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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Die Rückkehr der Schatten


Sie aßen an dem Abend in der Gaststube im Dorf, weil Lukas gefunden hatte, dass sie beide zu lange nicht mehr an einem Tisch gesessen hatten, an dem es nichts zu entscheiden gab, und weil er recht hatte und Sophie nicht wusste, wie sie ihm sagen sollte, dass ein Tisch das nicht mehr richtete.

Die Wirtin brachte Felchen und Kartoffeln und stellte die Teller etwas zu vorsichtig ab, so wie sie in diesen Monaten alles etwas zu vorsichtig tat, seit ihr Mann am Zaun stand und der Straße zusah. Draußen wurde der See dunkel, und die Laternen am Steg warfen ihr Licht auf das Wasser, und es hätte ein schöner Abend sein können.

„Du bist woanders“, sagte Lukas schließlich. Er legte die Gabel hin. Seine Finger trommelten kurz auf die Tischplatte, ein altes Zeichen, das sie kannte. „Den ganzen Abend.“

„Ich bin hier.“

„Du sitzt hier. Das ist etwas anderes.“ Er sagte es ohne Schärfe. „Ich mache das nicht, um dich zu drängen. Ich mache es, weil ich schon einmal neben einem Menschen gesessen habe, der woanders war, hundert Jahre lang, und weil ich weiß, wie das ausgeht.“

Sophie sah auf ihre Hände. Die rechte lag im Schoß, im Handschuh, still.

„Gib mir Zeit“, sagte sie. „Nur ein paar Tage. Ich muss etwas verstehen, bevor ich darüber reden kann. Wenn ich jetzt rede, dann rede ich mir nur ein, dass es nichts ist.“

Er sah sie lange an, und dann nickte er, widerwillig, so wie man einer Restauratorin nickt, die sagt, das Pergament müsse noch eine Woche unter Gewichten liegen, bevor man wisse, ob es hält.

Sie hätte es ihm sagen können.

Das war es, was sie sich hinterher am schwersten verzieh: dass die Worte da waren, den ganzen Abend, dicht hinter ihren Zähnen. Ich träume von Alexander, und er warnt mich, und seit ein paar Nächten spreche ich im Schlaf einen Namen, den ich nicht kenne, und der Anhänger ist wieder warm. Aber sie kannte den Blick, der dann kommen würde, weil sie ihn im Winter gesehen hatte, jeden Tag: die Sorge, die sich um sie legte wie eine zweite Haut, das Wachen, das Ihr-nicht-von-der-Seite-Weichen.

Lukas hatte im Winter fast alles verloren, was er hatte, und war trotzdem geblieben, und wenn sie ihm jetzt sagte, dass es wieder anfing, dann nahm sie ihm das Einzige, was der Winter ihm gelassen hatte, den Glauben, dass es vorbei war. Das schuldete sie ihm. Noch ein paar Tage.

Sein Telefon summte. Er las die Nachricht, und sein Gesicht wurde geschlossen.

„Brandt“, sagte er. „Es gibt Ärger mit den jungen Wölfen. Rieke hält sie im Zaum, aber sie will, dass ich komme.“ Er stand schon halb. „Der halbe Clan will die Insel verlassen, und die andere Hälfte will die Fenster zunageln. Und ich soll beide Hälften bei Laune halten und dabei so tun, als wüsste ich, was ich tue.“

„Geh“, sagte Sophie. „Ich komme allein nach Hause.“

„Sophie —“

„Es sind zehn Minuten durch das Dorf. Geh.“

Er ging, und an der Tür drehte er sich noch einmal um, so wie immer, und sagte nichts, weil es nichts zu sagen gab, und dann war er in der Nacht verschwunden, und Sophie saß allein mit zwei halb leeren Tellern und dem Gefühl, das sie den ganzen Abend abgeschüttelt hatte und das jetzt zurückkam.

Sie wurde beobachtet.

Es war kein Gedanke. Es war körperlich, ein Ziehen im Nacken, und der Anhänger unter ihrem Mantel wurde in derselben Sekunde kalt, so schnell und so vollständig, dass es weh tat, als hätte man ihr Eis auf das Brustbein gelegt. Genau so war es im Winter gewesen, wenn die Dunkelheit in der Nähe war. Sophie legte Geld auf den Tisch und ging hinaus.

