Kapitel 3 — Das Geheimnis des Halbmonds
Weber erwartete sie. Er erwartete sie inzwischen immer, seit er im Winter aufgehört hatte, ein Türhüter zu sein, und angefangen, ein Mitwisser zu werden, und Sophie hatte gelernt, dass ein Mitwisser einem mehr Angst macht als ein Türhüter, weil ein Mitwisser weiß, was hinter der Tür liegt.
Die schweren Eichentüren der Bibliothek des Klosters Reichenau öffneten sich mit dem vertrauten Knarren, und der Geruch von altem Papier und Leder und kaltem Stein empfing sie. Weber saß nicht hinter dem Empfangstresen.
Er saß am hintersten Tisch, unter der einen Lampe, die er sich hatte einbauen lassen, und vor ihm lag das Verzeichnis der Wächter, das dicke, in Kalbsleder gebundene Buch, in das seit Jahrhunderten jeder eingetragen worden war, der die Tür gehalten hatte, und in das er im Winter mit eigener Hand einen letzten Namen eingetragen hatte.
Seine grauen Augen, hinter der schmalen Brille, sahen müde aus.
„Frau Keller.“ Er schob ihr einen Stuhl hin. „Sie sehen aus, als hätten Sie schlecht geschlafen. Setzen Sie sich, bevor Sie umfallen, und erzählen Sie mir, was Sie hertreibt. Es ist nicht der Anhänger, den kennen wir. Es ist etwas Neues.“
„Ich träume von ihm“, sagte Sophie. „Von Alexander. Jede Nacht. Und er warnt mich.“ Sie setzte sich. „Und seit ein paar Nächten sage ich im Schlaf einen Namen, den ich nicht kenne. Lukas sagt, er klingt alt.“
Weber legte den Finger auf die Seite vor sich und wurde still.
„Setzen wir das für einen Moment beiseite“, sagte er schließlich, „und ich zeige Ihnen, womit ich mich seit dem Winter herumschlage, denn ich fürchte, es ist dasselbe.“ Er stand auf, schwerfällig, und nahm eine Kerze. „Kommen Sie. Nicht als Restauratorin, die ein Objekt datiert. Als jemand, der weiß, was er in Händen hält.“
Er führte sie durch die hohen Regalreihen, an den verschlossenen Vitrinen vorbei, zu der massiven Holztür, die er mit dem Schlüssel öffnete, den er an einer Kette um den Hals trug. Der Raum dahinter war klein und trocken und roch nach Moder, und auf dem samtbezogenen Tisch lag, unter Glas, ein einzelnes Pergament, so alt, dass es an den Rändern die Farbe von Tee hatte.
„Das habe ich hinter den Chorbüchern gefunden“, sagte Weber. „Es ist älter als der Clan. Es ist älter als das Kloster. Ich schätze, es ist so alt wie die ersten Menschen, die an diesem See geblieben sind, statt weiterzuziehen.“
Sophie zog die Handschuhe an, die linke Hand zuerst, und beugte sich über das Glas.
Ihre ersten Gedanken waren die einer Handwerkerin, und sie war dankbar dafür, weil das Handwerk sie ruhig hielt. Kalbspergament, ungewöhnlich dünn geschabt. Die Tinte auf Eisengallusbasis, an den Rändern zu jenem rostigen Braun oxidiert, das Jahrhunderte braucht.
Und mindestens drei Schriften übereinander, drei Hände, drei Zeiten: die unterste eine Bilderschrift, die sie nicht kannte, darüber eine frühe Minuskel, ganz oben das Latein. Ein Text, der so wichtig gewesen war, dass man ihn immer wieder abgeschrieben hatte, wenn die Sprache darunter starb — und der doch nie hatte weggeworfen werden dürfen.
„Jemand hat sich sehr viel Mühe gegeben, das hier zu bewahren“, murmelte sie. „Und jemand anderes sehr viel Mühe, ein Stück davon zu vernichten.“
Es war eine Zeichnung, unter allem: ein Kreis, von Zeichen umgeben, und im Zentrum des Kreises der silberne Halbmond, denselben, den sie an ihrem Hals trug. Aber es war nicht der Kreis, der ihr den Atem nahm.
Es war der Text darunter, in einer Schrift, die älter war als das Latein, in das man ihn später übersetzt hatte, und in dieser älteren Schrift, mitten in einer Zeile, war ein Wort ausgekratzt.
Nicht durchgestrichen. Ausgekratzt. Jemand hatte die Tinte mit einer Klinge von der Haut geschabt, sorgfältig, Buchstabe für Buchstabe, bis nur noch eine helle, raue Stelle blieb, dort, wo ein Name gestanden hatte.
„Sehen Sie das auch“, sagte Weber leise. Es war keine Frage.
„Jemand hat einen Namen entfernt.“ Sophie fuhr mit dem behandschuhten Finger über das Glas, über die raue Stelle. „Sehr sorgfältig. Das ist keine Zensur, Dr. Weber. Zensur streicht durch. Das hier ist… es sollte sein, als hätte der Name nie existiert.“
„Und darunter?“ Weber deutete auf die lateinische Übersetzung am Fuß des Blattes, jünger, in einer Hand, die Sophie inzwischen kannte. „Lesen Sie.“
Sophie las.
