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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Prolog: Das Vermächtnis


Marta Winter

Der Mond hing wie ein silbernes Auge hoch am Himmel, eine stille Wache über den uralten Schwarzwald. Sein Licht brach sich auf den knorrigen Ästen der Bäume, deren Schatten wie langgezogene Finger über die Lichtung krochen. Der nächtliche Wald schien den Atem anzuhalten – kein Rascheln, kein Laut, außer dem flüsternden Wind, der mit den Blättern spielte und Martas Gebete mit sich trug.

Marta Winter kniete auf der kühlen, feuchten Erde, ihre alten Knien von der Härte des Bodens schmerzend, doch sie achtete nicht darauf. Vor ihr lag ein Steinkreis, in dessen Mitte eine Schale aus schwarzem Obsidian glänzte, als hätte sie das Licht des Mondes verschluckt. Sie hielt ein Amulett in ihren zitternden Händen. Seine feinen Silberfäden schlangen sich kunstvoll um den tiefblauen Edelstein in der Mitte, der im Licht des Mondes pulsierte, als würde er atmen. Es war mehr als ein Schmuckstück – es war ein Schlüssel, ein Versprechen, ein Fluch. Und es war für Lea.

„Für dich“, flüsterte Marta, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. Sie führte ihre Finger an den Rand des Steinkreises und murmelte die Worte einer alten Sprache, die wie ein Lied im Wind schwebten. Die Atmosphäre änderte sich. Die Luft begann zu summen, ein leises Vibrieren wie das Zittern eines Bogens auf einer Violine. Die Bäume neigten sich, als lauschten sie, und die Schatten schienen einen Atemzug lang stillzustehen.

Doch in Martas Brust wuchs die Unruhe. Es war nicht nur die Angst vor dem, was sie tat – es war das Wissen, beobachtet zu werden. Sie hielt inne und hob den Kopf. Ihre grauen Augen wanderten über die Lichtung, suchten die Dunkelheit ab. Nichts. Nur Schatten. Doch da war etwas. Sie spürte es, wie eine kalte Hand, die sich auf ihren Nacken legte.

„Du kannst es nicht verstecken, Marta.“ Die Stimme war wie ein Messer, kalt und scharf, und schnitt durch die nächtliche Stille. Sie kam aus der Dunkelheit, von überall und nirgends zugleich.

Marta fuhr herum, ihre Hände klammerten sich fester um das Amulett. Langsam trat aus den Schatten eine Gestalt hervor. Die Kapuze ihres schwarzen Umhangs verbarg ihr Gesicht, doch Marta erkannte die Haltung, die kalte Autorität, die in jedem Schritt lag.

„Albrun.“ Martas Stimme zitterte nicht, aber sie war voller Zorn und Resignation. „Natürlich bist du es.“

„Du hättest wissen müssen, dass ich komme.“ Albruns Stimme war samtig, gefährlich ruhig. „Das hier? Dieses Ritual? Es ist Wahnsinn, und du weißt das.“

„Wahnsinn?“ Marta lachte bitter, ein Laut, der in der Stille widerhallte. „Du sprichst von Wahnsinn, während du den Zirkel wie eine Marionettenmeisterin kontrollierst? Dein Gleichgewicht ist eine Lüge, Albrun. Alles, was du willst, ist Macht.“

Albrun hielt inne, und das Licht des Mondes fiel auf ihr Gesicht. Ihre Züge waren streng, ihre blauen Augen eiskalt, doch ein Hauch von Bedauern blitzte in ihnen auf – nur für einen Moment. „Du verstehst nicht, Marta. Die Mondblutlinie ist gefährlich. Sie hätte niemals existieren dürfen. Du gefährdest alles, wofür wir stehen.“

„Du redest von Gefahr, weil du Angst hast.“ Marta richtete sich auf, ihre knorrigen Hände umklammerten das Amulett, als wäre es ihr letzter Halt. „Angst vor dem, was du nicht kontrollieren kannst. Aber ich werde nicht zulassen, dass du Lea und ihr Erbe zerstörst.“

Die Spannung zwischen den beiden Frauen war greifbar, wie ein unsichtbarer Faden, der sich immer weiter spannte. Der Wind nahm zu, zerrte an Martas grauen Haaren und ließ die Schatten der Bäume wie lebendige Wesen tanzen. Albrun trat einen Schritt näher, ihre Gestalt wirkte in der Dunkelheit größer, bedrohlicher.

„Marta.“ Albruns Stimme wurde kühler, härter. „Du bist allein. Gib mir das Amulett. Jetzt. Es gibt keinen Ausweg.“

Marta lächelte schwach. „Ich bin vielleicht allein, aber du wirst es nicht finden.“ Ihre Augen funkelten vor Trotz. „Und du wirst Lea niemals aufhalten.“

Ein Befehl entfuhr Albruns Lippen, und aus den Schatten traten weitere Gestalten hervor, Hexen in dunklen Roben, ihre Hände bereit, Magie zu entfesseln. Der Boden unter Martas Füßen begann zu vibrieren, als würde der Wald selbst auf das drohende Chaos reagieren. Doch Marta ließ sich nicht einschüchtern. Sie bewegte ihre Lippen erneut, die uralten Worte traten nun schneller, drängender hervor.

Das Amulett glühte in ihren Händen auf, ein helles Licht, das die Dunkelheit durchbrach. Die Luft um Marta begann zu flimmern, und der Geruch von Ozon und brennendem Holz erfüllte die Lichtung. Plötzlich riss Marta die Kette mit dem Amulett von ihrem Hals, trat zurück in den Schatten der Bäume und schleuderte es mit einer Bewegung fort. Ihre Magie führte es zu einem Ort, den nur sie kannte.

Albrun hob die Hand, ein tödlicher Zauber bereit, doch Marta war schneller. Ein ohrenbetäubender Knall erfüllte die Lichtung, als Martas Schutzzauber und die Magie der Hexen aufeinanderprallten. Der Boden bebte, Licht und Schatten wirbelten ineinander, und die Bäume ächzten unter der Wucht der Kräfte. Marta spürte den Schmerz, als die geballte Energie sie traf, doch sie hielt durch. Alles, was zählte, war das Amulett. Es war sicher. Für Lea.

Als die Magie sich legte, sank Marta schwer atmend auf den Boden. Die Hexen standen um sie herum, Albrun an ihrer Spitze. Ihre Augen verengten sich, als sie den leeren Steinkreis sah.

„Du wirst sie nicht aufhalten können“, flüsterte Marta, ein schwaches Lächeln auf ihren Lippen. Ihre Stimme klang wie ein Echo, das sich mit dem Wind verlor. Dann verschwand die Dunkelheit über ihr, und ihre Gedanken erloschen.

Der Mond schien unbeirrt über dem Schwarzwald, sein Licht fiel auf eine Lichtung, die nun still und verlassen war. Der Wind hatte sein Flüstern eingestellt, und die Schatten krochen tiefer in die Bäume zurück. Doch irgendwo, verborgen vor allen Blicken, ruhte das Amulett. Sicher. Wartend. Auf den Tag, an dem Lea Winter ihr Erbe antreten würde.