Kapitel 2 — Der geheime Spion
Johann von Waldenberg
Die Nacht war sternenklar, der Mond tauchte die engen Gassen der Stadt unterhalb des Schlosses in silbriges Licht. Ein kühler Wind strich durch die Straßen und ließ die Laternen flackern, deren schwaches Leuchten das Kopfsteinpflaster nur spärlich erhellte. Johann von Waldenberg zog seinen groben Mantel fester um die Schultern, während er leise durch die schattigen Ecken schritt. Sein Blick glitt unauffällig über dunkle Fenster und stille Hauseingänge, stets wachsam. Er konnte die Anspannung förmlich spüren, die in der Luft lag – eine unsichtbare Präsenz, die jeden falschen Schritt bestrafen konnte.
Die Geräusche der Stadt waren gedämpft, doch weit entfernt hörte man das leise Klirren einer Schmiede und die raue Stimme eines Straßenhändlers, der wohl nicht wusste, wann genug verkauft war. Johann schritt weiter, seine Stiefel hallten leise auf dem Pflaster. Der vereinbarte Treffpunkt war nicht weit: die Taverne „Zum Schwarzen Eber“, ein Ort, der so unscheinbar wirkte wie die meisten in dieser Stadt. Doch Johann wusste, dass gerade solche Orte die meisten Geheimnisse bargen.
Die Taverne lag in einer engen Seitengasse, eingerahmt von schiefen Fassaden, deren Fensterläden im Wind knarrten. Als er die schwere Holztür aufstieß, schlug ihm der vertraute Geruch von Rauch, Bier und Schweiß entgegen. Die wenigen Gäste warfen ihm flüchtige Blicke zu, bevor sie sich wieder ihrem Würfelspiel oder ihren Gesprächen zuwandten. Johann zog die Kapuze seines Mantels tiefer ins Gesicht und trat ein, seine Bewegungen ruhig und unauffällig.
Der Wirt, ein grobschlächtiger Mann mit schmutziger Schürze und misstrauischem Blick, nickte ihm zu, als er an der Theke stehen blieb. „Ein Zimmer oder ein Krug?“ fragte er mit rauer Stimme, die klang, als hätte sie mehr Rauch als Luft geatmet.
„Beides“, antwortete Johann knapp und ließ ein paar Münzen auf den Tresen gleiten. Der Wirt nahm das Geld mit einem schnellen Griff an sich und deutete mit einer kaum merklichen Bewegung des Kopfes auf eine Ecke, in der ein Tisch halb im Schatten lag. Johann verstand die stumme Aufforderung und setzte sich, den Rücken zur Wand und die Hände locker auf dem Tisch.
Der Raum war erfüllt vom dumpfen Gemurmel der Gäste, vom gelegentlichen Klirren von Würfeln und dem leisen Gluckern des ausgeschenkten Bieres. Johann ließ seinen Blick beiläufig durch die Taverne schweifen, dabei achtete er auf jede Bewegung, jedes Geräusch, das nicht in das Muster der Alltäglichkeit passte. Dies war nicht nur ein Treffpunkt – es war ein Schlachtfeld, auf dem Worte und Gesten zu Waffen wurden.
Die Tür öffnete sich erneut, und ein Mann mit einem ausgefransten Hut und einem zerknitterten Mantel trat ein. Johann erkannte ihn sofort: Sein Kontaktmann. Der mager wirkende Diener des Markgrafen suchte den Raum mit nervösen Augen ab, bis sein Blick auf Johann fiel. Mit zögerlichen Schritten näherte er sich und ließ sich schließlich auf den Stuhl ihm gegenüber sinken.
„Ihr seid pünktlich“, murmelte der Diener, während er seinen Hut abnahm und auf den Tisch legte. Seine Hände zitterten leicht, als er sie ineinander verschränkte.
