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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Die Zwänge des Adels


Alisabeth

Der Tag brach an, doch der Himmel über Burg Falkenstein blieb in einem tristen Grau verhangen – als ob selbst die Natur die Beklommenheit in Alisabeths Brust spürte. Der schwere Duft von feuchtem Stein und Wachs hing in den Fluren, während Diener in gedämpfter Eile die letzten Vorbereitungen für den heutigen Anlass trafen. Alisabeth stand in ihrem Gemach vor dem großen, polierten Spiegel, der ihr ein Bild zeigte, das ihr zugleich vertraut und fremd war.

Ihr Kleid aus aschblauem Samt schmiegte sich elegant an ihre zarte Silhouette. Die feinen Stickereien aus Silberfäden wirkten wie frostige Ranken, die sich über das Gewand zogen. Margarethe, ihre treue Zofe, stand hinter ihr und vollendete gerade die kunstvollen Zöpfe, die Alisabeths Haar zu einer Krone woben. Doch so makellos ihr Erscheinungsbild auch sein mochte, in ihren graublauen Augen spiegelte sich nichts als innere Unruhe.

„Ihr seht aus wie eine Vision, Herrin,“ sagte Margarethe schließlich und versuchte, ihre Stimme fest und aufmunternd klingen zu lassen. „Doch… manchmal frage ich mich, ob Schönheit allein genug ist.“

Alisabeth lächelte schwach, doch ihre Gedanken blieben dunkel. Der heutige Tag war ein weiterer Schritt in einem Leben, das nicht ihr eigenes zu sein schien. Die Verlobung mit Bernhard von Rabenhorst sollte offiziell verkündet werden – eine Verbindung, die politisch sinnvoll war, jedoch alles andere als ein Wunsch aus ihrem Herzen entsprang.

„Ist dies der Weg, den ich gehen sollte?“ flüsterte sie schließlich, mehr zu sich selbst als zu Margarethe.

Die Zofe hielt in ihrer Bewegung inne, ihre Finger verweilten auf einer Haarsträhne. „Es ist der Weg, den Euer Vater für Euch bestimmt hat, Herrin. Und der Graf… er weiß, was das Beste für Euch ist.“ Doch ihre Stimme zitterte leicht, als ob sie selbst nicht an die Wahrheit ihrer Worte glaubte.

Alisabeth schnürte das Mieder ihres Kleides enger, als ob sie damit die aufkeimenden Zweifel ersticken könnte. Sie war stets eine gehorsame Tochter gewesen, treu gegenüber ihrem Vater, der nach dem Tod ihrer Mutter alles für sie gewesen war. Doch in letzter Zeit hatte sich etwas verändert. Ein Schatten schien über Wilhelm von Falkenstein zu liegen – ein Geheimnis, das sie nicht zu benennen vermochte und das ihre unerschütterliche Loyalität zu ihm leise, aber stetig untergrub.

„Das Beste für mich...“ murmelte sie bitter und zog sich von Margarethe zurück.

Die Glocke der Kapelle dröhnte durch die Burg und kündigte die bevorstehende Zeremonie an. Margarethe zupfte einen letzten Faltenwurf ihres Kleides zurecht. „Ihr solltet Euch auf den Weg machen, Herrin. Der Graf und Ritter Bernhard werden bereits in der großen Halle warten.“

„Ja, natürlich“, antwortete Alisabeth, doch ihre Stimme klang hohl.

Ihre Schritte hallten in den steinernen Gängen wider, während sie sich der großen Halle näherte. Der Duft von gebratenem Fleisch, frischem Brot und Gewürzwein drang aus der Küche herauf – Festlichkeiten erforderten schließlich Fülle und Pracht. Doch Alisabeth empfand nichts als eine bleierne Schwere, die sie zu Boden zu drücken drohte.

Am Eingang zur Halle hielt sie inne. Die hohen Türen aus dunklem Eichenholz standen weit offen, und der Klang von Stimmen und Gelächter erfüllte den Raum. Sie konnte Bernhard bereits sehen, wie er in seiner glänzenden Rüstung und einem prächtigen, mit Pelz besetzten Umhang mitten im Raum stand. Mit jovialer Miene sprach er zu einer Gruppe von Adeligen, die seine Worte mit unterwürfigem Lachen begleiteten.

Er war groß, eindrucksvoll, wie eine verkörperte Statue aus Macht und Entschlossenheit. Doch Alisabeth sah in ihm nur die Kälte seiner eisblauen Augen, die selbst dann beherrschend blieben, wenn sein Mund zu einem charmanten Lächeln geformt war.

„Meine Tochter,“ ertönte die tiefe Stimme ihres Vaters, die sie aus ihren Gedanken riss. Der Graf stand seitlich neben Bernhard, seine Haltung aufrecht, sein Gesicht von der strengen Würde geprägt, die ihn stets umgab. Doch in seinem Blick lag ein drängendes Erwartungsgemisch aus Stolz und Kontrolle – und ein flüchtiger Schatten von Unruhe, den Alisabeth nicht deuten konnte.

