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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Ankunft im Schattenwald


Lea Winter

Eine kühle Feuchte legte sich auf die Windschutzscheibe, während Lea Winter den Wagen über die engen, serpentinenartigen Straßen steuerte. Tief in den Schwarzwald einzudringen fühlte sich an, als würde sie von der Zivilisation abgeschnitten. Links und rechts ragten dunkle Baumkronen wie drohende Riesen in den Himmel, ihr dichtes Blattwerk ließ kaum einen Lichtstrahl durch. Der Nebel, der wie ein schleichendes Wesen aus dem Unterholz kroch, verschluckte die Umgebung fast vollständig.

Lea strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht und schaltete den Scheibenwischer ein, dessen gleichmäßiges Quietschen die Stille im Auto durchbrach. Ihre graugrünen Augen flackerten auf das Navigationssystem, das hartnäckig behauptete, sie sei noch etwa zehn Minuten von ihrem Ziel entfernt. „Wenigstens etwas“, murmelte sie leise und biss sich auf die Lippe, während ihre Hände das Lenkrad fester umfassten. Der Gedanke an das Haus ihrer Großmutter – dieses Relikt aus einer Zeit, die sie kaum verstand – war wie ein Gewicht auf ihrer Brust. Was hatte Marta sich nur dabei gedacht, ihr das alles zu hinterlassen?

Die Straße führte sie schließlich in das Dorf Graimwald, ein abgelegener Ort, der inmitten der Wälder wie eine verlorene Erinnerung wirkte. Die wenigen Häuser, die sie passierte, waren alt und verwittert, ihre Fassaden von Moos und der Zeit gezeichnet. Ein tiefer Graben zog sich durch die Mitte des Dorfes, und in einer Nische am Rand stand eine halb verwitterte Holzstatue eines Wolfs – das Holz so alt, dass die Details fast verschwunden waren. Lea spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

Menschen waren kaum zu sehen, doch die wenigen, die sie erblickte, schienen ihre Ankunft zu bemerken. Vor einem kleinen Gemischtwarenladen stand ein alter Mann, der eine Pfeife rauchte und sie mit zusammengekniffenen Augen musterte, als wollte er sie taxieren. Eine Frau, die gerade zwei Eimer Wasser aus einem Brunnen trug, hielt inne und sah ihr nach, bis der Wagen außer Sichtweite war. Sie flüsterte etwas zu einer weiteren Frau, und beide warfen einander bedeutungsvolle Blicke zu.

Ein Gefühl der Fremdheit kroch Lea den Rücken hinauf. Die Blicke der Dorfbewohner waren mehr als nur neugierig. In ihnen lag etwas Dunkleres – ein unausgesprochenes Urteil, vielleicht sogar Angst. „Na großartig“, murmelte sie trocken. Ein Teil von ihr wollte sich einfach umdrehen und zurück nach Berlin fahren, weg von diesen verschlossenen Gesichtern und der bedrückenden Atmosphäre. Doch sie biss die Zähne zusammen und fuhr weiter.

Das Navigationssystem führte sie schließlich aus dem Dorf hinaus und einen gewundenen Pfad entlang. Der Wald schien hier noch dichter zu werden, seine Äste griffen wie knochige Hände nach dem Auto. Der Nebel verdichtete sich, und in der Ferne glaubte sie, ein Rascheln zu hören, das nicht vom Wind stammte. Sie drehte das Radio leiser, als könnte selbst das leiseste Geräusch den Zauber dieses Ortes durchbrechen.

Nach einer letzten scharfen Kurve tauchte das Haus ihrer Großmutter vor ihr auf. Es war genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte, und doch schien es mehr Geheimnisse zu bergen, als ihr lieb war. Das alte Fachwerkhaus mit seinen von Efeu umschlungenen Wänden stand am Rand des Waldes wie ein Wächter. Die Fensterläden hingen schief, und das Holz der Veranda war von der feuchten Luft dunkel verfärbt. Ein gut sichtbarer Weg führte von der Schottereinfahrt zur Haustür, aber das Gras am Rand war hochgewachsen, als hätte hier lange niemand mehr einen Fuß gesetzt.

Lea parkte den Wagen und stieg aus. Die Luft war kühl und feucht, und ein leichter Wind brachte den Duft von feuchtem Moos und Holz mit sich. Sie zog die Lederjacke enger um sich und betrachtete das Haus mit gemischten Gefühlen. „Na, willkommen zu Hause, Lea“, sagte sie leise, ihre Stimme von einer Mischung aus Ironie und Nervosität durchzogen.

