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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 3 — Rückkehr ins Labyrinth


Emilia Moretti

Das Flugzeug glitt durch die Wolkendecke, und die Toskana entfaltete sich darunter wie ein lebendiges Gemälde aus sanften Hügeln, Olivenhainen und Zypressenalleen. Von oben wirkte alles ruhig, wie eine Landschaft, die in der Zeit eingefroren schien. Doch Emilia wusste es besser. Die Schönheit der Toskana war eine trügerische Fassade, hinter der Machtspiele, Intrigen und die Schatten ihrer Vergangenheit lauerten – Schatten, die nun unaufhaltsam näher kamen.

Als das Flugzeug zur Landung ansetzte, spürte Emilia, wie sich ihre Brust enger schnürte. Die warme, stickige Luft, die sie beim Verlassen der Maschine empfing, war durchzogen von der scharfen Würze des nahen Meeres und dem schwachen Duft von Kräutern, die in den Hügeln wuchsen. Sie atmete tief ein, als wollte sie Kontrolle zurückgewinnen, doch ein nagendes Gefühl des Kontrollverlusts blieb. Sie war allein gereist und hatte niemanden benachrichtigt, der sie abholen könnte. Stattdessen lenkte sie ihre Schritte mit ihrer typischen Präzision zu dem Mietwagen, den sie sorgfältig vor ihrer Abreise organisiert hatte. Kontrolle. Ein trügerisches Konzept, aber eines, an dem sie sich festklammerte.

Die Straßen zur Moretti-Villa wanden sich wie ein Labyrinth durch die Hügel, umgeben von Zypressen, deren Schatten in der tief stehenden Sonne lang und bedrohlich wirkten. Die vertraute Route ließ Erinnerungen an Emilias Kindheit aufsteigen, lebendig und doch zugleich geisterhaft. Alessandro, wie er neben ihr auf dem Rücksitz des Familienwagens saß, mit diesem schelmischen Grinsen, das immer Abenteuer versprach. Ihr Vater, am Steuer, mit einer Präsenz, die den gesamten Raum beherrschte, auch wenn er schwieg. Aber diese Erinnerungen waren verblasst, wie ein altes Foto, dessen Farben durch die Zeit und die Sonne ausgewaschen waren.

Als sie die Villa erreichte, hielt sie einen Moment inne. Die cremefarbene Fassade, von Efeu umrankt, wirkte noch immer genauso majestätisch, wie sie es in Erinnerung hatte. Doch dort, wo sie einst eine imposante Schönheit wahrgenommen hatte, sah sie nun nur noch Kälte. Die Villa war weder ein Zuhause noch eine Zuflucht – sie war ein Monument aus Macht und Blut, eine Festung, die mehr Geheimnisse barg, als sie ertragen wollte. Und heute wirkte sie still, wie ein schlafendes Tier, das jederzeit aufwachen und zupacken konnte.

Emilia ließ den Motor verstummen und blieb einen Moment im Auto sitzen, die Hände fest um das Lenkrad geklammert. Ihre Augen glitten über die Fassade, suchten nach Bewegung, nach einem Hinweis auf Leben. Doch nichts rührte sich. Keine Wachen, keine Stimmen, keine Autos. Nur eine unnatürliche Stille, die schwer auf der Umgebung lastete. Mit einem tiefen Atemzug straffte Emilia die Schultern und stieg aus. Ihre Absätze klackten auf dem Kies, während sie auf die massiven Holztüren zuging. Sie wollte anklopfen, doch ihre Hand zögerte in der Luft. Stattdessen drückte sie die Klinke. Die Tür schwang lautlos auf, als hätte sie auf ihre Rückkehr gewartet.

Drinnen umfing sie die kühle Luft der Villa, durchzogen vom schwachen Duft nach altem Holz, Wachs und einer Spur Lavendel aus den vertrockneten Sträußen, die auf den Konsolen standen. Die hohen Decken und Marmorböden verstärkten das Gefühl von Leere, das sich wie ein Echo durch die riesige Eingangshalle zog. Die Wände, geschmückt mit alten Ölgemälden und vergoldeten Spiegeln, strahlten die gleiche unheimliche Perfektion aus wie immer. Und doch fühlte sich alles falsch an, als hätte die Villa eine unsichtbare Veränderung durchgemacht – oder vielleicht war es Emilia, die sich verändert hatte.

„Signorina Moretti.“

Die Stimme zerschnitt die Stille und ließ Emilia zusammenzucken. Sie wirbelte herum und sah Luca DeRossi, den langjährigen Berater ihres Vaters, im Halbdunkel des Flurs stehen. Seine Gestalt war aufrecht, und sein Gesicht war eine Maske aus Erleichterung und Besorgnis, die mit der makellosen Eleganz seines dunkelgrauen Anzugs kontrastierte. Doch als er näher trat, bemerkte Emilia die Anspannung in seiner Haltung, die kleineren Gesten – ein kurzes Räuspern, der subtile Blick auf seine Armbanduhr –, die er nicht vollständig verbergen konnte.

