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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Das blutrote Feld


Callum MacLaren

Der Himmel hing schwer und grau über dem Land, als ob er die Grausamkeiten unter sich nicht weiter ertragen konnte. Callum stolperte über den zerfurchten Boden, seine Beine trugen ihn kaum noch. Jede Bewegung war ein Kraftakt, jeder Atemzug schien ihm die letzte Spur von Energie aus der Brust zu reißen. Überall um ihn herum lag der Tod. Leichname in zerrissenen Tartans, die einst stolz die Farben ihrer Clans getragen hatten, bedeckten das Land wie eine grausame Decke. Der metallische Gestank von Blut mischte sich mit dem feuchten Duft der Erde nach dem Regen.

Callum blickte hinab, seine Stiefel versanken im schlammigen Grund, der mit Blut vermischt war. Culloden. Der Name des Ortes würde ihm für immer in den Knochen brennen. Der Ort, an dem sein Clan, seine Familie, seine Heimat selbst zerschmettert worden waren. Sein Schwert hing schlaff an seiner Seite, die Klinge stumpf und mit getrocknetem Blut überzogen. Es fühlte sich wie eine Lüge an, es weiter bei sich zu tragen – ein Werkzeug der Verteidigung in einer Schlacht, die sie nie gewinnen konnten.

Er kniete nieder und griff mit zitternden Fingern nach einem zerbrochenen Schild, das vor ihm lag. Die Farben des MacLaren-Clans waren kaum mehr zu erkennen, überschwemmt von Dreck und Blut. Callum schloss die Augen, versuchte, die Schreie zu verdrängen, die immer noch in seinem Kopf hallten. Das Krachen der Musketen, der scharfe Klang von Klingen, die aufeinander trafen, das dumpfe Aufprallen von Körpern, die zu Boden gingen. Doch das Schlimmste war nicht der Lärm – es war die Stille danach.

Eine trügerische, erdrückende Stille, die nichts von Frieden hatte. Sie bedeutete Niederlage.

Callum zwang sich aufzustehen. Sein Blick wanderte über das weite Feld, suchte nach einem Funken Hoffnung. Doch alles, was er sah, waren gebrochene Körper, verkrümmte Gliedmaßen und ausdruckslose Gesichter. Schwarze Krähen flatterten über den Toten, ihr Krächzen durchbrach die bedrückende Stille. Einige Männer starrten mit offenen Augen gen Himmel, als ob sie ihn beschuldigten, andere lagen auf dem Bauch, die Gesichter im Schlamm vergraben.

Er stolperte vorwärts, immer weiter, seine Schritte müde, aber unermüdlich. Es musste Überlebende geben. Irgendjemand. Die MacLarens hatten Schulter an Schulter mit ihm gekämpft. Sein Bruder, seine Cousins, Männer, mit denen er aufgewachsen war, die mit ihm gelacht und getrunken hatten, als die Rebellion noch wie ein Traum von Freiheit erschien. Jetzt war es ein Albtraum, aus dem niemand erwachen konnte.

Seine Schritte stockten, als er einen Schatten zwischen den Körpern erkannte. Der Umhang war verrutscht, das Gesicht zur Seite geneigt. Callums Herz setzte einen Schlag aus. Er rannte, stolperte, fiel auf die Knie.

„Seumas,“ flüsterte er, seine Stimme kaum mehr als ein Windhauch.

Der Körper vor ihm war schmaler, jünger. Es war sein Bruder, Seumas MacLaren, gerade sechzehn Jahre alt. Sein Gesicht war bleich, die Lippen bläulich verfärbt, doch in seinen Augen war kein Leben mehr. Callum legte zitternd eine Hand auf Seumas’ Schulter, schüttelte ihn leicht, als ob ihn das zurückbringen könnte.

„Seumas, steh auf,“ flehte er, seine Stimme brach. „Du kannst nicht... Du darfst nicht...“

Doch es gab keine Antwort. Callum ließ die Stirn gegen Seumas’ Schulter sinken, seine Tränen mischten sich mit dem Schlamm. Sie waren Brüder gewesen, Kämpfer für denselben Traum, und doch hatte Callum versagt.

