Kapitel 1 — Blutmond im Wald
Elias
Der Wind schnitt wie tausend Klingen durch die Dunkelheit, trug den fauligen Geruch von Verwesung und das Heulen von Wölfen mit sich. Elias bewegte sich lautlos durch das Unterholz des Blutmond-Waldes, seine Bewegungen geübt, seine Sinne geschärft. Der Wald war ein feindseliger Ort, besonders in Nächten wie dieser, wenn der Vollmond blutrot am Himmel hing und die Schatten lebendig zu werden schienen. Jeder Schritt musste bedacht sein, jeder Atemzug kontrolliert, denn ein einziger Fehler konnte hier tödlich sein.
Elias' Hände umklammerten den ledernen Griff seiner Armbrust, die mit einem Bolzen aus reinem Silber geladen war. Seine Augen huschten über die knorrigen Stämme der Bäume, deren Äste wie verdrehte Finger in die Nacht ragten. Die Kälte kroch in seine Knochen, doch er spürte sie kaum – die Jagd ließ ihn alles andere ausblenden. Der Geruch von feuchtem Moos und nassem Holz drang in seine Nase, doch darunter lag etwas, das seine Alarmglocken schrillen ließ: der metallische Hauch von Blut.
Die Kreatur, die er jagte, ließ keinen Frieden in dieser Region. Gerüchte sprachen von verschwundenen Kindern, zerfetzten Viehherden und Nächten voller Schreie. Doch für Elias war dies mehr als eine Jagd. Es war Vergeltung. Ein weiteres Stück Schuld, das er tilgen konnte – oder zumindest die Illusion davon.
Plötzlich blieb er stehen, die Anspannung in seinen Schultern ließ ihn wie eine gespannte Feder wirken. Der Wald schien den Atem anzuhalten, jeder Laut verschluckt von einer erdrückenden Stille. Dann – ein tiefes Knurren. Es kam von rechts, gerade außerhalb seines Sichtfelds. Elias duckte sich hinter einen dichten Dornenbusch, jede Bewegung präzise, kontrolliert.
Ein Schatten schob sich zwischen die Stämme, größer und massiger als ein Mensch, die Muskeln unter verfilztem Fell angespannt. Die bernsteinfarbenen Augen der Kreatur glühten wie Flammen, durchbohrten die Dunkelheit. Elias spannte die Sehne seiner Armbrust, sein Atem verlangsamte sich wie von selbst. Er war in diesem Moment nicht mehr er selbst – er war ein Werkzeug, ein Schatten, ein Jäger.
Die Kreatur verharrte, hob die Nase und schnupperte in die Luft. Elias wusste, dass sie ihn roch. Doch er blieb ruhig, ein Raubtier, das auf den perfekten Moment wartete. Der Bolzen aus seiner Armbrust schoss durch die Luft und traf die Kreatur in der Seite. Ein markerschütterndes Jaulen ließ die Nacht erbeben. Das Biest taumelte, schüttelte sich und stürmte auf ihn zu.
Elias hatte keine Zeit, nachzuladen. Er warf sich zur Seite, spürte den Hauch der Krallen, die durch die Luft schnitten, wo er noch einen Moment zuvor gewesen war. Ein silbernes Messer glitt in seine Hand, als er sich aufrichtete. Der Nahkampf war chaotisch, brutal. Zähne blitzten, Klingen schnitten, Blut spritzte. Die Kreatur schlug nach ihm, doch Elias wich aus, umkreiste sie, suchte nach einer Lücke in ihrer Verteidigung. Schließlich drang sein Messer tief in die Brust des Werwolfs. Das Biest stieß ein letztes, keuchendes Knurren aus, bevor es zusammensackte.
Elias trat keuchend zurück, betrachtete seine blutverschmierte Klinge. Der Werwolf lag reglos im Laub, das Fell von Blut durchtränkt. Doch etwas war anders. Unter dem Fell schimmerten Symbole, eingeritzt in die Haut der Kreatur, als wären sie Teil eines dunklen Rituals. Sie leuchteten schwach im rötlichen Schimmer des Mondes, wie eine Warnung.
