Kapitel 2 — Ankunft des geheimnisvollen Spielmanns
Laurin
Der Wind trug den Klang von Pferdehufen und das Quietschen eines beladenen Wagens über die holprigen Straßen, die zur Burg Falkenstein führten. Laurin von Eichenwald zog den schlichten Umhang enger um sich, um den eisigen Hauch des frühen Frühlings abzuwehren. Sein Blick richtete sich auf die gewaltigen Mauern, die in der Ferne emporragten, düster und unnahbar wie die Schatten seiner eigenen Vergangenheit.
Jeder Schritt auf diesen Pfaden ließ die Erinnerungen an jene Nacht zurückkehren, an Flammen und Schreie, an die Kälte des Steins, als er sich vor seinen Verfolgern versteckte. Seine Finger umklammerten unbewusst die Riemen des Instrumentenkastens auf seinem Rücken. Vor zwanzig Jahren war er aus einer ähnlichen Burg geflohen, damals noch ein Kind, das dem Tod seiner Familie nur knapp entkam. Heute war er zurück in den Höfen der Macht – wenn auch verborgen hinter der Maske eines fahrenden Spielmanns.
"Eine beeindruckende Festung, nicht wahr?" Der Händler, der Laurin ein Stück des Weges mitgenommen hatte, sprach mit ehrfürchtiger Stimme. "Die Falkensteins haben sie gut gegen die Zeiten gewappnet. Es heißt, selbst ein König müsste zweimal überlegen, bevor er diese Mauern angreift."
Laurin wandte sich ihm zu und lächelte höflich. "Man sagt, die Stärke eines Schlosses hängt weniger von seinen Mauern als von den Herzen derer ab, die es bewohnen." Seine Worte klangen ungezwungen, doch in ihnen schwang eine leise Schärfe mit, die der Händler nicht zu bemerken schien.
"Mag sein, doch die Falkensteins sind ein mächtiges Geschlecht," fuhr der Händler fort, ohne auf Laurins Bemerkung einzugehen. "Es gibt Geschichten über ihren Reichtum, ihre Stärke. Aber auch über Geheimnisse. Einige sagen, sie hätten ihren Besitz nicht ohne den ein oder anderen Kompromiss erlangt."
Laurin nickte langsam, während sein Blick auf die Zugbrücke fiel, die vor ihnen lag. Innerlich brannte er vor Neugier, doch er hütete sich, allzu großes Interesse zu zeigen.
Als sie die Zugbrücke erreichten, musterten die Wachen ihn mit misstrauischen Blicken. "Was führt Euch zur Burg Falkenstein?" Der Ton des Anführers war rau, die Hand an seinem Schwertknauf.
Laurin verneigte sich leicht und zog seine Laute von der Schulter. "Ich bin ein Spielmann, Herr, eingeladen, die hohen Herrschaften beim Frühlingsfest zu unterhalten."
Die Wachen wechselten Blicke, bevor sie den Weg freigaben. "Seid willkommen, doch benehmt Euch. Der Burgherr duldet keine Störungen."
Laurin nickte dankend und trat durch das Tor, doch das Gefühl der Gefahr ließ ihn nicht los. Die groben Steine unter seinen Füßen schienen ihn weiter in die Vergangenheit zu ziehen, als würde jeder Schritt ihn tiefer in die Schatten seiner Geschichte führen.
Der Burghof war ein pulsierender Ort, erfüllt von den Geräuschen geschäftiger Vorbereitungen. Diener eilten mit Tabletts und Krügen umher, während Adelige in prächtigen Gewändern Gespräche führten, die vor Höflichkeit trieften. Laurin ließ den Blick schweifen, nahm Gesichter und Bewegungen auf, suchte nach Hinweisen, die ihm weiterhelfen konnten.
Sein Blick blieb an einer Gruppe von Männern hängen, die in der Nähe des Brunnens standen. Einer von ihnen, groß und breit gebaut, trug einen pelzbesetzten Umhang, der ihn wie einen König in einem Spiel aus Dominanz und Macht erscheinen ließ: Bernhard von Rabenhorst. Laurin hatte den Namen oft gehört, genug, um eine leise Flamme des Hasses in ihm zu entfachen, lange bevor er den Mann tatsächlich gesehen hatte.
Bernhards Lachen dröhnte über den Hof, und für einen Moment schienen sich ihre Blicke zu treffen. Laurin zwang sich, ruhig zu bleiben, neigte den Kopf und ließ seine Finger wie beiläufig über die Saiten seiner Laute gleiten. Bernhard musterte ihn kurz, bevor er sich abwandte und weiter mit seinen Begleitern sprach.
