Kapitel 1 — Die Einladung
Clara von Rheydt
Die Nachmittagssonne warf ihr goldenes Licht durch die hohen Fenster des Salons und tauchte die bescheidenen Möbel in ein warmes, fast träumerisches Schimmern. Clara von Rheydt saß auf dem abgewetzten, aber sorgfältig gepflegten Sofa und hielt den Brief in ihren Händen wie eine Reliquie. Das Wappen der Familie Hohenstein prangte in tiefem Rot auf dem schweren Papier, das sie schon beim Öffnen mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Unbehagen erfüllt hatte. Eine Einladung zu einem Ball. Ein Ball im Schloss Hohenstein.
Ihre Finger glitten über die geschwungenen Buchstaben, die wie ein Versprechen und eine Warnung zugleich wirkten. Der Brief knisterte in ihren Händen, und der herbe Geruch des Pergaments stieg ihr in die Nase. Es war eine Möglichkeit, ein Schritt zurück in die Welt, die sie und ihre Familie längst ausgeschlossen hatte. Doch es war auch ein Schritt in die Höhle des Löwen – dorthin, wo Gerüchte und Intrigen wie ein giftiger Nebel schwebten. Warum hatte die Familie Hohenstein ausgerechnet sie eingeladen?
„Clara, ich flehe dich an, wirf das weg. Nichts Gutes wird daraus entstehen.“ Die Stimme ihrer Mutter schnitt in die Stille des Raumes. Sie saß auf einem schlichten Sessel, ein gestrickter Schal um ihre Schultern, und wirkte älter, als sie tatsächlich war. Die Jahre der Isolation und des Verlusts hatten sie gezeichnet wie eine verblassende Skizze.
„Mutter, das ist unsere Chance.“ Claras Stimme war ruhig, doch in ihren grauen Augen brannte ein Funken Entschlossenheit. „Seit Jahren hören wir dieselben Lügen über Vater. Ich kann nicht einfach hier sitzen und nichts tun, während andere weiter über uns richten. Vielleicht... vielleicht finde ich dort Antworten.“
„Antworten?“ Die ältere Frau schüttelte den Kopf, und ihre schmalen Hände umklammerten ihren Schal fester. „Clara, die Wahrheit kann gefährlicher sein als die Lügen. Die Menschen dort werden dir nicht helfen. Sie werden dich zerreißen, wie sie es mit deinem Vater getan haben.“
Clara schwieg. Die Worte ihrer Mutter schnitten tief, doch sie weckten auch Erinnerungen, die sie nicht losließen. Die Nächte, in denen ihr Vater bei Kerzenschein las, der Duft seiner Pfeife, die seine Anwesenheit stets ankündigte, und die warme, beruhigende Stimme, die ihr von den Heldentaten längst vergangener Zeiten erzählte. Er hatte wie ein Held gewirkt. Doch war er einer gewesen? Hatte er wirklich getan, was man ihm vorwarf? Oder war er das Opfer eines grausamen Spiels, das sie nun zu enträtseln suchte? Die Zweifel an seiner Schuld nagten an ihr wie ein glimmendes Feuer, das sie nicht löschen konnte.
Ein leises Klopfen an der Tür des Salons durchbrach die angespannte Atmosphäre. Es war Luise von Falkenberg, Claras älteste und treueste Freundin, die eintrat, ihre Wangen von der kalten Herbstluft rosig. Sie wirkte wie ein Wirbelwind aus Energie, der in den ruhigen Raum brach, doch ihre Augen musterten Clara sofort mit einer Mischung aus Sorge und Neugier.
„Da bist du ja“, sagte Luise und zog ihre Handschuhe aus, bevor sie sich neben Clara setzte. „Ich habe gehört, du hast Post bekommen. Von den Hohensteins!“
Clara nickte nur und reichte ihr den Brief. Luise las ihn aufmerksam und ließ ein leises Pfeifen hören, als sie fertig war.
„Das ist... überraschend. Aber auch eine große Gelegenheit, Clara.“
„Meine Mutter meint, ich sollte nicht gehen“, sagte Clara leise, doch ihre Augen suchten Luises Blick, als wollte sie in ihrer Freundin eine Antwort finden, die sie sich selbst nicht zu geben traute.
„Deine Mutter hat nicht ganz Unrecht“, sagte Luise und legte den Brief auf den Tisch. „Diese Leute spielen ein gefährliches Spiel, und du weißt, wie grausam sie sein können. Aber, Clara...“ Ihre Stimme wurde weicher, und ein Hauch von Wärme schlich sich in ihren Ton. „Wenn du nicht gehst, wirst du es bereuen. Und wer weiß? Vielleicht findest du dort wirklich etwas, das dir hilft.“
„Und wenn sie mich auslachen? Oder schlimmer, wenn sie mich ignorieren?“ Claras Stimme bebte leicht.
