Kapitel 1 — Unruhige Träume
Sophie
Der Nebel am Morgen hing schwer über dem Bodensee, als Sophie von einem weiteren ruhelosen Traum erwachte. Ihr Atem ging flach, die blauen Schatten der Nacht zogen sich noch durch ihre Gedanken. Das Bild von Alex’ grauen Augen, die in den Tiefen ihres Traums gewarnt hatten, war so klar, dass sie für einen Moment tatsächlich glaubte, seine Stimme in der Stille ihres Schlafzimmers zu hören – leise, fast wie ein Flüstern im Wind. Ein einziges Wort hatte sich in ihrem Unterbewusstsein eingeprägt: „Gefahr.“ Doch es gab nur das leise Knarren der Dielen unter dem Gewicht der alten Zeit und die entfernten Wellen des Sees, die leise gegen die Ufer schlugen.
Sophie setzte sich auf, der silberne Halbmond-Anhänger lag kühl auf ihrer Haut. Sie hob ihn an, betrachtete die vertrauten Gravuren, die über die Jahre zu einem Teil von ihr geworden waren, und hielt inne, als sie das dunkle Schimmern bemerkte. Es war nicht das erste Mal. Etwas in ihr flüsterte, dass dieses Schimmern nicht nur ihrer Einbildung entsprang. Ihre Finger schlossen sich für einen Moment um das Schmuckstück, als könne sie die Antworten, die es verbarg, aus ihm herauspressen. Doch wie in ihrem Traum blieb alles verschlossen. Ein ungreifbares Gefühl, als würde der Anhänger selbst einer verborgenen Macht unterliegen, ließ sie nicht los.
Nach einem kurzen Moment schob sie die Decke beiseite, zog sich einen weichen Pullover über und ging in die Küche. Auch als sie den Kaffee in der kleinen Maschine ansetzte, spürte sie das Gewicht der Stille um sich. Es war nicht das beruhigende Schweigen, das sie einst an diesem Ort gefunden hatte, sondern etwas, das sich wie eine unsichtbare Präsenz an sie klammerte. Ein Kribbeln lief ihr über den Rücken, und sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal so rastlos gewesen war. Sie brauchte eine Ablenkung.
Ihr Blick wanderte über die Werkstatt, die an die Küche grenzte. Sophie hatte die letzten Monate damit verbracht, diesen Raum zu vergrößern und mit neuen Werkzeugen auszustatten. Das Restaurieren alter Manuskripte – die ruhigen Stunden, in denen sie sich in die Details der Vergangenheit vertiefte, an der Geschichte selbst mitarbeitete – war ein Anker gewesen. Doch heute verspürte sie keine Ruhe. Die Träume hatten alles verändert.
Der Kaffee dampfte in der Tasse, doch Sophie nahm sich nicht die Zeit, ihn zu genießen. Sie zog ihren Mantel über, wickelte einen Schal um den Hals und trat hinaus in die kühle, feuchte Morgenluft. Der See war still, eingehüllt in eine Schicht aus Nebel, die das Ufer verschwimmen ließ. Ihre Schritte knirschten auf dem Kies, während sie dem schmalen Pfad folgte, der entlang des Wassers verlief, und ihre Gedanken trieben.
Warum träumte sie so oft von Alex? Es waren keine einfachen Erinnerungen, sondern etwas, das sich wie eine Warnung anfühlte. Seine Augen, tief und durchdringend, schienen sie vor einer Gefahr zu bewahren, die sie nicht sehen konnte. Doch was konnte es sein? Und warum jetzt?
Ihre Hand wanderte unbewusst zu dem Anhänger an ihrem Hals. Im sanften Licht des frühen Morgens glitt ihre Berührung über das kühle Silber, und diesmal spürte sie es wieder – eine Wärme, die aus dem Metall zu strahlen schien. Instinktiv ließ sie los, als hätte sie sich an einem Flammenstoß verbrannt. Ihr Herz schlug schneller. Der Anhänger war nicht nur ein Erinnerungsstück – das wusste sie längst. Aber was, wenn es mehr war, als sie bisher verstanden hatte? Was, wenn dieses uralte Symbol mehr mit dem Fluch und der Welt, die sie gerade erst zu akzeptieren begann, verbunden war?
Sie blieb stehen, ließ ihren Blick über das ruhige Wasser wandern und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Die Welt schien still, doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm.
„Sophie?“
Die vertraute Stimme ließ sie zusammenzucken. Sie drehte sich um und sah Lukas, der den Pfad entlang auf sie zuging. Sein dunkles Haar war vom kühlen Wind zerzaust, und seine blauen Augen musterten sie mit Sorge. Er trug wie gewöhnlich eine praktische Jacke und hatte die Hände in die Taschen geschoben, als wolle er sich vor der Morgenkälte schützen.
„Du bist früh unterwegs“, sagte er, als er näherkam.