Laurin bewegte sich geschmeidig durch die Menge, seine Präsenz unauffällig, doch seine Augen wachsam. Sein Ziel war die große Halle, wo die Spielleute und Künstler vor dem Fest empfangen wurden. Der Duft von gebratenem Fleisch und Kräutern führte ihn dorthin, und als er eintrat, öffnete sich ihm ein Raum voller Glanz und Pracht.
Die hohen Decken und schweren Wandteppiche erzählten von den Reichtümern der Falkensteins, doch Laurins Aufmerksamkeit wurde von einem anderen Detail gefangen. Einer der größeren Wandteppiche zeigte kunstvoll miteinander verflochtene Adler und Falken, doch in einer Ecke war ein unscheinbares Muster eingefügt: das Wappen der Eichenwalds. Es war verborgen, beinahe ausgelöscht, und doch da.
Sein Atem beschleunigte sich, und sein Herzschlag hämmerte in seinen Ohren. Für einen Moment schien die Welt stillzustehen, während er das Symbol betrachtete. Es war ein stummer Zeuge, ein Beweis dafür, dass die Vergangenheit nicht vollständig begraben worden war.
Ein Diener trat an ihn heran und riss ihn aus seinen Gedanken. "Herr Spielmann, die Gäste beginnen sich zu versammeln. Wärt Ihr so freundlich, Eure Kunst zum Besten zu geben?"
Laurin nickte knapp und folgte ihm, sein Geist jedoch war in Aufruhr. Die Entdeckung des Wappens war ein erster Schritt, ein Hinweis, der ihm den Weg weisen konnte – doch sie war auch eine Erinnerung an alles, was er verloren hatte.
Als die ersten Gäste sich in der Halle sammelten, nahm Laurin seine Laute zur Hand. Die Melodie, die den Raum erfüllte, war zugleich traurig und hoffnungsvoll. "Von Flammen und Schatten, von Tränen und Licht," sang er leise, die Worte von der Laute getragen. "Die Zeit vergeht, doch die Wahrheit bleibt."
Er beobachtete die Gesichter der Anwesenden, suchte nach Reaktionen, nach Zeichen von Schuld oder Verlegenheit. Und dann sah er sie.
Alisabeth von Falkenstein stand am Rand des Raumes, ihr aschblondes Haar schimmerte im flackernden Schein der Fackeln. Ihre Haltung war aufrecht, ihr Blick aufmerksam, doch Laurin bemerkte die leise Melancholie in ihren Augen, die sie von den anderen unterschied.
Ihre Blicke trafen sich, und für einen kurzen Moment schien die Zeit stillzustehen. Laurin hielt den Atem an, überrascht von der Tiefe, die in ihrer Ausstrahlung lag. Dann senkte sie den Blick, fast so, als wolle sie das Band, das sich zwischen ihnen zu spannen begann, nicht anerkennen.
„Die Dame Alisabeth scheint heute eine ganz besondere Anmut auszustrahlen, findet Ihr nicht?“ Eine Stimme riss Laurin aus seinen Gedanken. Ein Adliger, dessen Wangen gerötet vom Wein waren, stand neben ihm und deutete auf Alisabeth.
Laurin lächelte höflich. "Anmut wird oft dort gefunden, wo ein aufmerksames Herz es zulässt."
Doch in seinem Inneren wusste er, dass Alisabeth von Falkenstein mehr war als nur eine Frau der oberen Gesellschaft. Sie könnte der Schlüssel zu allem sein – zu seinem Plan, zu seiner Wahrheit.
Als das Fest seinen Höhepunkt erreichte und die Gäste in Gespräche vertieft waren, zog Laurin sich geschickt zurück. Er hatte genug gesehen, genug Informationen gesammelt, um den nächsten Schritt zu planen. Doch tief in sich spürte er etwas, das ihn beunruhigte: eine leise, aber beständige Faszination für die Frau, die er eigentlich nur als Teil eines größeren Plans betrachtet hatte.
Die Nacht war kalt, als Laurin den Burghof überquerte und in den Schatten verschwand. Über ihm glitzerten die Sterne, wie stumme Zeugen seines Vorhabens.
„Dies ist erst der Anfang,“ murmelte Laurin zu sich selbst, während er in Richtung der verborgenen Geheimnisse der Burg ging. „Die Wahrheit wartet – und ich werde sie finden.“