Kapitel 1 — Der verborgene Angriff
Emilia Brandt
Die Nacht hatte sich wie ein schwerer Schleier über Berlin gelegt, als Emilia Brandt mit schnellen, zielgerichteten Schritten durch die labyrinthartigen Korridore der BND-Zentrale eilte. Der sterile Geruch von frisch desinfizierten Flächen und das gleichmäßige Summen der Beleuchtung waren allgegenwärtig, doch sie nahm sie kaum wahr. Ihre Gedanken rasten, während sie die dünnen Lippen aufeinander presste und den Aktenordner eng an ihre Brust drückte, als wäre er ein Schutzschild. Der Alarm war vor kaum einer Stunde ausgelöst worden, und seitdem war die Zentrale in einen Zustand hektischer Betriebsamkeit verfallen.
„Brandt, wir brauchen Sie im Serverraum!“, hatte einer der Techniker in Panik gerufen, während sie an ihrem Schreibtisch gesessen hatte, die Stirn über kryptologische Muster gerunzelt. Die Worte hallten noch in ihrem Kopf nach, während sie sich auf das Ziel konzentrierte. Dieser Angriff war anders. Es fühlte sich an wie das Auftauchen eines riesigen Schattens, der sich über die bekannte Ordnung legte. Emilia spürte, wie sich eine bekannte Beklommenheit in ihrer Brust regte – eine Erinnerung an das Chaos, das sie damals verloren hatte, an das, was sie bei Mara nicht hatte verhindern können.
Der Serverraum befand sich tief im Inneren des Komplexes, abgeschottet von jeglichen äußeren Störungen. Die dicken, schalldichten Wände schluckten jedes Geräusch, sodass Emilias Schritte auf dem glatten Boden unheimlich laut widerhallten. Als sie die schwere Stahltür erreichte, hielt sie einen Moment inne, um ihre Gedanken zu sammeln. Sie strich sich eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und löste den Zopf, nur um ihn erneut straffer zusammenzubinden. Es war ein Ritual, das sie beruhigte, eine kleine Geste, die ihr das Gefühl gab, die Kontrolle zu bewahren. Für einen flüchtigen Moment dachte sie an Maras Stimme, die sie früher immer mit einem Lächeln daran erinnerte, die Dinge nicht so ernst zu nehmen. „Manchmal ist es okay, wenn etwas nicht perfekt sitzt“, hatte Mara einmal gesagt. Doch diese Worte fühlten sich jetzt wie aus einer anderen Welt an.
Die Tür glitt mit einem leisen Zischen nach innen auf, und Emilia trat ein. Der Raum war erfüllt von dem schwachen, pulsierenden Licht der Monitore, die in regelmäßigen Abständen Datenströme anzeigten. Die Gesichter der Anwesenden waren in kaltes Blau getaucht, und die Atmosphäre war von stiller Anspannung durchzogen.
„Brandt, endlich!“, rief Dr. Nadja Weber, ihre Vorgesetzte. Die ältere Frau stand mit verschränkten Armen vor einem Bildschirm, ihre Augen scharf wie Messerklingen, die jede Bewegung auf den Datenanalysen verfolgten. Ihr graues Haar war zu einem sauberen Knoten gebunden, und ihr maßgeschneiderter Blazer verlieh ihr die Aura einer Frau, die keine Fehler tolerierte.
„Was genau haben wir hier?“, fragte Emilia, ihre Stimme ruhig, doch ihre grünen Augen funkelten vor Konzentration. Sie stellte den Aktenordner auf einen freien Platz, öffnete ihn und zog ein Notizbuch sowie einen Laptop hervor.
„Ein koordinierter Angriff auf kritische Infrastrukturen“, antwortete Dr. Weber knapp. „Energieversorgung, Banken, Gesundheitswesen – alles wird gleichzeitig attackiert. Und das weltweit.“
Emilias Stirn legte sich in Falten, während sie sich an einen der Monitore setzte und sich einloggte. Ihre Finger flogen über die Tastatur, jede Bewegung präzise und effizient. „Koordiniert ist eine Sache“, murmelte sie, mehr zu sich selbst als zu den anderen, „aber das Timing und die Präzision sind bemerkenswert. Das hier ist keine normale Cyberattacke. Das ist orchestriert.“ Sie spürte die Blicke der anderen im Raum, doch ihre Aufmerksamkeit blieb auf den Daten.
„Das dachten wir auch“, warf einer der Techniker ein. Sein nervöser Blick wanderte zwischen Emilia und seinem Bildschirm hin und her, während er seine Brille zurechtrückte. „Wir haben versucht, die Muster zu analysieren, aber... es ist, als würden wir ständig gegen eine Wand rennen.“
Emilia hob eine Augenbraue und lehnte sich zurück, die Arme vor der Brust verschränkt. „Zeigen Sie mir die Daten.“
Er wirkte erleichtert, als er auf seinen Bildschirm deutete. „Hier. Das ist der Code, den wir bisher entschlüsseln konnten.“ Seine Stimme zitterte leicht, und er sprach schnell, als wolle er die Stille im Raum übertönen.