„Ich brauchte frische Luft“, antwortete sie und versuchte ein Lächeln, das jedoch nicht ganz überzeugend wirkte.
Lukas ließ seinen Blick über sie gleiten, und Sophie konnte sehen, dass er bemerkte, wie müde sie aussah. Die dunklen Schatten unter ihren Augen verrieten mehr, als sie zugeben wollte.
„Du siehst aus, als hättest du schlecht geschlafen“, bemerkte er sanft.
Sophie wich seinem Blick aus und wandte sich wieder dem See zu. „Es geht schon. Nur... seltsame Träume.“
Er stellte sich neben sie und schwieg einen Moment, bevor er vorsichtig fragte: „Alex?“
Ihr Atem stockte. Lukas kannte sie gut – zu gut. Er wusste, dass die Vergangenheit immer noch ein Teil von ihr war, auch wenn sie sich eine neue Zukunft aufgebaut hatte.
„Ja“, gab sie schließlich zu. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich träume von ihm. Er warnt mich... aber ich weiß nicht, wovor.“
Lukas nickte langsam, seine Stirn in nachdenkliche Falten gelegt. „Vielleicht solltest du mit jemandem darüber sprechen. Es könnte wichtig sein, Sophie.“
„Und was sollte ich sagen?“ Sie lachte kurz, doch die Bitterkeit in ihrem Ton legte sich wie Frost auf die Worte. „Dass mein toter Freund in meinen Träumen auftaucht, um mich vor einer Gefahr zu warnen, die ich nicht einmal verstehen kann?“
In der Stille danach hob Lukas eine Hand, als wolle er ihr widersprechen, ließ sie jedoch sinken. Stattdessen legte er ihr eine Hand auf die Schulter. „Ich weiß, dass es schwer ist“, sagte er leise, seine Stimme warm und fast flehend. „Aber du musst das nicht allein durchstehen.“
Sophie spürte die Wärme seiner Berührung und den Trost, den er ihr bot, doch eine innere Mauer hielt sie davon ab, sich vollständig zu öffnen. Sie schüttelte leicht den Kopf und trat einen Schritt zurück. „Ich komme klar“, murmelte sie. „Es ist wahrscheinlich nur... meine eigene Vorstellung. Vielleicht Schuldgefühle, die mich nicht loslassen.“
Lukas sah sie an, als wolle er widersprechen, doch er sagte nichts weiter. Stattdessen nickte er, wenn auch zögernd.
„Wenn du reden willst, du weißt, wo du mich findest“, sagte er schließlich.
Sophie konnte das Mitgefühl in seinen Worten spüren. Sie wusste, dass er nur helfen wollte, doch sie war nicht bereit, diese Last mit ihm zu teilen. Nicht jetzt.
„Danke, Lukas“, sagte sie leise.
Er erwiderte ihr Lächeln, doch es wirkte ebenso schwach wie ihres. Danach verabschiedete er sich und ging den Pfad zurück, den er gekommen war. Sie beobachtete, wie er in den Nebel verschwand, und fühlte, wie ein leiser Stich des Bedauerns in ihr aufstieg.
Später, zurück in ihrer Wohnung, versuchte sie, ihre Gedanken in ihrer Arbeit zu ertränken. Sie breitete ein altes Manuskript auf dem Restaurierungstisch aus, die vergilbten Seiten knisterten leise unter ihren Fingern. Doch ihre Gedanken kehrten immer wieder zu dem Traum zurück. Sie hatte das Gefühl, dass sie etwas versäumte, etwas, das direkt vor ihr lag, sie aber nicht zu greifen vermochte.
Die Sonne war längst untergegangen, als Sophie sich schließlich erschöpft ins Bett legte. Doch die Ruhe, die sie suchte, blieb aus. Der Anhänger ruhte auf ihrem Nachttisch, schimmerte vage im fahlen Licht des Mondes, und als sie schließlich die Augen schloss, spürte sie erneut diese unheimliche Wärme, die aus dem Silber zu kommen schien. Ihr Atem wurde unruhig, und ihre Hände ballten sich in das Laken.
Die Nacht brachte keine Erholung. Wieder tauchte Alex in ihren Träumen auf, sein Gesicht von Schatten umhüllt, seine Stimme eindringlich, doch unverständlich. Diesmal sah sie jedoch mehr. Ein Bild von Dunkelheit, das sich bedrohlich näherte. Als sie schweißgebadet aufwachte, fiel ihr Entschluss.
Sie konnte nicht länger warten. Was auch immer diese Träume und der Anhänger bedeuteten, sie musste es herausfinden. Frieden würde sie erst finden, wenn sie die Wahrheit kannte.
Mit diesem Gedanken legte sie sich zurück, den Anhänger fest in ihrer Hand, und lauschte dem Flüstern des Windes, das wie ein Echo einer verlorenen Stimme klang.