„Ich bin immer pünktlich“, erwiderte Johann ruhig. Seine Stimme war kontrolliert, seine Augen wachsam wie die eines Jägers. „Was habt Ihr für mich?“
Der Diener warf einen Blick über die Schulter, als erwartete er, dass hinter ihm jemand aus dem Schatten treten würde. „Ihr seid entweder sehr mutig oder sehr dumm, Euch hier zu zeigen“, flüsterte er heiser. „Die Stadt… der Hof… es sind Nester voller Schlangen. Jeder beobachtet jeden.“
Johann ließ sich nichts anmerken, obwohl er die Angst des Mannes spürte. „Erzählt mir, was ich wissen muss“, sagte er mit Nachdruck, ohne die Stimme zu heben.
Der Diener atmete schwer durch und beugte sich näher. „Der Markgraf plant etwas Großes. Vor ein paar Tagen hat er Gesandte aus Frankreich empfangen. Ein geheimes Treffen – tief im Wald, beim alten Jagdhaus. Sie sprachen von Männern, Gold… Waffen. Es ging nicht um bloßen Einfluss. Es ging um einen Krieg. Der Kaiser selbst könnte das Ziel sein.“
Johann ließ die Worte auf sich wirken, während er den Mann unauffällig musterte. Die eingefallenen Wangen, das nervöse Zucken der Finger – dies war ein Mann, dessen Furcht ihn fast überwältigte. „Warum erzählt Ihr mir das?“ fragte er schließlich, seine Stimme leise, aber mit einer Schärfe, die den Diener innehalten ließ.
„Ich… ich habe genug gesehen“, stammelte der Mann. „Der Markgraf… er nutzt uns alle nur aus. Und wenn sein Plan fehlschlägt, dann sind es Männer wie ich, die zuerst fallen.“ Seine Augen flackerten, als hätte er zu viel gesagt, doch Johann nickte nur langsam.
„Und der Herzog?“ fragte Johann, sein Ton abwartend.
Der Diener zögerte, ehe er antwortete. „Wilhelm… er ist kein Narr. Aber er sieht nur, was ihm nützt. Der Markgraf… er versucht, ihn zu beeinflussen, ihn in seine Pläne zu ziehen. Und es scheint zu funktionieren.“
Johann lehnte sich zurück, seine Gedanken rasten, während er die Informationen verarbeitete. Der Markgraf war ein Verführer, ein Netzweber, und wenn selbst der Herzog zu seiner Marionette wurde, war die Gefahr größer, als Johann erwartet hatte.
„Und die Frau?“ warf der Diener plötzlich ein, beinahe unhörbar.
„Welche Frau?“ Johann hielt seinen Blick fest auf den Mann gerichtet.
„Die Lichtenfels“, flüsterte er, als fürchtete er, der Name könnte Unheil heraufbeschwören. „Es heißt, sie sucht etwas. Vielleicht… Rache.“
Johann ließ sich nichts anmerken, doch der Name war ihm vertraut. Elisabeth von Lichtenfels. Sie war eine Frau, deren Geschichte voller Tragik war, deren Vergangenheit ein Schatten war, der sie verfolgte. Er hatte von ihr gehört, von ihrem Fall und dem Verrat, der ihre Familie zerstört hatte. Ihre Anwesenheit am Hof konnte kein Zufall sein.
Der Diener erhob sich langsam, seine Bewegungen zögerlich. „Das ist alles, was ich weiß. Aber seid vorsichtig. Der Markgraf hat Augen überall. Und Margarethe…“ Er verstummte, als hätte er einen Fehler gemacht.
„Was ist mit der Gräfin?“ fragte Johann, seine Stimme scharf.
„Seid einfach vorsichtig“, wiederholte der Diener und zog sich rasch zurück.
Johann blieb noch einen Moment sitzen, nippte an seinem Bier und ließ die Worte des Mannes in seinem Kopf widerhallen. Die dunkle Wahrheit, die sich abzeichnete, war größer, gefährlicher. Und der Name Elisabeth… vielleicht war sie mehr als nur eine Spielerin in diesem tödlichen Spiel.
Er zahlte den Wirt mit einer beiläufigen Geste und trat hinaus in die kalte Nacht. Die Straßen waren still, doch Johann wusste, dass er beobachtet wurde. Die Stadt war voller Augen und Ohren, verborgen hinter Vorhängen und Schatten.
Er zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und machte sich auf den Weg zum Schloss. Die Nacht war noch jung, und seine Mission hatte gerade erst begonnen.