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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Unerwartete Nachricht


Clara Hoffmann

Clara Hoffmann saß an ihrem Schreibtisch in einem modernen Bürogebäude im Herzen Hamburgs. Das späte Novemberlicht fiel durch die großen, bodentiefen Fenster, warf kühle Schatten über die makellosen Oberflächen und spiegelte sich in ihrem Laptop. Sie war ganz in die Präsentation vertieft, die sie für den nächsten Morgen vorbereitete. Es war ein entscheidender Moment, ein Meilenstein in ihrer Karriere. Ihr Team hatte monatelang an diesem Projekt gearbeitet: ein innovatives Stadtteilzentrum, das modernste Architektur mit nachhaltigem Design verbinden sollte. Clara war die treibende Kraft hinter der Vision – wie immer.

Ihr Handy vibrierte am Rand des Tisches und riss sie aus ihrer Konzentration. Sie ignorierte es zunächst, doch das dumpfe Summen hörte nicht auf. Schließlich seufzte sie und griff widerwillig nach dem Gerät. „Notar Müller“ leuchtete auf dem Display. Clara runzelte die Stirn. Ein Notar? Vielleicht ein juristisches Anliegen der Firma? Oder ein Irrtum?

„Hoffmann,“ sagte sie knapp, während sie sich im Stuhl zurücklehnte.

„Frau Hoffmann, hier spricht Notar Müller. Es tut mir leid, Sie in Ihrer Arbeitszeit zu stören, aber ich habe wichtige Neuigkeiten, die Ihre Familie betreffen.“

Das Wort „Familie“ ließ sie innehalten. Clara spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Es war ein Wort, das sie stets auf Abstand hielt, ein Thema, das sie selten in ihrem geordneten Leben zuließ. Sie straffte sich unwillkürlich. „Ich verstehe nicht ganz. Was meinen Sie?“

„Es geht um Ihre Großmutter, Margarete Hoffmann. Sie ist vor wenigen Tagen verstorben.“

Eine plötzliche Stille legte sich über Clara, die selbst den schwachen Straßenlärm von draußen übertönte. Ihre Großmutter. Seit Jahren hatte sie nicht mehr an sie gedacht, noch länger war es her, dass sie sie gesehen hatte. Eine strenge Silhouette schob sich in ihre Gedanken: silbergraues Haar, ein durchdringender Blick, eine Haltung, die selbst in Abwesenheit Autorität ausstrahlte.

„Das ist... unerwartet,“ sagte sie schließlich und räusperte sich, um die Enge in ihrem Hals zu lösen.

„Das kann ich mir vorstellen,“ antwortete Müller mit bedächtigem Ton. „Ich bin verpflichtet, Ihnen mitzuteilen, dass Sie als Haupterbin im Testament Ihrer Großmutter benannt wurden. Es handelt sich um das Weingut Hoffmann in der Moselregion.“

„Das Weingut?“ Clara konnte sich ein trockenes Lachen kaum verkneifen, doch ihre Kehle war zu eng dafür. „Das muss ein Missverständnis sein. Ich habe keinerlei Interesse an einem Weingut. Ich lebe und arbeite in Hamburg. Warum sollte sie glauben, dass ich –?“

„Es gibt einen entscheidenden Punkt,“ unterbrach Müller sie höflich. „Das Erbe ist an eine Bedingung geknüpft: Sie müssen das Weingut für mindestens ein Jahr persönlich führen, bevor Sie darüber verfügen können.“

Claras Verstand raste. Ein Jahr? Sie konnte nicht einmal zwei Wochen Urlaub nehmen, ohne das Gefühl zu haben, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Und jetzt sollte sie ein Weingut übernehmen? In einem kleinen Dorf an der Mosel, einer Welt, die Lichtjahre von ihrem streng geordneten, urbanen Alltag entfernt war? Es war absurd.

