Kapitel 2 — Im Schatten des Mondlichts
Lena Stein
Der Nebelwald von Nachtweiler war still, bis auf das vereinzelte Tropfen des Regens, der von moosbewachsenen Ästen fiel. Dichter Dunst waberte wie ein lebendiges Wesen zwischen den knorrigen Baumstämmen und verschluckte jedes Geräusch. Lena zog ihre Stirnlampe fester um den Kopf, das kalte Licht schnitt durch die undurchdringliche Dunkelheit, während sie vorsichtig einen weiteren Schritt in die Tiefe der Höhle setzte. Der scharfe, modrige Geruch von nassem Stein und altem Holz füllte ihre Lungen und erinnerte sie daran, wie anders diese Welt war – verworren, uralt und voller Geheimnisse.
Ihre Finger strichen über die rauen Wände, suchten nach einer Spur, einer Unebenheit, die sie näher an das brachte, wonach sie suchte. Etwas hatte sie hierhergeführt, etwas jenseits des Rationalen. Es war kein bloßer Zufall, auch wenn Tobias, ihr langjähriger Kollege, das wohl anders sah.
Hinter ihr stolperte Tobias über eine Wurzel, sein Fluchen wurde von der dichten Stille verschluckt. „Lena, ich weiß, dass du immer die Erste sein willst, aber dieser Ort... fühlt sich falsch an.“ Seine Stimme war gedämpft, und obwohl er sich bemühte, locker zu klingen, war die Anspannung in seinen Worten unüberhörbar.
„Falsch?“ Lena drehte sich um, das Licht ihrer Stirnlampe traf Tobias direkt ins Gesicht, sodass er blinzelnd zurückwich. Sie hob eine Augenbraue. „Was kommt als Nächstes? Erzählst du mir, dass wir verflucht sind? Willst du mich daran erinnern, dass du in Ägypten auf eine Katze geschworen hast, dass sie ein Wächter der Toten war?“
Tobias lachte leise, wobei er seine Hände hob, um sich gegen das Licht zu schützen. „Das war was anderes. Das hier... dieser Nebel, Lena. Es ist, als würde er atmen. Wie ein lebendes Ding.“
Lena wandte sich ab, doch insgeheim musste sie ihm zustimmen. Der Nebelwald war anders als alle anderen Orte, die sie je betreten hatte. Es war nicht nur die Stille, die bedrückender war als ein Grab, oder die Tatsache, dass der Nebel sich in seltsamen, unvorhersehbaren Mustern bewegte. Es war das Gefühl, beobachtet zu werden – eine Präsenz, die sich in ihren Nacken bohrte und sie frösteln ließ, obwohl sie sich nichts anmerken ließ.
„Wir sind fast da“, sagte sie und zwang sich, sich auf ihre Suche zu konzentrieren. Tobias blieb dicht hinter ihr, und seine Schritte wurden vorsichtiger, je weiter sie vordrangen. Lena hatte die Karte der Gegend studiert, eine handgezeichnete Skizze, die sie aus einem alten Archiv des Dorfes Morgenhain hatte. Doch selbst auf dieser Karte war die Höhle kaum mehr als eine Randbemerkung.
Nach einigen Minuten blieb sie stehen. Der Boden vor ihr war eingeebnet, und durch die Schattenspiele ihrer Stirnlampe erkannte sie eine flache Plattform, die von Moos und Flechten überwuchert war. Die Luft schien hier kälter, dicker. Lena kniete nieder, ihre Finger zitterten leicht, mehr vor Vorfreude als vor Kälte, als sie den modrigen Schutt und die Erde beiseite schob.
Darunter offenbarte sich ein Ring – massiver, als sie erwartet hatte. Er bestand aus einem metallischen Material, das wie Silber schimmerte, doch im schummrigen Licht einen unheimlichen, bläulichen Glanz ausstrahlte. Die Oberfläche war mit filigranen Gravuren bedeckt – Kreise, Linien und Symbole, die sie auf Anhieb nicht entziffern konnte, die ihr aber vage vertraut vorkamen.