Der Weg durch das Dorf war leer. Die Straßenlaternen warfen lange Schatten auf das Kopfsteinpflaster, und am Zaun des vorletzten Hofs stand der Mann, der einmal Ott gewesen war, obwohl es tiefe Nacht war und kalt, und sah der leeren Straße zu. Als Sophie vorbeikam, wandte er den Kopf.

„Kennen Sie meinen Namen?“, fragte er höflich. „Ich habe ihn verlegt.“

Sophie blieb stehen. In ihrer rechten Hand, unter dem Handschuh, begann die dunkle Linie zu ziehen.

„Ott“, sagte sie leise. „Sie heißen Ott.“

Er lächelte, freundlich, ohne dass es ihn erreichte. „Wenn Sie meinen“, sagte er, und sah wieder der Straße zu, und Sophie ging weiter und schämte sich dafür, so wie sie sich im Winter geschämt hatte, und erst hinter der Wegbiegung merkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte.

Es war die Kälte, die ihr Angst machte, nicht der Mann. Ott war kein Ungeheuer; Ott war ein freundlicher Mensch, dem man etwas gestohlen hatte, so leise, dass er es nicht einmal vermisste. Aber die Kälte am Anhänger — die kannte sie. Die hatte im Winter jedes Mal in ihrer Brust gesessen, kurz bevor die Dunkelheit sich einen Namen holte.

Sie hatte sich vier Monate lang eingeredet, dass es vorbei war, und jetzt saß dieselbe Kälte wieder da, in einer leeren Dorfstraße, und sagte ihr in einer Sprache ohne Worte, dass etwas Altes zurückgekommen war und in der Nähe stand.

Am oberen Ende der Straße, dort, wo das Licht der letzten Laterne fast erloschen war, stand jemand.

Er stand ganz ruhig, hochgewachsen, mit dunklem Haar und einer Haltung, die zugleich Anmut und Drohung war, und er sah nicht sie an, sondern das Wasser hinter ihr, wie jemand, der eine Straße bewacht, an der er nichts zu bewachen hat. Für einen Augenblick trafen sich ihre Blicke.

Seine Augen waren hell und grau und ohne Wärme, und in ihnen lag etwas, das sie kannte und nicht einordnen konnte, ein Wiedererkennen, das nicht ihres war. Dann blinzelte sie, und er war fort, so vollständig, als hätte die Nacht ihn eingezogen.

Sophie ging die letzten Schritte zu schnell. Sie schloss die Haustür zweimal ab, lehnte sich gegen das kalte Holz und wartete, bis ihr Atem ruhig ging. Der Anhänger an ihrer Brust war wieder warm geworden. Warm hieß, die Kälte war fort. Warm hieß auch, dass etwas anderes wach war und in der Nähe.

Im Gasthof „Zum Silbermond“ auf der anderen Seite des Dorfes trat zur selben Stunde ein Mann an die Theke, dessen Mantel schwer war vom Tau.

Die Gespräche der wenigen Gäste verebbten, ohne dass jemand hätte sagen können, warum, und die Wirtin, die ihren Mann seit dem Winter allein aufzog, weil er am Zaun stand, spürte einen Zug in den Fingern, als sie ihm den Schlüssel gab.

„Zimmer drei“, sagte sie. „Oben links.“ Ihr Blick ging zu seinen Händen, die in schwarzen Lederhandschuhen steckten.

„Danke.“ Seine Stimme war tief und ruhig und ließ das Blut langsamer gehen. Er stieg die Treppe hinauf, ohne dass man seine Schritte hörte, und in Zimmer drei setzte er sich auf die Bettkante und zog etwas aus der Manteltasche, das er zwischen den Fingern rollen ließ.

Es war keine Münze. Es war eine alte Marke aus Silber, wie sie das Haus Wolfenberg an seine Boten gegeben hatte, vor langer Zeit, mit einem Halbmond auf der einen Seite und einem Wolf auf der anderen, und Damian hatte sie hundertsechzig Jahre lang getragen, seit der Nacht, in der man sie ihm hätte abnehmen sollen und es vergessen hatte.

Er ließ den Halbmond im Kerzenlicht aufblitzen.

„Bald“, sagte er in die Dunkelheit, und blies die Kerze aus, und die Dunkelheit im Zimmer war eine gewöhnliche, in der ein Mann sich schlafen legt, und trotzdem lag sie schwerer als sonst über dem Haus, noch lange, nachdem das Licht erloschen war.