„Vater.“ Alisabeth zwang sich zu einem höfischen Lächeln und trat in die Halle. Die Blicke wandten sich ihr zu, und für einen Moment spürte sie die Last ihrer Rolle als Aushängeschild der Falkensteins stärker denn je.

Bernhard trat ihr entgegen, ergriff ihre Hand und führte sie mit einer geschmeidigen Bewegung zu sich. „Alisabeth,“ begrüßte er sie mit einer Stimme, die sowohl schmeichelnd als auch fordernd klang. „Ihr seht aus wie eine Göttin, die vom Himmel herabgestiegen ist, um die Sterblichen zu beglücken.“

„Ihr seid zu freundlich, Herr Ritter,“ antwortete sie höflich, aber kühl.

Bernhard schien die distanzierte Note in ihrer Stimme entweder nicht zu bemerken oder zu ignorieren. Er hielt ihre Hand fest, ein wenig zu fest, und führte sie in die Mitte der Halle. „Heute ist ein Tag, den wir feiern sollten. Alisabeth, die strahlende Blume der Falkensteins, wird bald meine Gemahlin sein. Unsere Verbindung wird nicht nur unsere Häuser stärken, sondern auch Frieden und Stabilität in diese Region bringen. Ein Bündnis, das unsere Namen unsterblich macht.“

Die Anwesenden applaudierten, doch die Worte hallten in Alisabeths Ohren wie ein Urteil wider. Sie blickte zu ihrem Vater, der mit einem zufriedenen Lächeln nickte, als ob Bernhards Erklärung lediglich die Vollendung eines perfekt gewebten Plans war.

„Und was ist mit meinem Frieden?“ dachte sie, während sie in den Applaus hineinblickte, ohne wirklich Teil dessen zu sein.

„Ihr seid ungewöhnlich still, Alisabeth,“ murmelte Bernhard leise und beugte sich näher zu ihr.

„Es ist ein großer Tag, Herr Ritter,“ antwortete sie, ihre höfische Maske aufrecht erhaltend. „Verzeiht, wenn ich von seiner Bedeutung überwältigt bin.“

Er lachte leise, aber sein Griff um ihre Hand verstärkte sich. „Ihr werdet Euch an die Bedeutung solcher Tage gewöhnen, meine Teuerste.“

Die Feierlichkeiten zogen sich dahin – ein Reigen aus leeren Floskeln, protzigen Gesten und höfischen Spielen, bei denen jeder Schritt und jedes Wort strategisch gewählt war. Doch Alisabeth spürte, wie etwas in ihr zu brodeln begann. Ein innerer Widerstand, der sich wie ein zartes Pflänzchen durch den erstickenden Boden aus Etikette und Pflicht kämpfte.

Als die Glocke zur Abendandacht rief, nutzte Alisabeth die Gelegenheit, sich zu entschuldigen. Sie zog sich in die Stille der Kapelle zurück, wo das kühle Licht der Buntglasfenster auf den Steinboden fiel. Sie kniete vor dem Altar, nicht aus Frömmigkeit, sondern aus dem Bedürfnis nach Stille und einem Moment des Alleinseins.

Im flackernden Licht von Kerzen sprach sie leise, fast flehend: „Ist dies wirklich mein Weg? Soll ich mich fügen, wie es alle von mir erwarten? Oder gibt es… etwas anderes?“

Keine Stimme antwortete ihr, und doch fühlte sie, dass ihre Frage nicht ungehört geblieben war. Ein Lichtstrahl aus den Fenstern fiel auf den Altar, und in den Schatten, die das Kreuz umspielten, glaubte sie für einen Moment, eine Silhouette zu sehen – wie die Gestalt eines Vogels, der sich aufschwang.

Auf dem Weg zurück in ihr Gemach begegnete sie ihrem Vater, der sie mit einem durchdringenden Blick musterte. „Alisabeth. Ich hoffe, Ihr wisst, wie wichtig dies für unsere Familie ist. Ihr werdet Eure Rolle erfüllen.“ Seine Stimme war ruhig, aber unnachgiebig.

„Natürlich, Vater,“ antwortete sie und senkte ihren Blick. Doch in ihrem Inneren begann etwas zu wachsen, was sie noch nicht ganz benennen konnte.

Als sie schließlich allein war und die Nacht hereinbrach, trat sie ans Fenster. Der Wind trug das Heulen eines entfernten Wolfes mit sich, und Alisabeth sah hinaus in die Dunkelheit. Ihre Finger glitten über das kühle Glas, und sie flüsterte leise: „Vielleicht gibt es da draußen mehr als diese Mauern… mehr als diese Zwänge.“

In der Ferne schien der Himmel ein wenig heller zu werden, und in diesem Moment merkte Alisabeth, dass der Gedanke an Freiheit sie nicht länger loslassen würde.