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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2 — Ein Ruf aus der Vergangenheit


Emilia Moretti

Die monotone Symphonie aus Tastaturklicken und gedämpften Stimmen füllte den Raum, während Emilia ihren Blick über die unzähligen Zahlenreihen auf dem Bildschirm gleiten ließ. Ihre Finger huschten über die Tastatur, präzise und mechanisch, wie ein Uhrwerk, das sich in perfekter Harmonie bewegte. Die sterile Atmosphäre des Büros war eine vertraute Flucht – hier existierten keine unvorhergesehenen Variablen, keine Emotionen, die sie aus der Fassung bringen konnten. Doch heute fühlte sich selbst diese Zuflucht wie ein fragiles Konstrukt an.

Ein leises Piepen ertönte, das ihre Aufmerksamkeit auf das obere rechte Eck ihres Bildschirms lenkte. Eine neue E-Mail, anonym und ohne Betreff. Emilia runzelte die Stirn. Ihre Finger zögerten über der Maus, bevor sie schließlich klickte und die Nachricht öffnete. Zwei Worte erschienen, schwarz auf weiß, wie ein Schlag ins Gesicht: „Er ist tot. Komm nach Hause.“

Emilia starrte auf die Worte, ihre Gedanken schossen in alle Richtungen, doch kein klarer Gedanke konnte sich durchsetzen. Es war nicht nur der Inhalt der Nachricht, der sie lähmte, sondern auch der Absender – oder vielmehr das Fehlen eines solchen. Sie widerstand dem ersten Impuls, die Nachricht zu löschen, und las sie erneut, als könnte sie sich beim zweiten Lesen in etwas anderes verwandeln.

„Alles in Ordnung, Emilia?“ Die Stimme von Markus, ihrem Kollegen, riss sie aus der Starre. Sie drehte den Kopf zu ihm und nickte mechanisch.

„Ja, alles gut. Nur... eine unwichtige Nachricht.“ Ihre Stimme war ruhig, präzise, doch innerlich spürte sie, wie sich die Fassade zu verschieben begann. Markus warf ihr einen kurzen Blick zu, schien etwas sagen zu wollen, entschied sich dann aber, sie mit ihrer Arbeit allein zu lassen.

Sobald er außer Hörweite war, lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. „Er ist tot.“ Die Worte hallten in ihrem Kopf wider, lösten etwas Altes, Vergrabenes in ihr aus. Sie wusste, dass diese Nachricht nur eine Bedeutung haben konnte: Ihr Vater. Der Mann, dessen Schatten sie ein Leben lang zu entkommen versucht hatte, dessen Macht sie definiert und gleichzeitig gefangen gehalten hatte. Und jetzt war er tot?

Sie griff zögernd zu ihrem Handy und öffnete die Kontakte. Die Nummer zur Villa in der Toskana war noch immer gespeichert, obwohl sie sie seit Jahren nicht mehr gewählt hatte. Ihre Finger zitterten leicht, als sie die Nummer anwählte. Das Freizeichen schien endlos, bis es schließlich in ein Besetztzeichen überging. Kein Ton, keine Stimme – nur Stille.

Emilia legte auf und fixierte das Telefon, als ob es ihr eine Antwort schuldig wäre. Sie versuchte es noch einmal, diesmal über die direkte Nummer zu Luca DeRossi, dem engsten Berater ihres Vaters. Wieder nichts. Die Stille war überwältigend, schwer und unheilvoll.

Ihr Blick fiel auf die E-Mail, die noch immer auf ihrem Bildschirm geöffnet war. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass jemand wie Luca oder die anderen Männer in der Villa es zulassen würden, dass der Tod ihres Vaters ohne eine klare Nachricht an sie blieb. Doch das Schweigen – dieses absolute Schweigen – war lauter als jede Bestätigung.

Die Geräusche des Büros um sie herum wurden zu einem undefinierbaren Rauschen. Ihre Konzentration auf die Arbeit war gebrochen, ersetzt durch eine Flut aus Erinnerungen und Emotionen, die sie so lange unterdrückt hatte. Bilder von Alessandro, ihrem Bruder, blitzten vor ihrem inneren Auge auf – und mit ihnen der vertraute Schmerz seines Verlustes. Er war immer ihr Schutzschild gewesen, ihr Anker in einer Welt voller Komplexität und Erwartungen. Nach seinem Tod hatte sie sich endgültig von ihrer Familie entfernt, hatte die Villa und alles, was sie repräsentierte, hinter sich gelassen. Doch nun schien alles zurückzukehren, wie eine vergessene Rechnung, die plötzlich fällig wurde.

Ihre Gedanken wanderten weiter, während sie sich fragte, was es bedeutete, „nach Hause“ zu kommen. War das wirklich noch ihr Zuhause? Oder war es nur ein Ort voller Schatten und Erinnerungen, die sie seit Jahren zu verdrängen versuchte?