Luise nahm ihre Hand und drückte sie fest. „Dann stehen sie vor einer Frau, die mehr Würde und Mut besitzt als der gesamte Saal zusammen. Lass sie ruhig denken, was sie wollen. Du bist mehr als die Schatten, die sie über dich und deine Familie werfen wollen.“
Clara lächelte schwach. Die Art, wie Luise immer die richtigen Worte fand, um ihre Zweifel zu zerstreuen, war etwas, das Clara bewunderte und gleichzeitig beneidet hatte. Doch ganz tief in Luises Blick lag etwas anderes – etwas, das Clara nicht ganz deuten konnte. Es war, als ob ihre Freundin selbst mit einem Geheimnis rang, einem Schatten, der sie zu verfolgen schien. Ihre Hände zitterten leicht, als sie den Brief zurück auf den Tisch legte.
Bevor Clara fragen konnte, sprang Luise auf und drehte sich zur Tür. „Wenn du hingehen willst, dann musst du dich vorbereiten. Ein Kleid, Schuhe... du kannst unmöglich so auftauchen.“
„Luise, du weißt, dass wir uns keine neuen Kleider leisten können.“ Claras Stimme war ruhig, aber eine Spur von Bitterkeit schwang mit.
„Unsinn.“ Luise winkte ab. „Ich habe da noch ein Kleid, das ich kaum getragen habe. Mit ein paar Änderungen wird es perfekt passen. Und ich werde selbst mit dir gehen, Clara. Niemand wird dich alleine mit diesen Schlangen lassen.“
Clara war überwältigt von den Worten ihrer Freundin. Ein Gefühl von Dankbarkeit und Angst zugleich stieg in ihr auf – Dankbarkeit für Luises bedingungslose Unterstützung, und Angst vor dem, was sie auf Schloss Hohenstein erwarten würde.
***
Hoch über dem Schloss Hohenstein, in einem von Schatten durchzogenen Arbeitszimmer, saß Alexander von Hohenstein an einem schweren Mahagonischreibtisch. Der Raum war erfüllt vom Geruch von altem Papier und Wachs, und die Dunkelheit schien sich an die Wände zu klammern. Vor ihm lag ein ähnlicher Brief wie der, den Clara in Händen gehalten hatte, doch er betrachtete ihn mit einer Mischung aus Widerwillen und Pflichtbewusstsein.
„Du wirst dich um sie kümmern müssen.“ Die Stimme seines Onkels Johann war so hart und kalt wie die Winterwinde, die durch die Flure des Schlosses zogen. Johann stand am Fenster, die Hände auf den Rücken gefaltet, und starrte hinaus in die beginnende Dämmerung.
„Um wen?“ Alexanders Stimme war gleichmäßig, aber ein Hauch von Gereiztheit schwang mit.
„Clara von Rheydt. Sie wird kommen.“ Johann drehte sich um, seine Augen schmal und berechnend. „Das Mädchen ist gefährlich. Nicht, weil sie klug ist, sondern weil sie verzweifelt ist. Solche Menschen sind unberechenbar.“
Alexander lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Finger spielten unbewusst mit einer kleinen silbernen Figur auf dem Schreibtisch – ein Relikt aus seiner Kindheit. „Was genau erwartest du von mir?“
„Halte sie fern von Dingen, die sie nichts angehen.“ Johann trat näher und seine Stimme wurde leiser, fast ein Flüstern. „Und vor allem, sorge dafür, dass sie nichts herausfindet, was die Familie Hohenstein betrifft. Wir können uns keinen Skandal leisten. Nicht jetzt.“
Alexander sagte nichts, aber seine Hände ballten sich zu Fäusten. Die Vorstellung, Clara von Rheydt, die er nur aus den Erzählungen kannte, zu begegnen, erfüllte ihn mit einer seltsamen Mischung aus Neugier und Unbehagen.
Als Johann den Raum verließ, blieb Alexander zurück, allein mit seinen Gedanken. Die Schatten des Raumes schienen dichter zu werden. Der Ball würde kommen, und mit ihm vielleicht Veränderungen, die niemand aufhalten konnte.
***
Zurück in ihrem kleinen Haus legte Clara den Brief behutsam auf den Tisch. Die Entscheidung war getroffen. An ihrer Brust trug sie ein Medaillon, in dem ein Bild ihres Vaters verborgen lag. Sie drückte es sanft, als wollte sie sich seiner Stärke versichern.
„Ich werde gehen“, sagte sie leise, und ihre Stimme war von einer Entschlossenheit erfüllt, die selbst ihre Mutter nicht mehr widerlegen konnte.
Die Schatten der Vergangenheit mochten noch so lang und dunkel sein – sie würde sie durchdringen.