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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Schattenspiele im Archiv


Alina Volkova

Das metallische Klicken der Neonröhren hallte durch die engen Gänge des Archivs, ein monotones Echo in der dichten Stille. Alina Volkova bewegte sich durch die Reihen von Aktenschränken und hoch gestapelten Regalen, die wie stumme Wächter die Geheimnisse einer vergangenen Welt bewahrten. Die sterile Luft roch nach altem Papier und kaltem Metall, und jeder ihrer Schritte schien die bedrückende Atmosphäre nur zu verstärken. Das Geopolitische Archiv Hamburg war kein Ort für die Lebenden – zumindest fühlte es sich so an. Es war eine Welt, in der Informationen mehr Gewicht hatten als Menschen, und Alina war eine Meisterin darin, diese unsichtbaren Fäden zu entwirren.

Mit einem müden Seufzer öffnete sie die schwere Metalltür ihres kleinen Büros. Der Raum war spartanisch – ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein leise summender Computer, dessen Bildschirm im kalten Licht der Neonlampen schimmerte. Neben dem Tisch lag ein Stapel Akten, die darauf warteten, durchgesehen zu werden. Doch Alinas Gedanken waren längst woanders.

Sie setzte sich, schob den Aktenstapel beiseite und klappte ihren Laptop auf. Ihre Finger flogen über die Tastatur, und der Routinevorgang des Logins brachte sie für einen Moment zurück in die Sicherheit der gewohnten Abläufe. Aber heute war nichts wie sonst. Der Gedanke an das mysteriöse Dossier aus den 90er-Jahren nagte an ihr. „Projekt Seraphim“ – der Name klang fast poetisch in seiner Eleganz, doch Alina wusste, dass hinter solcher Poesie oft etwas Dunkles lauerte.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als die Datei auf ihrem Bildschirm erschien – verschlüsselt, ein Chaos aus Zahlen und Buchstaben, das wie ein ungespieltes Musikstück darauf wartete, entschlüsselt zu werden. Sie biss sich auf die Unterlippe und begann, die Codierung zu analysieren, ihre grauen Augen rastlos über die digitalen Zeichen huschend. Hier war sie in ihrem Element, jeder Impuls ihres analytischen Verstands fokussiert auf das Entwirren der verborgenen Muster. Minuten vergingen, dann Stunden, während die Außenwelt um sie herum in den Hintergrund trat. Nur das leise Summen der Neonlampen und das rhythmische Klicken ihrer Tastatur blieben.

Ein plötzlicher Klick ließ sie innehalten. Sie erstarrte, ihre Finger schwebten über der Tastatur. Langsam hob sie den Kopf und spähte in den düsteren Gang vor ihrer offenen Tür. Ihre grauen Augen suchten angestrengt nach einer Bewegung, einem Schatten, der sich nicht mit der Dunkelheit vermischte. Da war nichts – nur das regelmäßige Summen der Lampen und das entfernte Geräusch von Schritten, die sich entfernten. Sie schüttelte den Kopf, zwang sich zurück zur Arbeit. Paranoia, ermahnte sie sich, doch das unbehagliche Gefühl, beobachtet zu werden, kroch ihr wie kalter Nebel den Rücken hinab.

Endlich fand sie einen Ansatzpunkt. Die scheinbar willkürlichen Zahlenkombinationen auf dem Bildschirm begannen Sinn zu ergeben, und sie spürte einen kurzen Rausch der Befriedigung. Ihre Software ratterte durch die verbleibenden Codes, während sich der Inhalt des Dossiers langsam entfaltete. Namen, Daten, Orte... Ihre Augen flogen über die Liste, einige der Namen erkennend – prominente Politiker, einflussreiche Geschäftsleute. Doch dann, mitten in den Einträgen, blieb sie abrupt stehen. Ihr Puls beschleunigte sich, als sie den Namen las: Irina Volkova.