Tobias trat näher, seine Schritte schwer auf dem feuchten Boden. „Was... ist das?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Das ist es“, murmelte Lena, mehr zu sich selbst als zu ihm. Ihre Gedanken rasten, während sie den Ring vorsichtig anhob. Er war schwerer, als sie erwartet hatte, und eisig kühl, obwohl er tief in der Erde gelegen hatte. In seiner Mitte befand sich eine Vertiefung, wie eine kleine Schale, die etwas aufnehmen sollte – Blut, Wasser, sie wusste es nicht.
„Lena, das Ding sieht aus, als sollte es in einer dieser Geschichten auftauchen, die du liest, weißt du? Die, wo Dinge schrecklich schiefgehen.“ Tobias’ tiefer Atem verriet, dass er nervös war, doch Lena beachtete ihn nicht.
Ihre Finger glitten über die Gravuren, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass sie sich bewegten, als ob sie im Mondlicht lebendig würden. Ein scharfer Schmerz riss sie aus ihrem Fokus. Sie fuhr zusammen und sah, wie sich ein kleiner Schnitt an ihrem Zeigefinger öffnete. Dunkle Blutstropfen fielen in die Vertiefung des Rings.
„Lena, bist du—“ Tobias’ Stimme verstummte, als ein kaltes, silbriges Leuchten den Raum erfüllte.
Das Licht flackerte, wurde stärker, und ein eigentümliches Summen erfüllte die Höhle. Lena kniff die Augen zusammen, doch sie konnte nicht wegsehen. Bilder formten sich im Licht, zunächst flüchtig und undeutlich, dann klarer.
Sie sah einen Mann durch einen finsteren Wald rennen, seine Augen weit vor Angst, seine Lippen bewegten sich in stummen Gebeten oder Flüchen. Hinter ihm gellte das Geheul von Menschen, Fackeln warfen zitternde Schatten zwischen die Bäume. Sie konnte spüren, was er fühlte – die Verzweiflung, die Wut, die Hoffnungslosigkeit.
Dann änderte sich die Szenerie abrupt. Ein anderer Mann erschien, die Schultern gebeugt, sein Gesicht im Schatten verborgen. Seine Lippen murmelten Worte, doch Lena konnte sie nicht verstehen. Doch das Gefühl, das von ihm ausging, war erdrückend: Schuld, Verrat, eine Liebe, die in bitterem Schmerz ertrunken war.
„Lena!“ Tobias rüttelte sie an der Schulter, und die Vision zerbrach wie Glas, Rauch wirbelte vor ihren Augen, bevor er von der Dunkelheit verschluckt wurde. Sie keuchte, ihr Atem ging flach, während sie die Realität um sich herum wiedererkannte.
Der Ring lag vor ihr, unscheinbar und regungslos. Das Licht war verschwunden, doch die Kälte, die er ausstrahlte, hatte sich in ihre Haut gegraben.
„Ich habe etwas gesehen“, flüsterte sie, ihre Stimme kaum lauter als der Wind, der durch die Höhle strich.
„Was meinst du mit ‚gesehen‘?“ Tobias’ Augen verengten sich, doch seine Aufmerksamkeit galt weiterhin dem Ring. „Dieser Ort... Ich sag’s dir, wir sollten gehen.“
Lena schüttelte den Kopf, ihre Finger umklammerten den Ring. „Das ist keine Option.“
„Lena, denk nach“, drängte Tobias. „Was, wenn—“
„Ich weiß nicht, was es ist“, unterbrach sie ihn, „aber ich weiß, dass es wichtig ist.“ Ihre Stimme war entschieden, doch ihre Gedanken tosten. Sie konnte nicht erklären, warum sie so sicher war, dass der Ring nicht hierbleiben durfte. Es war, als ob er ein Teil von ihr war, als ob er sie rief.
Mit einem Seufzen gab Tobias nach. „Du wirst dir noch wünschen, dass du auf mich gehört hast.“
Als sie die Höhle verließen, hatte sich der Nebel dichter über den Wald gelegt, und die Stille war fast greifbar. Lena hielt den Ring fest in der Hand, ihre Gedanken kreisten um die Bilder, die sie gesehen hatte. Wer waren diese Männer? Warum spürte sie ihre Schmerzen wie ihre eigenen?
Der Nebelwald schloss sich um sie, der Mond blieb verborgen hinter dichten Wolken. Doch tief in ihrem Inneren wusste Lena eines: Dies war erst der Anfang.