Emilia beugte sich vor, ihre Augen fixierten die Zeilen des Codes mit der Präzision eines Raubtiers, das seine Beute ins Visier nimmt. Zunächst wirkte es wie eine gewöhnliche Verschlüsselung, doch je länger sie hinsah, desto mehr entdeckte sie. Verborgen in den Schichten des Codes lagen Muster, die eine ungewöhnliche Signatur aufwiesen. Es war elegant, raffiniert – und erschreckend vertraut.
„Das ist Quantenverschlüsselung“, sagte sie schließlich, ihre Stimme leise, aber mit einem Hauch von Besorgnis. „Das ist keine Technologie, die jedem zur Verfügung steht. Die Architektur ist zu sauber, die Redundanzen sind perfekt eliminiert. Wer auch immer das hier orchestriert hat, hat Zugang zu Ressourcen, die weit über das hinausgehen, was ein durchschnittlicher Hacker jemals erreichen könnte.“ Sie hielt inne und fügte hinzu: „Das schränkt die Liste der Verdächtigen erheblich ein.“
Dr. Weber trat hinter sie und blickte über ihre Schulter auf den Bildschirm. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast zu ruhig, als ob sie ihre Emotionen bewusst unter Kontrolle hielt. „Und wer steht ganz oben auf Ihrer Liste, Brandt?“, fragte sie mit kühler Präzision.
Emilias Finger verharrten auf der Tastatur, bevor sie die Enter-Taste drückte und eine weitere Analyse startete. Der Bildschirm flimmerte, Daten strömten über die Oberfläche, bis schließlich ein Symbol erschien. Es war dezent, beinahe unscheinbar – ein einfacher Kreis mit einem darin eingeschlossenen Pfeil –, aber für Emilia war es, als hätte jemand ein Feuerwerk gezündet.
„Das kann nicht sein“, flüsterte sie und lehnte sich zurück. Ihr Körper fühlte sich plötzlich schwer an, als hätte jemand die Luft aus dem Raum gesogen.
„Was haben Sie gefunden?“, drängte Dr. Weber, ihre Stimme scharf, doch ihre Augen wirkten unergründlich.
Emilia drehte sich langsam um, ihre grünen Augen fixierten die der älteren Frau. „Diese Signatur“, sagte sie, ihre Stimme leise, aber fest. „Sie gehört zu Falkenberg Quantum Systems.“
Ein kollektives Einatmen erfüllte den Raum, gefolgt von einer drückenden Stille. Dr. Weber zog die Brauen zusammen, ihr Gesicht regungslos wie eine Maske. „Lucian Falkenberg? Der Tech-Visionär, der sich als moralischer Retter der Menschheit inszeniert?“
„Der gleiche“, bestätigte Emilia, ihre Gedanken rasten. Lucian Falkenberg war nicht nur ein Name. Er war eine Macht. Ein Mann, der gleichermaßen gefürchtet und bewundert wurde, dessen Ambitionen sich nicht nur auf den technologischen Fortschritt, sondern auch auf die Manipulation von Machtstrukturen erstreckten.
„Das ist eine ernste Anschuldigung“, sagte Dr. Weber schließlich, ihre Stimme mit einem Hauch von Skepsis. Ihre Augen verengten sich leicht, und ein winziges Zucken durchlief ihre Lippen. „Sind Sie sicher, dass es kein Versuch ist, ihn zu diskreditieren? Eine Ablenkung vielleicht?“
„Die Signatur ist eindeutig, und die Methoden sprechen für sich“, erwiderte Emilia, ihre Stimme ruhig, aber bestimmt. „Es gibt keinen Raum für Zweifel. Aber ich brauche mehr Zeit, um alles zu analysieren. Wenn es wirklich Falkenberg ist, dann ist das hier mehr als nur ein Angriff. Das ist eine Kriegserklärung.“
Dr. Weber schwieg einen Moment, dann nickte sie knapp. „Tun Sie, was nötig ist, Brandt. Aber bedenken Sie: Sollten Sie falsch liegen, wird das Konsequenzen haben.“
Mit diesem schneidenden Hinweis verließ die Frau den Raum, und Emilia blieb zurück, das Gewicht der Verantwortung wie ein Stein auf ihren Schultern. Sie wandte sich wieder dem Bildschirm zu, ihre Lippen fest zusammengepresst. Die Welt, wie sie sie kannte, schien sich unter ihren Fingern zu verändern, und ein Name schwebte wie ein dunkler Schatten über allem: Lucian Falkenberg.
Doch tief in ihrem Inneren wusste Emilia, dass dies erst der Anfang war.