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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Unruhige Träume


Der Traum war jede Nacht derselbe, und jede Nacht ein Stück länger.

Sophie stand am Ende eines Gangs, der kein Ende hatte, und weit vorn stand Alexander mit dem Rücken zu ihr, so wie in der letzten Nacht in den Katakomben, so wie in jeder Nacht seit dem Winter.

Er drehte sich nicht um. Er hob nur die Hand, kurz, als wolle er sie aufhalten, und sagte ein Wort, und die Betonung war nicht seine, sondern die von etwas, das durch ihn hindurchsprach, wie durch eine dünne Wand.

Gefahr.

Sie wachte auf und wusste, bevor sie die Augen öffnete, dass es kurz vor vier war und dass der Anhänger warm sein würde.

Er lag auf dem Nachttisch, wo Weber ihn haben wollte, nicht in der Faust, und er war warm. Nicht wie ein Stück Silber, das die Wärme eines Zimmers annimmt. Wärmer. Wie eine Hand, die man seit vier Monaten hält und die nicht kälter wird.

Neben ihr war das Bett leer. Sophie hatte in der Nacht wieder in der Werkstatt geschlafen, auf der Pritsche unter den Trockenhaken, wie schon die dritte Nacht in dieser Woche, und sie hatte es getan, weil sie im Schlaf redete und Lukas nicht wecken wollte.

Das war die Wahrheit, die sie sich erzählte. Die andere Wahrheit war, dass sie den Anhänger nicht neben ihm auf den Nachttisch legen wollte, warm, während er atmete und nichts davon wusste.

Sie zog den Handschuh von der rechten Hand.

Die dunkle Linie lief bis über den Ellbogen, dünn wie eine Ader aus Tinte unter der Haut, dort dunkler, wo sie in der Nacht im November begonnen hatte, an der Handfläche. In Lindau war sie bis zum Handgelenk gewesen.

In den Katakomben, in der Nacht, in der Alexander seinen Namen in den Stein geschnitten hatte, war sie über den Unterarm gewachsen, und dann, langsam, über den Winter, bis zur Schulter. Die Finger gingen wieder, fast. Schreiben konnte sie nur noch mit links. Sie hatte es gelernt, weil Restauratorinnen lernen, mit der Hand zu arbeiten, die noch geht.

Sie zog den Handschuh wieder an und stand auf.

Das Haus am Wasser war im April ihres gewesen, das erste eigene seit langem, mit der hellen Netzwerkstatt nach Norden, in der jetzt ihr Arbeitstisch stand.

Draußen lag der Bodensee unter einer Schicht Nebel, die das Ufer verschwimmen ließ, und auf der anderen Seite, klein und ordentlich und ahnungslos, schlief Lindau. Es war ein gutes Haus. Sie hatte in diesen Monaten gelernt, dass ein gutes Haus einen Traum nicht kleiner macht.

In der Küche setzte sie Kaffee auf und nahm das Bündel Papier vom Regal, das sie überallhin mitnahm. Was gehalten werden muss. Ihre eigene Handschrift, die Geschichte des Fluchs, so weit sie sie kannte: ein Clan, der seine Freiheit gegen Stärke tauschte, eine Familie, die den Schlüssel schmiedete, eine Dunkelheit, die man binden, aber nicht besiegen konnte.

Der letzte Satz fehlte noch immer. Sie hatte im Winter aufgehört, danach zu suchen, weil sie begriffen hatte, warum sie ihn nicht fand: Man kann kein Ende schreiben für etwas, das noch nicht aufgehört hat.

Und es hatte nicht aufgehört. Das war es, was die Träume ihr sagten, in dem einen Wort, das immer dasselbe war.

Sie ging mit dem Kaffee hinunter ans Wasser, den Kies unter den Schritten, und blieb an der Bootswinde stehen, an der sie im November gesessen hatte, am Morgen nach der Beerdigung. Von hier aus konnte man das Grab nicht sehen.

Es lag oben, am Rand des Anwesens, ein Stein mit seinem Namen und einem eingeschnittenen Halbmond, und unter dem Stein lag ein Körper, der nicht er war.

Sophie ging jede Woche hinauf und redete mit ihm, und sie wusste die ganze Zeit, dass er nicht dort lag, sondern in einer Naht im Fels unter dem Kloster, wach, zwischen den Welten, und dass er sie von dort aus rief.

Die Träume hatten im Januar angefangen, zaghaft, kaum mehr als ein Bild: Alexander, weit weg, mit dem Rücken zu ihr. Damals hatte sie sich gefreut. So beschämend das war, sie hatte sich gefreut, ihn zu sehen, und war jeden Morgen ein wenig trauriger aufgewacht, weil er wieder fort war. Dann, im Februar, das erste Wort. Im März zwei.