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In ihrer Wohnung angekommen, ließ Emilia die Aktentasche achtlos zu Boden fallen. Sie zog die Vorhänge zu, ließ den Raum in ein schummriges Dämmerlicht tauchen, das besser zu ihrem inneren Zustand passte. Die E-Mail war noch immer auf ihrem Handy geöffnet, ihre knappen Worte wie ein Rätsel, das sich weigerte, gelöst zu werden.

Sie setzte sich auf die Kante ihres Sofas, ihr Körper angespannt wie eine Feder. Sollte sie die Nachricht ignorieren? Es war nicht das erste Mal, dass jemand versucht hatte, sie mit Andeutungen und Drohungen zu ködern. Doch etwas an der Dringlichkeit dieser Worte fühlte sich anders an. Und dann war da das Fehlen jeglicher Antwort aus der Villa – ein Schweigen, das lauter war als jede Bestätigung.

Emilia griff erneut nach ihrem Handy. Diesmal wählte sie die Nummer eines alten Geschäftspartners ihres Vaters, einem Mann namens Matteo Ricci. Matteo war zwar ein Rivale, aber er hatte immer ein Interesse daran gehabt, über die Angelegenheiten der Familie Moretti informiert zu bleiben.

Es dauerte drei Freizeichen, bevor er abhob. Seine Stimme war glatt und unverbindlich, doch ein Hauch von Neugier schwang mit. „Signorina Moretti. Was für eine Überraschung.“

„Matteo“, begann Emilia, ihre Stimme so ruhig wie möglich haltend, obwohl ihr Herz schneller schlug. „Ich habe gehört, dass etwas passiert ist... mit meinem Vater.“

Eine Pause, zu lang, um nicht absichtlich zu sein. „Es gibt Gerüchte“, sagte Matteo schließlich. „Ich habe jedoch keine Bestätigung erhalten. Aber die Dinge in der Toskana... ändern sich. Sie sollten vorsichtig sein, Signorina. Die Villa ist nicht mehr so sicher, wie sie einmal war.“

Seine Worte waren vage, doch die Bedeutung war klar – Gefahr lag in der Luft. Emilia schloss die Augen, während sie zu verstehen versuchte, wie tief die Verstrickungen bereits gingen.

„Danke, Matteo“, murmelte sie und legte auf, bevor er noch weitere Andeutungen machen konnte.

Die Stille in ihrer Wohnung fühlte sich plötzlich erdrückend an. Sie vergrub ihr Gesicht in den Händen, während ihre Gedanken rasten. Es war, als hätte sich die Welt plötzlich gegen sie verschworen, als würde ein Netz aus Schatten und Geheimnissen sie zu umschließen beginnen. Die vertraute Kontrolle, die sie so sorgfältig über ihr Leben gewoben hatte, begann sich aufzulösen.

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Die Nacht brach herein, und Emilia stand am Fenster, starrte auf die Lichter der Stadt, die sich in den Glasfassaden der umliegenden Gebäude spiegelten. In ihrem Kopf tobte ein innerer Dialog, ein Kampf zwischen Vernunft und Instinkt. Sie wusste, dass eine Rückkehr in die Toskana nicht nur bedeutete, sich der Vergangenheit zu stellen, sondern auch, sich in die gefährliche Welt zu begeben, die sie so verzweifelt verlassen hatte.

Doch sie wusste auch, dass Ignorieren keine Option war. Diese Nachricht war nicht zufällig, und das Schweigen ihrer Familie war es auch nicht. Es war Zeit, Antworten zu suchen – egal, welche Risiken damit verbunden waren.

Emilia drehte sich vom Fenster weg und griff nach ihrem Handy. Ihre Finger zögerten nur einen Moment, bevor sie eine Nachricht an Lea tippte: „Ich muss verreisen. Unvorhergesehen. Ich melde mich, sobald ich kann.“

Sie packte eine kleine Reisetasche, nur das Nötigste, und überprüfte mehrfach die verschlüsselten Apps auf ihrem Handy, um sicherzugehen, dass sie niemand verfolgen konnte. Die pragmatische Seite von ihr, die Analystin, übernahm wieder die Kontrolle, verdrängte die Emotionen, die weiterhin an ihrer Oberfläche kratzten.

Als sie die Wohnung verließ, war die Nacht still, bis auf das leise Rauschen des Verkehrs in der Ferne. Sie zog ihren Mantel enger um sich, spürte die Kälte der Herbstluft, die sie in ihrer Entschlossenheit nur bestärkte. Der Weg zum Flughafen war kurz, doch in ihrem Kopf dehnten sich die Minuten ins Unendliche.

Im Flugzeug schließlich, als die Lichter der Stadt unter ihr verblassten und die Dunkelheit sie umhüllte, ließ sie einen Moment lang die Kontrolle los. Für einen Augenblick erlaubte sie sich, die Angst zu spüren, die sie sonst so tief in sich begraben hatte. Sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte. Die Toskana rief – und mit ihr all die Schatten, die sie vor so langer Zeit zurückgelassen hatte.

Emilia lehnte den Kopf gegen den Sitz und schloss die Augen. Sie wusste nicht, was sie erwartete, doch eines war klar: Ihre geordnete Welt stand kurz davor, ins Chaos zu stürzen.