Kapitel 1 — Prolog: Der Fluch des Verrats
Hans Stein
Der Himmel über dem Silbersee war von düsteren Wolken verhangen, die den Mond nur schwach hindurchscheinen ließen. Ein kühler Wind peitschte die Oberfläche des Wassers, ließ es wie flüssiges Metall glitzern und trug den scharfen Geruch von Regen und Erde mit sich. Hans Stein zog seinen Mantel fester um die Schultern, doch gegen die Kälte, die nicht nur in der Luft, sondern auch in seiner Brust lag, schien nichts zu helfen.
Lukas stand vor ihm, die Haare durchnässt und wirr über das Gesicht fallend. Seine Augen – golden, voller Wärme und Erinnerungen – suchten Hans’ Blick, während seine Stimme brüchig und voller Verzweiflung über das Wasser hallte.
„Sie werden mich töten, Hans. Du musst mir helfen. Du bist der Einzige, dem ich noch vertrauen kann.“
Hans schluckte schwer, seine Kehle trocken wie Sandpapier. Die Worte hingen wie Blei in der Luft zwischen ihnen. Er hatte Lukas so oft hier getroffen, an genau diesem Ort, wo sie sich zuvor heimlich die Liebe gestanden hatten. Bilder fluteten seinen Geist: Lukas’ Lachen, das die Stille des Waldes durchbrach, seine Berührungen, die Wärme und Sicherheit versprachen. Doch heute fühlte sich der See anders an. Kälter. Feindseliger. Die Dunkelheit schien tiefer, das Wasser ruhiger, als würde es auf etwas lauern.
„Du verstehst es nicht, Lukas“, flüsterte Hans und wich seinem Blick aus. Sein Herz raste, seine Hände zitterten unter dem Mantel. „Die Dorfbewohner... sie haben Angst. Sie sagen, du bist ein Monster.“
„Ein Monster?“ Lukas’ Lachen klang bitter, fast höhnisch. „Bin ich das für dich?“
Hans schloss die Augen und wünschte sich, dass die Welt für einen Moment stehenblieb. Die Wahrheit lastete schwer auf ihm, zerriss ihn innerlich. Lukas war kein Monster. Nie in all der Zeit, die sie heimlich miteinander verbracht hatten, hatte er je Angst vor ihm gespürt. Und doch... hatte er mit eigenen Augen gesehen, wie Lukas’ Gestalt sich unter dem hellen Schein des Mondes verändert hatte. Wie die Kiefer sich verlängert, die Zähne sich geschärft und die Augen in einem unirdischen Glanz erstrahlt hatten. Es war nicht bloße Angst, die Hans fühlte – es war etwas Tieferes, Rohes. Eine Furcht vor dem Unbekannten und dem, was es bedeutete.
„Hans.“ Lukas trat näher, seine Stimme drängender, seine Bewegungen eindringlich und doch vorsichtig, als würde er auf dünnem Eis gehen. „Ich habe niemandem wehgetan. Du weißt das. All die Geschichten, die sie sich erzählen... es sind nur Lügen. Aber wenn du mich verrätst, dann... dann endet alles. Für mich. Für uns.“
Hans öffnete die Augen, und die Welt legte sich schwer auf seine Schultern. Die Worte „Für uns“ hallten wie ein Echo eines verlorenen Traums in seinem Geist wider. Für einen Moment sah er Lukas an und erinnerte sich an den ersten Kuss, heimlich und voller Angst, aber auch voller Glück. Er dachte an die Dorfbewohner, an ihre angstverzerrten Gesichter, die flüsternden Stimmen hinter geschlossenen Türen. Ihre Angst vor Werwölfen war kein Mythos – sie war unauslöschlich in ihre Herzen eingebrannt. Er dachte an die Kinder, die in den letzten Wochen verschwunden waren, und an den Hass, der sich wie eine Krankheit in ihrem Dorf ausgebreitet hatte. Ein Hass, der sich jetzt auf Lukas konzentrierte.
„Hans.“ Lukas’ Stimme brach, und Hans sah die Tränen, die sich mit dem Regen auf Lukas’ Wangen vermischten. „Bitte.“
Hans wich zurück, seine Füße rutschten auf der feuchten Erde aus. Er wollte etwas sagen, etwas, das die Last von seinem Herzen nehmen würde, doch die Worte kamen nicht. Stattdessen griff seine Hand unbewusst nach der Kette, die unter seinem Hemd verborgen lag – ein kleines, silbernes Kreuz, das ihm seine Mutter einst gegeben hatte. Es brannte gegen seine Haut, als ob es die Schwere seiner Gedanken erahnen könnte.