Bevor sie die paar Schritte zur Tür gehen konnte, bemerkte sie eine Gestalt, die aus dem Wald auftauchte. Die Frau bewegte sich mit einer unheimlichen Gelassenheit, und obwohl sie weder laut noch bedrohlich wirkte, sträubten sich Leas Nackenhaare. Sie trug einen schwarzen Umhang, der im Wind leicht flatterte, und ihre silbrigen Haare waren streng zurückgebunden, wodurch ihre scharfen, blauen Augen nur noch kühler wirkten.

„Lea Winter“, sagte die Frau, ihre Stimme so weich und doch drängend, dass sie sich direkt in Leas Geist zu bohren schien. „Du bist also tatsächlich gekommen.“

Lea räusperte sich und verschränkte ihre Arme vor der Brust, eine unbewusste Geste des Schutzes. „Ja, sieht so aus. Und Sie sind?“

Die Frau lächelte, aber das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. „Albrun. Ich war... eine Freundin deiner Großmutter.“

Lea zögerte. An Martas Beerdigung war sie nicht gewesen – eine Entscheidung, die sie immer noch bereute –, aber sie konnte sich nicht erinnern, dass ihre Eltern oder irgendjemand sonst je von einer Albrun gesprochen hatte. „Nun, dann kennen Sie sich ja vermutlich besser aus als ich. Ich weiß kaum etwas über dieses Haus oder die Vergangenheit meiner Großmutter.“

„Das ist wohl wahr“, sagte Albrun, ihre Stimme schneidend. Sie trat einen Schritt näher, und Lea konnte nicht anders, als zurückzuweichen. „Manche Dinge sollten jedoch besser in der Vergangenheit bleiben. Manchmal ist es besser, wenn Geheimnisse... begraben bleiben.“

Leas Haut prickelte. Die Worte fühlten sich wie ein Hauch kalter Luft an, der sie umgab. Sie wollte etwas entgegnen, doch die Frau hatte sich bereits umgedreht und schritt zurück in den Wald, ihre Gestalt verschwand zwischen den Schatten der Bäume, als wäre sie nie dagewesen.

Lea starrte ihr einen Moment nach, bevor sie tief durchatmete und den Kopf schüttelte. „Was zum Teufel war das denn?“ murmelte sie und versuchte, die Begegnung abzuschütteln. Doch die Worte der Frau hallten noch lange in ihrem Kopf wider, als sie schließlich die Haustür erreichte.

Der Schlüssel, den sie von Martas Anwalt erhalten hatte, passte genau, und mit einem Knarren öffnete sich die Tür. Der Geruch von Staub und altem Holz schlug ihr entgegen. Die Dunkelheit im Inneren des Hauses wirkte beinahe lebendig, doch als sie das Licht einschaltete, offenbarte sich ein vertraut wirkendes Chaos. Die Möbel waren alt, aber gut erhalten, die Regale voller Bücher, deren Titel sie nicht auf Anhieb erkennen konnte. An einer Wand hing ein vergilbtes Foto, das Marta als junge Frau zeigte – ein seltsamer Ausdruck in ihren Augen, halb Freude, halb Trauer.

Lea trat ein und schloss die Tür hinter sich. Die Atmosphäre des Hauses war schwer, als würde es Geschichten erzählen wollen, die niemand hören wollte. Sie ließ ihre Tasche achtlos auf einen Stuhl fallen und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht.

„Was hast du dir dabei gedacht, Marta?“ flüsterte sie. Der Gedanke an ihre Großmutter war bittersüß. Sie hatte sie geliebt, aber ihre Beziehung war nie einfach gewesen. Marta war eine Frau voller Geheimnisse, und Lea hatte oft das Gefühl gehabt, nur die Hälfte von dem zu wissen, was wirklich in ihrem Leben passiert war.

Ein plötzlicher Laut ließ sie herumfahren. Es war nur der Wind, der durch einen undichten Fensterrahmen pfiff, doch ihr Herz raste. Sie zwang sich zu lachen. „Reiß dich zusammen, Winter. Es ist nur ein altes Haus.“

Dennoch blieb das Gefühl, dass sie nicht allein war. Irgendetwas in der Luft, im Flüstern des Windes und in den Schatten, die sich in den Ecken sammelten, ließ sie wachsam bleiben. Lea beschloss, die Erkundung des Hauses auf den nächsten Tag zu verschieben. Sie brauchte eine Pause, um ihre Gedanken zu ordnen, und vielleicht auch ein Glas Wein, wenn sie irgendwo eine Flasche finden konnte.

Doch selbst als sie später im alten Bett ihrer Großmutter lag und die Augen schloss, konnte sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Haus lebte. Und irgendwo, in den Tiefen des Waldes, hatte die Nacht noch lange nicht ihr letztes Wort gesprochen.