Die Buchstaben waren verblasst, aber die Formel war dieselbe wie überall in dieser Geschichte, dieselbe, die Konrad Keller 1863 abgeschrieben hatte, dieselbe, mit der Alexander seinen Namen in den Stein geschnitten hatte: Nur das, was gegeben wurde, kann genommen werden. Und über der Formel, wie eine Überschrift, drei lateinische Worte, die sie sofort erkannte, weil sie in einem anderen Buch standen, das sie im Herbst zum ersten Mal in diesem Kloster gelesen hatte.
Videtur revelare quod latet. Es scheint zu enthüllen, was verborgen liegt.
„Das erste Siegel“, sagte Weber. „Nicht das von 1863. Nicht einmal das der Gründung. Das erste. Und hier steht, in einer Sprache, die kaum noch jemand lesen kann, wer den Preis dafür bezahlt hat. Nur hat jemand vor sehr langer Zeit dafür gesorgt, dass wir es nicht mehr wissen.“
Sophie richtete sich auf. Der Anhänger an ihrem Hals war warm geworden, und unter der Wärme lag das langsame Ziehen, und diesmal war es dem ausgekratzten Wort zugewandt wie eine Kompassnadel.
„Warum kratzt man einen Namen aus, den ohnehin niemand mehr lesen kann?“, fragte sie.
„Weil ein Name Macht hat, auch wenn man ihn nicht mehr lesen kann.“ Weber sah sie an. „Und weil manche Dinge nur so lange sicher sind, wie man sie vergisst.“
Auf einem zweiten Stapel, den Weber ihr zeigte, lag ein jüngeres Manuskript, kaum dreihundert Jahre alt, und das war das gefährliche. Es beschrieb ein Ritual. Sophie las es zweimal, und beim zweiten Mal wurde ihr kalt.
Es war kein Ritual, um jemanden zu befreien. Es war ein Ritual, um die Tür zwischen den Lebenden und dem, was hinter der Tür lag, ganz aufzureißen — eine Bresche, die sich nicht mehr schließen ließ, geöffnet an genau der Naht, in der ein Name eingeschlossen war.
„Wer so etwas versucht“, sagte Weber, und seine Stimme war ganz trocken, ganz präzise, „will nicht retten. Er will herauslassen. Und wer herauslässt, was hinter dieser Tür liegt, sollte einen sehr guten Grund haben zu glauben, dass er es danach beherrschen kann. Ich kenne in sechshundert Jahren Verzeichnis keinen, der es konnte.“
„Warum zeigen Sie mir das?“, fragte Sophie. „Sie hätten es unter Glas lassen können. Ich hätte nie davon erfahren.“
„Weil jemand danach fragt.“ Weber schloss die Vitrine. „Seit einigen Wochen. Nicht laut, nicht direkt — über Umwege, mit dem Geld eines Mannes, der nicht genannt werden will. Jemand hat sich nach genau diesen Texten erkundigt. Und dann fangen Sie an, im Schlaf einen alten Namen zu sprechen.“ Er sah sie über die Brille an.
„Ich glaube nicht an Zufälle, Frau Keller, dafür bin ich zu lange Archivar. Wenn jemand die Anleitung sucht, eine Tür aufzureißen, und im selben Monat träumt die einzige Frau, die den Schlüssel dazu am Hals trägt, jede Nacht von dem Mann, der hinter dieser Tür liegt — dann bereite ich mich lieber vor, als überrascht zu werden.“
Er begleitete sie durch die Regalreihen zurück. „Seien Sie vorsichtig, mit wem Sie reden“, sagte er. „Und wenn Ihnen jemand anbietet, bei Ihren Träumen zu helfen — dann kommen Sie zu mir, ehe Sie ihm glauben.“ Sophie versprach es, und sie hielt es sich hinterher zugute, dass sie es wenigstens versucht hatte.
Sophie verließ das Kloster mit dem Kopf voller ausgekratzter Buchstaben. Draußen war der Himmel grau, und ein kalter Wind kam vom See, und am Ende des Kreuzgangs, dort, wo der Weg zum Steg abbog, wartete jemand auf sie.
„Verzeihen Sie.“ Der Mann trat aus dem Schatten des Torbogens, hochgewachsen, dunkelhaarig, mit einem höflichen, fast zu vollkommenen Lächeln. Seine grauen Augen ruhten auf ihr mit einer Aufmerksamkeit, die zu genau war.
„Mein Name ist Damian. Ich beschäftige mich mit alten Geschichten. Und Sie, wenn ich richtig unterrichtet bin, mit alten Büchern.“ Sein Blick ging kurz zu ihrem Hals, dorthin, wo der Anhänger unter dem Schal lag, als wüsste er genau, was dort hing. „Ich glaube, wir haben mehr gemeinsam, als Sie ahnen, Frau Keller.“
Sophie zog den Schal enger und ging weiter, und ihr Herz schlug zu schnell, und sie wusste zweierlei mit der Sicherheit, mit der man im Traum weiß: dass diese Begegnung kein Zufall war, und dass die Kälte, die ihr im Nacken saß, dieselbe war wie am Abend zuvor in der leeren Dorfstraße.