„Ich muss gehen.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Wispern, doch Lukas hörte es. Er spürte, wie sich die Atmosphäre zwischen ihnen wandelte. Lukas’ Gesichtsausdruck verhärtete sich, und in seinen Augen flackerte etwas Dunkles – keine Wut, sondern eine traurige Akzeptanz, die Hans das Herz brach.
„Du hast bereits entschieden, nicht wahr?“ Lukas trat zurück, seine Schultern sackten herab, und er wirkte plötzlich viel kleiner, verletzlicher. „Ich hätte es wissen müssen. Ich hätte wissen müssen, dass du nicht anders bist als sie.“
„Lukas, das ist nicht wahr! Ich will dich nicht –“
„Geh, Hans.“ Lukas’ Stimme war jetzt rau und kalt wie das Wasser des Sees. „Geh zu deinen lieben Dorfbewohnern. Sag ihnen, wo ich bin. Lass sie kommen. Aber wenn du das tust, Hans... wenn du mich verrätst, dann hoffe ich, dass du verstehst, was das bedeutet.“
Hans öffnete den Mund, doch er brachte keinen Laut hervor. Stattdessen drehte er sich um und begann zu laufen. Seine Füße glitten über die nasse Erde, der Regen klatschte ihm ins Gesicht, und sein Atem ging schwer. Hinter sich hörte er Lukas’ Stimme, leise und voller Schmerz.
„Dein Blut sei gebunden an das, was du am meisten fürchtest.“
Im selben Moment, in dem Lukas die Worte sprach, zuckte ein greller Blitz über den Himmel, und ein ohrenbetäubender Donner ließ den Boden erbeben. Hans blieb stehen, doch er drehte sich nicht um. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter, und er wusste, dass Lukas nicht einfach nur Worte gesprochen hatte – es war etwas Größeres, Dunkleres gewesen. Etwas, das die Luft um ihn herum dicker machte, fast erstickend. Doch er schüttelte den Gedanken ab und rannte weiter, bis er das Dorf erreichte.
Die Dorfbewohner warteten bereits. Sie hatten Fackeln in der Hand, ihre Gesichter waren von einer Mischung aus Angst und Entschlossenheit geprägt. Einige von ihnen sahen Hans mit scharfen, prüfenden Blicken an, als wollten sie ihn auf seine Loyalität testen.
„Hast du ihn gefunden?“ fragte einer der Männer, sein Ton fordernd.
Hans zögerte, seine Kehle fühlte sich trocken an wie die Asche eines erloschenen Feuers. Schließlich hob er zitternd die Hand und zeigte auf den Pfad, der zum Silbersee führte. „Er ist dort“, murmelte er, fast unhörbar. Doch es reichte.
Die Dorfbewohner zogen los, ihre Schritte schwer auf dem nassen Boden. Hans blieb allein zurück, sein Blick auf den dunklen Wald gerichtet. Das Heulen eines Wolfes durchschnitt die Nacht, und für einen Moment fühlte sich Hans, als ob das Heulen direkt aus seinem Inneren kam.
Später, als der Regen aufgehört hatte und der Mond wieder durch die Wolken brach, kehrte Hans zum See zurück. Das Wasser war still, doch der Boden war von Blut getränkt. Lukas lag am Ufer, reglos, seine goldenen Augen starrten leer in die Dunkelheit. Hans stolperte vorwärts, fiel neben ihn auf die Knie und griff nach seiner Hand. Sie war kalt, leblos.
„Es tut mir leid“, flüsterte Hans, seine Stimme ein heiseres Krächzen. „Es tut mir so leid.“
Doch es war zu spät. Eine seltsame Energie durchzog die Luft, und das Wasser des Sees begann sich zu bewegen, obwohl kein Wind wehte. Lukas’ Körper schien für einen Moment zu glühen, und dann verschwand der Glanz, als ob er ins Wasser gesogen würde. Der See wurde wieder ruhig, doch Hans spürte, dass etwas Unausweichliches geschehen war.
„Dein Blut sei gebunden an das, was du am meisten fürchtest.“ Die Worte hallten in seinem Kopf wider, und Hans wusste, dass sein Leben – und das seiner Nachkommen – niemals mehr dasselbe sein würde.
Das Heulen eines Wolfs erhob sich in der Ferne, und Hans wusste, dass es der Beginn eines Fluchs war, der ewig währen würde.