Seumas’ Hand ruhte noch immer auf der Brust, wo er das Amulett des Clans trug – eine kleine, silberne Scheibe mit dem eingravierten Wappen der MacLarens. Ein Symbol von Stolz, von Heimat, von allem, was sie verloren hatten. Callum löste es mit zittrigen Fingern von der Kette und hielt es fest. Es war kalt, wie die Hand seines Bruders. Er betrachtete die filigranen Gravuren, die Erinnerungen an die Abende am Feuer wachriefen, als Seumas ihn gefragt hatte, wie sie gemeinsam Schottland verändern könnten.

„Ich werde es bewahren,“ murmelte er leise, als ob Seumas ihn noch hören könnte. „Ich werde dich nicht vergessen. Und ich werde meinen Schwur halten, Bruder. Für dich. Für uns alle.“

Er griff nach einem Stein und legte ihn vorsichtig auf Seumas’ Brust – ein schottischer Brauch, um die Seele zu ehren. Dann zwang er sich, wieder aufzustehen. Seine Beine fühlten sich an wie aus Blei.

Hinter ihm raschelte etwas. Ein Geräusch, das nicht zu den Krähen oder dem Wind gehörte. Callum spannte sich an, die Hand wanderte instinktiv zu seinem Schwert.

Fußschritte.

Er fuhr herum. Vier Männer näherten sich, englische Soldaten, ihre Uniformen blutbefleckt, doch ihre Gesichter trugen den Ausdruck von Siegern.

„Da ist noch einer,“ sagte einer von ihnen, ein breitschultriger Mann mit einem wulstigen Gesicht. „Ein Überlebender. Bringt ihn.“

Callum wich zurück, sein Griff um den Schwertgriff fester. „Wenn ihr mich wollt, müsst ihr mehr als meine Ketten brechen,“ knurrte er.

Die Männer lachten, doch es war kein warmes Lachen. „Das sagen sie alle,“ antwortete der Anführer.

Callum zog sein Schwert. Es zitterte leicht in seiner Hand, doch sein Blick war fest. Die Männer bildeten einen Halbkreis um ihn, ihre eigenen Waffen bereit.

„Leg das Schwert weg, Schotte,“ befahl der Anführer. „Mach’s dir nicht schwerer, als es sein muss.“

„Kommt und holt es euch,“ zischte Callum und hob die Klinge.

Der nächste Moment war ein Wirbel aus Chaos. Callum griff den ersten Mann an, seine Klinge traf den leichten Lederpanzer an der Schulter. Doch er war langsam, zu erschöpft, um wirklich effektiv zu sein. Ein zweiter Soldat rammte ihn von der Seite, sein Schwert fiel zur Erde. Callum schlug mit bloßen Fäusten um sich, bevor ihn ein harter Schlag gegen den Kopf zu Boden schickte.

Er schmeckte Blut, spürte das kalte Eisen von Ketten um seine Handgelenke. Die Soldaten standen über ihm, einer spuckte ihm vor die Füße.

„Ein zäher Hund,“ murmelte der Anführer. „Der wird uns noch Arbeit machen.“

Callum hob den Kopf, seine blauen Augen blitzten voller Hass. „Ihr werdet mich nicht brechen,“ schwor er leise, mehr zu sich selbst als zu ihnen.

Die Männer lachten erneut, doch dieses Mal war in ihrem Lachen ein Hauch von Unsicherheit. Callum spürte es. Sie mochten ihn gefangen haben, doch sie hatten seinen Geist nicht besiegt.

Als sie ihn fortschleppten, blickte Callum ein letztes Mal über die Felder von Culloden. Sie würden nicht das letzte sein, was er sah. Er würde überleben. Für Seumas, für seinen Clan, für Schottland.

Er griff in die Tasche, spürte das kalte Silber des Amuletts und schloss die Finger darum. Es war jetzt das Einzige, was ihm blieb – ein Versprechen, das er nicht brechen würde.

Der Himmel über ihm blieb grau, als die Soldaten ihn fortbrachten. Doch Callum wusste, dass irgendwo jenseits dieses Himmels Freiheit auf ihn wartete – und er würde sie finden.