App herunterladen

Liebesromane an einem Ort

Kapitel 3Politische Intrigen


Raphael ging durch das Lager und zählte mit, wer den Blick hob und wer ihn senkte.

Es waren zu viele, die ihn senkten. Vor einem halben Jahr hätten die Krieger an den Feuern gerufen, wenn ihr Alpha vorbeikam; heute wurde das Gespräch leiser, wenn er näher kam, und lauter, wenn er weiterging. Er kannte das Geräusch. Sein Vater hatte es in seinen letzten Jahren jeden Tag gehört.

An einem der Feuer saßen zwei junge Männer, kaum älter als zwanzig, und einer sagte gerade: „…und Henrik sagt, seit sie hier ist, findet man morgens tote Tiere. Vier Rehe in einer Woche. Frag die Jäger vom Ostclan, die —“

Er brach ab. Beide standen auf, zu schnell, und Raphael nickte ihnen zu und ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Sie waren nicht das Problem. Sie wiederholten nur, was ihnen jemand in den Mund gelegt hatte.

Vor dem Versammlungshaus wartete Samuel.

Sein Bruder lehnte an den schweren Balken des Eingangs, die Arme verschränkt, und in seinen eisblauen Augen stand die gleiche Müdigkeit, die Raphael selbst seit Tagen mit sich herumtrug. Vor einem Jahr hatte Samuel im Fieber gelegen, schwarze Adern unter der Haut, und niemand hatte geglaubt, dass er den Winter sehen würde. Jetzt stand er hier und hielt Wache über eine Tür.

„Sie haben den Rat einberufen“, sagte Samuel. „Ohne dich zu fragen.“

„Das dürfen sie.“

„Sie dürfen viel.“ Samuel stieß sich vom Balken ab. „Henrik redet seit drei Tagen mit jedem, der jung genug ist, ihm zu glauben. Und Marcus redet mit jedem, der alt genug ist, Angst zu haben. Das ist keine Unzufriedenheit mehr, Raphael. Das ist Arbeit. Sie teilen es sich auf.“

„Was sagen sie?“

„Dass deine Entscheidungen nicht mehr dem Rudel gelten.“ Samuel zögerte. „Dass Liv die Kreaturen anzieht. Henrik sagt es nicht selbst. Er lässt es sagen.“

Raphael sah auf seine Hände hinunter, auf die alten Narben über den Knöcheln. „Und du?“

„Ich habe im Fieber gelegen und den Tod schon riechen können“, sagte Samuel ruhig. „Sie hat mich zurückgeholt. Wenn ich das vergesse, verdiene ich das Leben nicht, das ich davon habe.“

Raphael legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte einmal zu. Dann trat er ein.

Im Inneren brannte das Feuer hoch, und die geschnitzten Runen an den Wänden warfen ihre Zeichen über die Gesichter der Ältesten. Marcus saß bereits, die Hände gefaltet. Henrik lehnte an der Wand, dort, wo das Licht ihn gut traf — ein großer Mann mit den Schultern eines Kämpfers und der Geduld eines Jägers.

„Alpha“, sagte Marcus. „Wir haben auf dich gewartet.“

Raphael setzte sich an das Kopfende und ließ sich Zeit. „Ihr habt getagt, ohne mich zu rufen. Also sagt mir, worüber ihr getagt habt.“

Henrik löste sich von der Wand. „Über die Sicherheit des Clans.“

„Die ist meine Aufgabe.“

„Sie war es.“ Henrik ließ das Wort ausklingen, gerade lang genug. „Viele fragen sich, ob sie das noch ist. Nicht, weil du schwach wärst, Raphael. Sondern weil du geteilt bist. Ein Alpha, dessen Herz an einer Außenseiterin hängt, hört auf, in Rudeln zu denken.“

„Dann frag mich.“ Raphael lehnte sich zurück. „Nicht die Jungen an den Feuern. Mich. Was willst du wissen?“

Für einen Wimpernschlag war Henrik unsicher. Er hatte diese Frage nicht erwartet, jedenfalls nicht so.