Ein Zittern lief durch seinen Körper, das nichts mit der Kälte zu tun hatte. Er kannte diese Zeichen, hatte sie schon einmal in einem alten Buch seines Vaters gesehen. Sie hatten damals keine Bedeutung für ihn gehabt, doch jetzt ... Der Gedanke ließ ihn nicht los.
Er kniete sich hin, durchsuchte die Überreste der Kreatur, doch er fand nichts, das ihm Aufschluss geben konnte. Der Wald schien ihn zu beobachten, als wüsste er mehr, als er jemals preisgeben würde. Elias schüttelte den Kopf, zwang sich dazu, die Symbole beiseitezuschieben. Für Antworten wäre später Zeit.
Ein leises Stöhnen ließ ihn innehalten. Elias hob den Kopf, die Klinge noch in der Hand, und lauschte. Das Geräusch kam aus der Nähe, verborgen hinter einem umgestürzten Baum. Vorsichtig bewegte er sich darauf zu, die Dunkelheit um ihn herum wie ein lebendiger Mantel.
Hinter dem Baum, eingeklemmt zwischen Moos und rissigen Ästen, lag eine Gestalt – klein, zierlich, blass. Eine Frau. Blut sickerte aus mehreren Wunden, und ihre Kleider waren zerrissen. Sie war kaum bei Bewusstsein, doch ihre Lippen bewegten sich stumm, als wollte sie etwas sagen.
Elias' erster Instinkt war, sich abzuwenden. Wer sie auch war, sie gehörte nicht zu ihm, und der Wald war kein Ort für Mitgefühl. Doch dann sah er ihren Blick – für einen kurzen Moment öffneten sich ihre Augen und trafen die seinen. Schmerz und Leben, ein seltsames Durcheinander aus Verzweiflung und Stärke, spiegelten sich darin wider.
Sein Blick wanderte zur Kette um seinen Hals, dem Andenken an seine Familie. Bilder blitzten in seinem Kopf auf: Seine Schwester, die um Hilfe schrie. Seine Mutter, deren Hand er nicht mehr hatte halten können. Die Erinnerung traf ihn wie ein Hieb in den Magen. Er konnte sie nicht einfach sterben lassen. Nicht wie damals.
„Verdammter Wald“, murmelte er und kniete sich zu ihr hinunter. Ihre Haut war eiskalt, ihr Atem flach. „Bleib bei mir. Noch nicht.“
Sie versuchte, etwas zu sagen, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „... nicht ... laufen ... sie kommen ...“
Die Worte waren unvollständig, doch sie ließen Elias innehalten. Wer? Wer kam? Der Wald schien seine Frage zu verhöhnen, schweigend und unergründlich.
Er hob sie vorsichtig hoch, spürte ihre Leichtigkeit, als wäre sie nur eine Hülle. Die Rückkehr zur Jagdhütte war mühsam. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an, die Last auf seinen Schultern – körperlich wie emotional – wog wie eine Bürde. Der Blutmond tauchte die Welt in ein unheilvolles Licht, und die Geräusche des Waldes klangen wie ein Chor aus Flüstern und Drohungen.
Schließlich tauchte die Hütte zwischen den Bäumen auf, ein Relikt aus einer Vergangenheit, die er seit Jahren zu vergessen versuchte. Die Tür quietschte protestierend, als er sie öffnete. Der Duft von altem Holz und Rauch hüllte ihn ein, Erinnerungen, die er nicht willkommen hieß.
Elias legte die Frau auf das alte, staubige Bett, zündete die Lampe an und begann, ihre Wunden zu untersuchen. Der Anblick ließ ihn innehalten. Unter dem getrockneten Blut und der zerrissenen Haut schimmerten Symbole – dieselben, die er auf dem Werwolf gesehen hatte.
Ein Knoten bildete sich in seinem Magen. Was bedeuteten diese Zeichen? Und wer war sie? Zweifel nagten an ihm, doch der Ausdruck auf ihrem Gesicht hielt ihn davon ab, sie ihrem Schicksal zu überlassen.
„Verdammt noch mal“, murmelte er, während der Wind draußen durch die Bäume heulte und der Blutmond über ihnen wachte.