Ihre Atemzüge wurden flacher, und in ihr breitete sich ein Gefühl aus, das sie nicht zuordnen konnte – ein Mix aus Schock, Verwirrung und einer tiefen, schmerzhaften Sehnsucht. Ihre Mutter. Ihre Hand zitterte leicht, während sie mit der Maus über den Namen fuhr. Unter ihm befand sich ein Link. Sie klickte darauf, doch ein Passwortschutz blockierte den Zugriff. Sie biss die Zähne zusammen, starrte auf den Bildschirm. Irina Volkova. Der Name hallte in ihrem Kopf wider, riss alte Wunden auf, die sie so sorgfältig verborgen hatte.

Alina war zwölf gewesen, als ihre Mutter verschwand. Ohne eine Nachricht, ohne einen Abschied. Nur die Leere, die sie zurückgelassen hatte, und die Scherben, die folgten. Ihr Vater hatte sich in Schweigen gehüllt, und Alina hatte früh gelernt, ihre Fragen zu begraben. Doch jetzt, in diesem Moment, schien die Vergangenheit wie ein Geist aus den Schatten zu treten und sie zu verfolgen.

„Was hast du getan, Mama?“ flüsterte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. Erinnerungen drängten sich auf – der Duft von Irinas Parfüm, ihr Lachen, das Alina einst Trost gespendet hatte. Und dann die Leere, die folgte. Ihr Verstand kämpfte gegen die Flut dieser Bilder an, zwang sich zurück zur Gegenwart, zurück zu den Fakten.

Plötzlich blinkte der Bildschirm, und eine rote Warnmeldung erschien: „Unbefugter Zugriff erkannt.“ Alina erstarrte, ihre Gedanken rasten. Sie fluchte leise und begann sofort, ihre Spuren zu verwischen. Hektisch navigierte sie durch die Protokolle, löschte die letzten Aktionen und verschlüsselte ihre Datei erneut. Der Gedanke, dass jemand ihre Entdeckung bemerkt haben könnte, drückte wie eine eiserne Faust auf ihre Brust. Sie konnte nicht riskieren, dass irgendjemand herausfand, was sie gefunden hatte.

Das Summen der Neonlampen zog ihren Blick zurück in die kahle Realität des Archivs. Sie schloss den Laptop und lehnte sich zurück, die Hände über ihrem Kopf verschränkt. Ein Gedanke ließ sie nicht los: Wenn ihre Mutter in dieses „Projekt Seraphim“ verwickelt war, dann bedeutete das, dass sie Teil von etwas gewesen sein musste, das größer war, als Alina je geahnt hatte. Vielleicht war ihr Verschwinden kein Zufall gewesen. Vielleicht hatte sie ihre Familie verlassen, um sie zu schützen. Oder... vielleicht war sie nie die Frau gewesen, für die Alina sie gehalten hatte.

Die Zeit war rasend vergangen. Die Uhr an der Wand zeigte weit nach Mitternacht, und der Regen prasselte gegen die Fenster. Der Großteil ihrer Kollegen war längst gegangen, und die Stille in dem riesigen Gebäude fühlte sich drückend an. Sie wusste, dass sie für heute nichts mehr erreichen konnte, und doch schien sie sich nicht von ihrem Platz lösen zu können.

Schließlich raffte sie sich auf, packte ihre Notizen und verschlüsselte sie sorgfältig. Als sie ihre Tasche über die Schulter warf, war das Gefühl, beobachtet zu werden, wieder da – intensiver als zuvor. Sie drehte sich um, starrte in die Schatten des leeren Gangs. Nichts. Ein leises Knarren erklang, gefolgt von Stille. Ihr Atem stockte. Ein letzter Blick zurück, doch der Gang blieb leer. Sie schüttelte den Kopf, zog ihren Mantel enger und machte sich auf den Weg.

Draußen empfing sie die kühle Nachtluft. Der Regen peitschte gegen ihren Schirm, während sie durch die menschenleeren Straßen Hamburgs eilte. Die Stadt war wie ein Spiegel ihrer Gedanken – voller Schatten, voller Geheimnisse. Ihre grauen Augen suchten den Horizont, doch die Dunkelheit ließ keine Klarheit zu. Nur eines stand für sie fest: Das Dossier hatte eine Tür geöffnet, die nicht mehr geschlossen werden konnte. Und obwohl sie Angst verspürte, wusste sie, dass sie der Wahrheit folgen musste – um jeden Preis.