinen Stock und wartete, bis sie nah genug war.

„Das Unglück folgt ihr“, sagte er. Nicht zu ihr. Über sie hinweg, zu niemandem, damit es jeder hören konnte.

Liv ging weiter. Sie hatte gelernt, dabei den Kopf oben zu behalten; es war eine Übung wie jede andere. Raphaels Hand fand ihre, kurz und fest, und ließ wieder los, bevor jemand daraus etwas machen konnte.

Der Versammlungsplatz lag auf einer Lichtung zwischen alten Buchen, in der Mitte der schwere Tisch mit den eingeschnitzten Runen der sieben Clans. Ein halbes Dutzend Ältester saß bereits dort. Das Gemurmel brach ab, als sie näher traten.

„Alpha“, sagte Marcus.

Er war hager, mit einem schmalen, aufmerksamen Gesicht, und er sprach Raphaels Titel so aus, dass man das Fragezeichen dahinter hörte. Seine Augen gingen sofort zu Liv und blieben an ihr hängen.

„Liv hatte eine Vision“, sagte Raphael. „Die Dunkelheit aus dem Verfluchten Hain ist nicht fort. Sie sammelt sich wieder.“

Ein Raunen lief um den Tisch. Eine Älteste aus dem Ostclan bekreuzigte sich mit einer Geste, die älter war als die Clans.

„Eine Vision“, sagte Marcus. „Verzeih mir, Alpha. Aber wir sollen unsere Krieger auf die Wälle stellen, weil eine Frau schlecht geträumt hat?“

„Ihre Gabe hat euch gewarnt, bevor der Fluch die Jäger holte“, sagte Raphael. „Damals wart ihr froh darüber.“

„Damals kannten wir ihre Herkunft nicht so gut.“ Marcus legte die Hände flach auf den Tisch. „Blutmagie. So nennen es die Alten, und sie hatten Gründe für das Wort. Wer aus dem Blut heilt, kann aus dem Blut auch anderes.“

„Ich heile mit dem, was wächst“, sagte Liv. „Nicht mit dem, was blutet.“

„Und doch stirbt der Wald dort, wo du gehst.“

Es wurde still. Liv merkte, wie ihr Puls in den Ohren schlug, und darunter, langsamer, das andere — das Mal, ruhig und wach.

„Sagt es doch“, sagte sie. „Sagt es einmal laut, dann müssen wir nicht mehr darum herumreden. Ihr denkt, die Dunkelheit kommt zurück, weil ich sie rufe.“

Niemand widersprach. Das war die Antwort.

„Genug.“ Raphaels Stimme war nicht laut, und der ganze Platz zuckte trotzdem zusammen. „Ohne sie läge Samuel unter der Erde und der halbe Nordclan mit ihm. Ihr könnt Liv Hagen misstrauen, so viel ihr wollt. Aber ihr werdet es nicht an meinem Tisch tun und es Vorsicht nennen.“

Marcus hob die Hände, eine Geste, die Frieden bedeuten sollte und es nicht tat. „Wir werden wachsam sein“, sagte er. „Mehr kann ich heute nicht versprechen. Der Friede zwischen den Clans ist jung, Alpha. Er hält Angst nicht aus, und Panik erst recht nicht.“

Damit war die Versammlung vorbei, ohne dass irgendetwas beschlossen worden wäre.

Am Rand der Lichtung stand Freya.

Sie hielt sich abseits, den Speer im Arm, das blonde Haar streng zurückgebunden, und ihre blauen Augen suchten Livs Blick für die Dauer eines Atemzugs. Dann wandte sie sich ab und ging zu den Kriegern des Westclans hinüber, als hätte sie dort etwas zu erledigen.

Früher hätten sie hier gestanden und über Marcus gelacht, bis ihnen die Tränen kamen. Liv wusste noch, wie Freyas Lachen klang. Das war das Schlimme daran.

Den Rückweg gingen sie schweigend. Erst in der Hütte, als die Tür zu war, ließ Liv sich auf den Stuhl fallen und vergrub das Gesicht in den Händen.

„Sie hören nicht zu“, sagte sie. „Sie werden erst zuhören, wenn jemand tot ist. Und dann werden sie mich ansehen.“

Raphael kniete sich vor sie und nahm ihre Hände von ihrem Gesicht. Seine Handflächen waren schwielig und warm.

„Dann fangen wir ohne sie an“, sagte er. „Wir haben es schon einmal getan.“

Liv nickte. Sie ließ ihn ihre Hände halten und dachte an den Farn am Wegrand, der sich unter ihrem Licht aufgerichtet hatte, ganz und heil und mühelos.

Draußen wurde es dunkel, und irgendwo im Wald begann etwas zu sterben, das sie erst am nächsten Morgen finden würden.