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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Ankunft in einer fremden Welt


Elisabeth von Lichtenfels

Die Kutsche holperte über das unebene Kopfsteinpflaster, während Elisabeth von Lichtenfels durch das mit Samt ausgeschlagene Fenster hinaus in die herbstliche Landschaft blickte. Die schimmernden Farben des Oktobers – das Gold der Eichen, das Rot der Ahornblätter – schienen in seltsamem Kontrast zu der schweren Last auf ihrer Seele zu stehen. Sie erinnerte sich daran, wie sie als Kind solche Anblicke bewundert hatte, mit einem Herzen, das noch frei von Kummer war. Doch jene Unschuld war längst zerschlagen, und nun war jeder Schritt in diese Welt ein Tanz auf einem schmalen Grat zwischen Hoffnung und Gefahr.

„Wir sind gleich da, meine Herrin,“ sagte Anna, ihre treue Zofe, die ihr gegenüber saß. Ihre Stimme war sanft, doch der Hauch von Sorge darin war unverkennbar. Anna hatte Elisabeth stets mit stiller Loyalität begleitet und kannte die Abgründe, die diesen Moment begleiteten.

Elisabeth nickte nur knapp. Ihre Hände ruhten gefaltet auf dem Schoß, doch ihre Finger waren blass vor Anspannung, die sich in einem leichten Zittern verriet. Sie hatte sich geschworen, dass sie diesmal nicht als Läuferin auf dem Schachbrett der Mächtigen dienen würde. Sie war hier, um zu spielen – und zu gewinnen.

Als die Kutsche schließlich vor dem Schloss hielt, drang das Geräusch von Pferdehufen, Stimmengewirr und Befehlen in den gedämpften Raum. Elisabeth straffte die Schultern, schob die Tür auf und trat hinaus. Der Anblick des Schlosses war überwältigend: hohe, sandsteinfarbene Mauern erhoben sich majestätisch gegen den klaren Himmel, flankiert von kunstvoll angelegten Gärten, in denen die letzten Rosen des Jahres blühten. Ein Hauch von Winter lag in der Luft, der von der kühlen Brise der Wälder getragen wurde. Diener und Wachen in eleganten Uniformen bewegten sich mit präziser Effizienz, doch ihre verstohlenen Blicke sprachen von einer unterschwelligen Spannung.

Ein leises Flüstern hinter ihr ließ sie innehalten – die Stimmen zweier Diener, die sich hastig entfernten, sobald sie merkten, dass Elisabeth sie bemerkte. Doch die Unruhe in ihren Gesichtern blieb bei ihr, wie ein Schatten, der über den hellsten Tag fiel. Elisabeth war sich sicher: Dies war ein Hof, an dem Geheimnisse wucherten wie Dornenranken.

„Willkommen am Hof von Herzog Wilhelm V.“, erklang eine Stimme, klar und süß wie Honig, aber mit einer Schneide darunter, die Elisabeth sofort wahrnahm. Gräfin Margarethe von Hohenstein trat vor, und ihre goldblonden Haare funkelten im Sonnenlicht wie ein Heiligenschein. Ihr Kleid, üppig in Rot und Gold gehalten, unterstrich ihre makellose Erscheinung. Sie verneigte sich knapp, eine Geste, die höfliche Anerkennung mit subtiler Oberflächlichkeit vereinte.

„Gräfin Margarethe“, erwiderte Elisabeth mit einem höfischen Lächeln, das weder Wärme noch Kälte zeigte. Sie verneigte sich ebenso knapp, die Etikette wahrend, aber ohne Unterwürfigkeit. „Ich danke Euch für die Begrüßung.“

Die Augen der Gräfin, strahlend blau und so aufmerksam wie die eines Raubvogels, musterten Elisabeth eingehend. „Es ist eine Ehre, eine Dame von solchem Ansehen hier zu empfangen. Der Herzog wird gewiss erfreut sein, Euch kennenzulernen.“

„Die Ehre ist ganz auf meiner Seite“, antwortete Elisabeth, ihre Stimme ruhig, ihre Worte mit Bedacht gewählt. Doch in ihrem Inneren war sie wachsam, bereit, jede Nuance in Margarethes Tonfall oder Haltung zu analysieren. Als die Gräfin sich leicht über die Schulter wandte, bemerkte Elisabeth ein kaum merkliches Zucken ihrer Mundwinkel – eine Geste, die ebenso gut eine höfische Höflichkeit wie eine verborgene Verachtung sein konnte. Ihre Rivalität hatte begonnen, bevor ein einziges Wort zu viel gesprochen wurde.

Ein Diener trat heran und bot Elisabeth an, sie zu ihren Gemächern zu führen. Margarethe begleitete sie, plaudernd über die Schönheit des Schlosses und die bevorstehenden Festlichkeiten. Doch Elisabeth hörte nur mit halbem Ohr zu, während sie ihre Umgebung aufmerksam musterte. Die Marmorböden glänzten wie ein stiller See, und die Decken waren mit Fresken geschmückt, die Szenen aus antiker Mythologie und katholischer Heilsgeschichte zeigten. Der Duft von Parfüm und Kerzenwachs hing schwer in der Luft, vermischt mit einer Spannung, die in jedem Flüstern und jeder Bewegung spürbar war.