„Gut“, sagte er dann. „Vier tote Rehe. Ein toter Jäger aus dem Ostclan. Kein Biss, keine Wunde, nichts. Und deine Heilerin hat eine Vision, in der sie selbst im Mittelpunkt steht. Sag mir, dass du das nicht seltsam findest.“

„Ich finde es seltsam“, sagte Raphael. „Ich finde auch seltsam, dass du die Zahl der Rehe kennst, bevor die Jäger sie gemeldet haben.“

Marcus hob den Kopf. Das hatte gesessen, und alle im Raum wussten es.

„Wir sollten sachlich bleiben“, sagte der Ältere schnell. „Niemand beschuldigt hier jemanden. Aber die Frage nach deiner Urteilskraft ist berechtigt, Alpha. Du hast dem Rat gestern erklärt, wir sollten die Wachen verdoppeln — wegen eines Traums.“

„Und ihr habt entschieden, gar nichts zu tun.“

Raphael stand auf. Er tat es langsam, damit niemand es für Zorn hielt.

„Dann hört mir jetzt zu, und danach entscheidet ihr, was ihr wollt. Ich habe im Verfluchten Hain gestanden. Ich habe gesehen, was aus einem Menschen wird, den diese Dunkelheit erwischt. Wenn sie zurückkommt und wir haben nur unsere Vorsicht dagegen aufgestellt, dann werden eure Enkel nicht fragen, wer damals recht hatte. Es wird sie nämlich nicht geben.“

Niemand sagte etwas. Das Feuer knackte.

„Ich verdopple die Wachen im Nordclan“, sagte Raphael. „Wer mitziehen will, ist willkommen. Wer nicht, der erklärt es seinen eigenen Leuten.“

Er ging hinaus, ohne die Antwort abzuwarten, weil er wusste, dass sie keine geben würden, solange er im Raum stand.

Die Nachtluft tat gut. Samuel wartete noch immer, ein Stück abseits, und trat neben ihn.

„Du warst gut“, sagte er.

„Ich war laut. Das ist nicht dasselbe.“ Raphael sah über das Lager, über die Feuer, die kleiner wurden. „Sie geben nicht auf, oder?“

„Nein.“ Samuel schwieg einen Moment. „Henrik hat heute Nachmittag mit den Kriegern der zweiten Reihe geredet. Nicht über Liv. Über dich. Er fragt sie, was sie täten, wenn ein Alpha einmal falsch entscheidet. Nur so, als Gedankenspiel.“

„Ein Gedankenspiel.“

„Er ist nicht dumm, Bruder. Das ist das Problem.“

Sie standen noch eine Weile, zwei dunkle Umrisse am Rand des Lagers, und keiner von ihnen sagte, woran beide dachten: dass ein Rudel, das sich teilt, keinen Feind von außen mehr braucht.

Unter den Bäumen, wo das Licht der Feuer nicht mehr hinreichte, stand Freya und sah den Brüdern zu.

Sie war nicht hergekommen, um zu lauschen. Sie war den ganzen Abend um dieses Lager gegangen wie um etwas, das sie nicht anfassen wollte.

Vor einer Stunde hatte Henrik ihr einen Becher gebracht und sich neben sie gesetzt und in dem ruhigen, vernünftigen Ton geredet, den er für sie aufhob. Du kennst sie am längsten, hatte er gesagt. Wenn du sagst, dass keine Gefahr von ihr ausgeht, glaube ich dir. Sag es, Freya.

Sie hatte es nicht gesagt.

Das war der Teil, der sie wachhielt. Nicht, dass Henrik log — sie war sich nicht einmal sicher, dass er es tat. Sondern dass sie geschwiegen hatte, und dass Schweigen inzwischen auch eine Antwort war.

Freya sah noch einmal zu den beiden Männern hinüber und ging dann zurück zu ihrem Zelt, den Speer fest in der Hand, und schlief in dieser Nacht schlecht.