„Herr Müller, ich bin sicher, dass es irgendeinen Weg gibt, das abzulehnen. Können Sie mir nicht die Details zukommen lassen? Ich—“

„Natürlich, Frau Hoffmann. Ich werde Ihnen die Unterlagen zuschicken. Aber ich rate Ihnen, darüber nachzudenken. Ihre Großmutter hatte offenbar sehr klare Vorstellungen. Sie wollte, dass dieses Weingut in der Familie bleibt.“

Nach dem Gespräch ließ Clara das Handy auf ihren Schreibtisch sinken. Sie starrte auf die erleuchtete Präsentation auf ihrem Bildschirm, doch die Worte und Zahlen darauf verschwammen zu einem bedeutungslosen Muster. Margarete. Das Weingut. Bilder von Weinbergen und einem alten Herrenhaus blitzten in ihrem Kopf auf – längst vergangene Erinnerungen, die sie nie hatte zurückholen wollen.

Später am Abend, in ihrer minimalistischen Wohnung mit Blick auf die Alster, suchte Clara nach Ablenkung. Sie schaltete ihren Laptop ein und öffnete eine Suchmaschine. Es war eine impulsive Handlung, die sie nicht recht erklären konnte. Schnell fand sie Bilder des Weinguts: sanfte Hügel, dichte Reihen von Reben, ein imposantes Herrenhaus, dessen efeuumrankte Wände Geschichten von vergangenem Glanz erzählten. Je länger sie hinsah, desto mehr spürte sie, wie dieses fremde Erbe sie in seinen Bann zog – und gleichzeitig abwehrte.

Mit einem Glas Wein in der Hand – ein simpler Pinot Noir aus dem Supermarkt – wählte sie schließlich die Nummer ihres Vaters.

„Clara,“ meldete er sich nach dem dritten Klingeln, seine Stimme wie immer kühl und distanziert.

„Papa,“ begann sie, ohne Umschweife. „Ich habe gerade einen Anruf von einem Notar erhalten. Margarete ist gestorben.“

Eine Pause. „Das weiß ich.“

„Und du hast nichts gesagt?“

„Ich dachte nicht, dass es notwendig wäre,“ entgegnete er knapp.

„Nicht notwendig?“ Claras Stimme hob sich vor Empörung. „Sie hat mir das Weingut hinterlassen. Wusstest du das?“

Ein leises Räuspern. „Ja. Sie hat mich darüber informiert.“

Clara spürte, wie Wut in ihr aufflammte. „Und du dachtest nicht, dass ich vielleicht darauf vorbereitet sein sollte?“

„Es hätte nichts geändert, Clara. Margarete hat ihre Entscheidungen getroffen. Es liegt jetzt an dir, damit umzugehen.“

„Warum ich?“ Ihre Stimme zitterte vor Frustration. „Warum hat sie mich ausgewählt? Ich habe seit Jahren nichts mehr mit ihr zu tun gehabt. Du doch auch nicht.“

„Margarete hatte ihre Gründe,“ sagte er einsilbig. „Aber ich will mich nicht in alte Geschichten verstricken lassen.“ Seine Stimme war scharf und abweisend. „Wenn du Fragen hast, schlage ich vor, dass du selbst dort hinfährst.“

Clara biss die Zähne zusammen und legte schließlich auf. Es war immer dasselbe mit ihrem Vater: eine Mauer, die sich auftat, sobald sie versuchte, hinter die Fassade zu blicken.

Spät in der Nacht klangen Marks Worte in ihrem Kopf nach. Er hatte vorbeigeschaut, um Entwürfe zu besprechen, aber Clara hatte ihm schließlich von dem Anruf erzählt.

„Vielleicht hat sie dich aus einem Grund ausgewählt, Clara,“ hatte er gesagt. „Vielleicht gibt es etwas, das du dort finden sollst. Du könntest wenigstens hinfahren und es dir ansehen.“

„Das ist nicht mein Leben,“ hatte sie erwidert, aber tief in ihrem Inneren hatte seine Bemerkung etwas aufgewühlt.

Jetzt, allein in der Dunkelheit, konnte sie die leise Stimme in sich nicht mehr ignorieren. Sie sagte ihr, dass es mehr gab, als sie sehen wollte – über Margarete, das Weingut und vielleicht sogar über sich selbst.

Am nächsten Morgen buchte Clara ein Zugticket zur Mosel. Sie hatte keine Ahnung, was sie erwarten würde, aber sie wusste, dass sie sich dem stellen musste. Nicht für ihre Großmutter, nicht einmal für die Familie – sondern für sich selbst.

Die Reise hatte begonnen.