„Luca,“ sagte Emilia und bemühte sich um einen festen Ton. Ihre Stimme klang flach, fast kalt. „Ich nehme an, Sie wussten, dass ich kommen würde.“

„Ihr Vater hätte gewollt, dass Sie hier sind,“ erwiderte Luca ruhig, doch seine Worte schienen sich wie ein Stachel in Emilias Gedanken zu bohren. Sie hielt seinem Blick stand, doch innerlich zuckte sie zusammen. Die Andeutung, dass dies alles Teil eines größeren Plans gewesen sein könnte, ließ eine unbehagliche Kälte in ihr aufsteigen.

„Was ist passiert?“ Emilias Ton war schärfer, eine Reflexion ihres inneren Drangs, die Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen. „Wer hat das getan? Und warum?“

Luca seufzte und ließ den Blick kurz zur Seite gleiten, bevor er antwortete. „Ihr Vater wurde ermordet, Signorina. Vor zwei Tagen. Hier, in dieser Villa.“

Der Satz traf Emilia wie ein Schlag. Auch wenn sie es geahnt hatte, fühlte sich die Bestätigung wie ein endgültiger Verlust an. Ihr Atem beschleunigte sich, und für einen Moment schien die Luft in der Villa noch kühler zu werden. Sie umklammerte den Träger ihrer Tasche, bemühte sich, ihre Fassung zu wahren. „Wie?“ brachte sie schließlich hervor, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

„Ein Anschlag,“ erklärte Luca, seine Stimme gedämpft. „Präzise, professionell. Keiner der Männer hat etwas bemerkt, bis es zu spät war.“ Er verschränkte die Hände hinter seinem Rücken, seine Haltung wieder steif, doch Emilia erkannte die Spannung in seinen Schultern.

„Und Sie wissen nicht, wer dahintersteckt?“ hakte sie nach, ihre Augen schmal zusammengezogen. Sie glaubte ihm nicht ganz.

Luca zögerte, und für einen Moment erschien ein Hauch von Unsicherheit in seinem sonst so kontrollierten Gesicht. „Es gibt Gerüchte,“ sagte er schließlich, seine Worte langsam abwägend. „Gerüchte, dass jemand aus Ihrer Familie involviert sein könnte. Vielleicht sogar... Alessandro.“

Emilias Welt schien für einen Augenblick stillzustehen. Sie suchte nach Worten, doch es fühlte sich an, als hätte ihr Verstand sie im Stich gelassen. Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Das ist unmöglich,“ sagte sie, ihre Stimme schneidend. „Alessandro ist tot. Seit Jahren.“

Luca wich ihrem Blick aus und straffte sich. „In der Welt, in der wir leben, ist nichts so, wie es scheint, Signorina.“

Emilia wollte widersprechen, doch stattdessen wandte sie sich ab, ihre Augen suchten Halt an den hohen Fenstern, die ins Freie blickten. Die Zypressen standen still, wie stumme Zeugen dessen, was geschehen war. Sie holte tief Luft. „Ich brauche Antworten, Luca,“ sagte sie schließlich. „Und ich brauche Zeit.“

„Natürlich.“ Luca nickte knapp. „Ich bin hier, falls Sie etwas brauchen.“

Er wandte sich zum Gehen, ließ Emilia allein in der riesigen, stillen Halle zurück. Einen Moment lang blieb sie reglos stehen, bevor sie sich langsam in Bewegung setzte. Ihre Füße trugen sie fast von selbst durch die vertrauten Gänge, bis sie vor den schweren Holztüren des Arbeitszimmers ihres Vaters stand. Sie zögerte. Dieses Zimmer hatte sie als Kind stets gemieden, die düstere Aura darin war ihr immer unheimlich gewesen. Doch jetzt, mit einem Gefühl der Unausweichlichkeit, drückte sie die Tür auf.

Das Zimmer war in Dunkelheit gehüllt, nur das schwache Licht der untergehenden Sonne warf lange Schatten auf die Wände. Der Geruch von Leder und Papier war überwältigend, und Emilia spürte, wie ihre Kehle sich zuschnürte. Hier hatte ihr Vater unzählige Stunden verbracht, Entscheidungen getroffen, die Leben bestimmten oder beendeten. Ihre Finger strichen flüchtig über die Kante des massiven Schreibtisches, bevor ihr Blick auf ein einzelnes Blatt Papier fiel, das unter einem schweren silbernen Brieföffner lag.

Sie hob es vorsichtig auf. Die Handschrift war klar, präzise – unverkennbar die ihres Vaters. Doch die Worte ließen ihren Atem stocken.

„Traue niemandem. Nicht einmal mir.“

Emilia starrte die Worte an, während ihre Gedanken rasten. Was meinte er damit? Warum hatte er diese Botschaft hinterlassen? Sie fühlte, wie die Schatten des Raumes dichter wurden, als wollten sie sie verschlingen. Ihr Herz schlug schneller, ihre Hände zitterten. Die Vergangenheit hatte sie eingeholt, und sie wusste, dass sie sie nicht länger ignorieren konnte.

Doch wem konnte sie jetzt noch vertrauen?