Als sie die Gemächer erreichten, die Elisabeth zugewiesen worden waren, verneigte sich Margarethe erneut. „Ich hoffe, Ihr werdet Euch hier wohlfühlen, Mylady. Der Hof weiß Eure Ankunft zu schätzen.“

„Ihr seid zu freundlich, Gräfin Margarethe“, antwortete Elisabeth und lächelte, bevor sie in ihre Gemächer eintrat. Kaum war die Tür geschlossen, ließ sie das höfische Lächeln fallen. Die Wände mochten reich mit Tapisserien und Goldverzierungen geschmückt sein, doch für Elisabeth waren sie wie die Mauern einer Festung – ein Ort, der Schutz und Gefangenschaft zugleich bedeutete.

„Es ist alles vorbereitet“, sagte Anna, die Elisabeths Reisekoffer öffnete und begann, die Kleidungsstücke herauszunehmen. Ihre Hand legte sich kurz auf Elisabeths Schulter, eine stille Geste des Trostes. „Aber seid vorsichtig, meine Herrin. Diese Margarethe – ich traue ihr nicht. Ich habe gehört, dass sie manche ihrer Rivalinnen mit einem Lächeln niederstrecken kann.“

„Ihre Freundlichkeit ist ein Schleier, das ist offensichtlich“, antwortete Elisabeth. Sie trat ans Fenster, von dem aus sie die weitläufigen Gärten überblicken konnte. Ihre smaragdgrünen Augen glänzten vor Entschlossenheit. „Doch das macht sie nicht weniger gefährlich. Wir dürfen nichts übersehen.“

***

Am Abend wurde Elisabeth zu einer Audienz beim Herzog gerufen. Der Saal war ein Ort der Pracht und Macht, mit hohen Kerzenleuchtern, die ein warmes Licht über die polierten Böden und die kunstvoll bemalten Wände warfen. Herzog Wilhelm V. saß auf einem erhöhten Podest, flankiert von Beratern und Höflingen, die alle darauf bedacht waren, ihre Position zu wahren oder zu verbessern.

Als Elisabeth sich dem Herzog näherte, hob er die Hand, um sie zum Halten zu bringen. Sein Blick war durchdringend, seine Haltung von einer autoritären Gelassenheit geprägt. Wilhelm V. war ein Mann, dessen Macht nicht nur auf seinem Titel, sondern auch auf seiner Präsenz ruhte. „Elisabeth von Lichtenfels“, sagte er, und seine Stimme hallte durch den Saal. „Ihr seid eine interessante Erscheinung. Eure Familie mag gefallen sein, doch Euer Geist scheint ungebrochen.“

„Ich danke Euch für Eure Gnade, Euer Gnaden“, sagte Elisabeth und knickste tief, ohne ihre Würde zu verlieren. „Es ist mir eine Ehre, an Eurem Hof weilen zu dürfen.“

„Ehre allein ist nicht genug“, erwiderte der Herzog, und ein Hauch eines Lächelns spielte um seine Lippen. „Ich habe Pläne, und Ihr werdet darin eine Rolle spielen, ob Ihr wollt oder nicht.“ Seine Worte waren ein Schleier über einer Drohung, und Elisabeth fühlte, wie die Luft im Saal schwerer wurde.

Elisabeth spürte, wie sich die Blicke der Anwesenden auf sie richteten. Sie hob den Kopf und sah dem Herzog direkt in die Augen. „Ich bin bereit, meinen Platz zu finden, Euer Gnaden“, sagte sie, wobei ihre Stimme ruhig blieb, obwohl ihr Herz schneller schlug. „Doch ich hoffe, dass dieser Platz auch meiner Familie Ehre bringen wird.“

Wilhelm lachte leise, sein Blick jedoch blieb unergründlich. „Wir werden sehen, Elisabeth. Wir werden sehen.“

***

Später, in der Dunkelheit ihrer Gemächer, saß Elisabeth auf einem gepolsterten Stuhl und hielt das kleine Medaillon ihres Vaters in der Hand. Der Mann, dessen Gesicht sich in der Gravur befand, war einst ein Held gewesen, ein Mann von Ehre und Loyalität. Die Intrigen des Hofes hatten ihn verschlungen, und seine Familie in Ungnade gestürzt.

„Ich werde die Wahrheit finden“, flüsterte Elisabeth leise, ihre Stimme ein Versprechen an sich selbst und an den Vater, den sie verloren hatte. Ihre Finger glitten über die Gravur, und die kalte, glatte Oberfläche des Medaillons schien die Schwere ihrer Entschlossenheit zu spiegeln. „Und ich werde sie ans Licht bringen, egal, was es kostet.“

Draußen, im Garten, wehte ein kühler Wind durch die Bäume, und das Rascheln der Blätter klang wie ein leises Flüstern – eine Vorahnung dessen, was noch kommen würde.