Und mit den Worten war die Freude gekippt, langsam, wie Milch kippt, ohne dass man den Moment benennen kann, und war zu etwas anderem geworden. Denn ein Toter, der einen sehen will, ist Trauer. Ein Toter, der einen warnt, ist etwas, das man ernst nehmen muss, und Sophie hatte im Winter gelernt, was es kostet, eine Warnung zu spät ernst zu nehmen.

„Du bist früh auf.“

Lukas kam den Uferweg herunter, die Hände in den Jackentaschen. Sein dunkelblondes Haar war vom Nebel feucht, und seine blauen Augen, dieses warme, tiefe Blau, das nichts mit Alexanders kaltem Eisblau zu tun hatte, musterten sie mit der vorsichtigen Sorge, die sie in den letzten Wochen nicht mehr ertrug, weil sie sie nicht verdiente.

„Ich konnte nicht schlafen“, sagte sie.

„Du hast in der Werkstatt geschlafen.“ Es war kein Vorwurf. Es war schlimmer. Es war eine Feststellung, ruhig, wie man das Wetter feststellt. „Die dritte Nacht.“

„Ich rede im Schlaf. Ich wollte dich nicht wecken.“

„Sophie.“ Er blieb zwei Schritte vor ihr stehen, gerade so weit, dass es höflich war, und sie dachte, mit einem Stich, dass er das von Alexander gelernt hatte, ohne es zu wissen. „Du hast in der Werkstatt geschlafen, damit ich nicht höre, was du sagst. Das ist etwas anderes.“

Sie sah aufs Wasser.

„Was sage ich denn?“, fragte sie leise.

„Das willst du nicht wissen.“

„Doch. Genau das will ich.“

Lukas schwieg einen Moment. Über dem See zog ein spätes Boot vorbei, sein Licht wanderte langsam über das schwarze Wasser, und irgendwo an einem Ufer, das sie von hier aus nicht sehen konnte, sah vielleicht jemand demselben Licht nach.

„Vorgestern hast du gesagt: Er zählt nicht mit.“ Lukas sah sie an. „Und heute Nacht, kurz bevor ich runtergegangen bin, hast du seinen Namen gesagt. Nicht Alexanders. Einen anderen. Ich habe ihn nicht verstanden.“

Der Nebel lag kalt auf Sophies Gesicht.

„Was für einen Namen?“

„Ich weiß es nicht. Es war kein deutscher.“ Er zog die Schultern hoch. „Es klang alt.“

Sophie schloss die Hand um den Anhänger unter dem Mantel. Er war warm, und unter der Wärme, ganz tief, war etwas anderes, ein einzelnes, langsames Ziehen, so als hätte etwas unter dem Fels der Insel den Kopf gehoben und wieder abgelegt.

„Alexander warnt mich“, sagte sie. „Seit dem Winter. Jede Nacht ein bisschen deutlicher. Er sagt Gefahr, Lukas, und ich habe vier Monate lang jedem erzählt, das sei nur die Trauer, die sich einen Weg sucht.“ Sie sah ihn an. „Es ist nicht die Trauer. Ein Mann in einer Naht im Fels sagt einem nicht vier Monate lang dasselbe Wort, wenn nichts kommt.“

Im Dorf oben läuteten sie die Frühglocke, und in einem der Höfe stand, wie jeden Morgen, ein Mann am Zaun und sah der Straße zu, freundlich, geduldig, mit einem Gesicht, das ganz und gar nicht unglücklich war.

Er hatte einmal Ott geheißen. Er antwortete inzwischen auf jeden Namen, den man ihm gab, und auf keinen wirklich, und niemand im Clan hatte ihn heilen können, weil man einen Namen nicht zurückgibt, den die Dunkelheit aufgebraucht hat.

Sechzehn waren es gewesen. Sechzehn, die im Winter leer geworden waren, in den Nächten, bevor Alexander die Tür geschlossen hatte. Der Krieg war zu Ende, sagten sie im Clan. Sophie sah den Mann am Zaun an und wusste, dass ein Krieg, nach dem sechzehn Menschen ihren eigenen Namen nachsprechen wie eine Vokabel, nicht zu Ende ist. Er ist nur still.

„Was willst du tun?“, fragte Lukas.

„Lesen“, sagte Sophie. „Was sonst kann ich. Ich fahre morgen zu Weber. Wenn etwas kommt, dann steht es irgendwo geschrieben, und wenn es irgendwo geschrieben steht, dann finde ich es.“

Sie trank den Kaffee aus, der kalt geworden war, und ging hinauf zum Haus, und hinter ihr ging Lukas mit, zwei Schritte hinter ihr, so weit, dass es höflich war. Der Anhänger an ihrer Brust war warm, und zum ersten Mal seit dem Winter machte diese Wärme ihr keinen Trost mehr, sondern Angst.