Kapitel 1 — Schatten über dem Debüt
Adelina von Rothenburg
Eine zarte Kälte schlich sich durch die schweren Vorhänge, als Adelina von Rothenburg in ihrem Ankleidezimmer stand. Das Licht eines herbstlichen Nachmittags drang scheu durch die halb geöffneten Fensterläden und ließ die blassen Pastelltöne ihres Kleides schimmern. Die endlosen Schichten von Seide und Spitze umgaben sie wie ein Gefängnis aus Eleganz, und doch war es nicht die Kleidung, die sie einengte. Mit einer langsamen Bewegung schloss sie den Blick zu den Gärten des Anwesens, deren symmetrische Hecken und gepflegten Rasenflächen sie immer wie ein Labyrinth ohne Ausgang empfunden hatte. Sie fühlte sich wie eine Marionette, deren Fäden fest in den Händen anderer lagen.
Das Geräusch von Schritten auf dem Marmorboden riss sie aus ihren Gedanken. Kurz darauf trat der Baron ohne Vorwarnung ein, seine Präsenz so schwer und kontrolliert wie die Atmosphäre des Hauses. Sein makelloser Anzug saß perfekt, seine Haltung steif, doch in seinen dunklen Augen lag etwas, das Adelina nicht entschlüsseln konnte – ein Funke von Anspannung, verborgen hinter der üblichen Maske der Strenge. Ein leises Frösteln zog sich durch ihren Körper, als er den Raum betrat, ein pergamentfarbenes Kuvert in der Hand.
„Adelina,“ begann er mit seiner tiefen, formalen Stimme, die kaum Spuren von Herzlichkeit trug. „Ich bringe gute Nachrichten. Dein Name ist nun offiziell auf der Gästeliste des Balls im Schloss Charlottenburg eingetragen. Du wirst dort dein gesellschaftliches Debüt geben.“
Das Wort „Debüt“ ließ ein leises Zittern durch ihre Finger gehen, das sie hastig versteckte, indem sie ihre Hände hinter dem Rücken verschränkte. Sie wusste, dass dieser Tag kommen würde. Es war der unausweichliche Höhepunkt ihrer Erziehung, der Moment, in dem sie sich der Welt der Aristokratie präsentieren sollte – einer Welt, die sie stets fremd und einschüchternd gefunden hatte, so kalt und distanziert wie der Blick des Barons.
„Ich danke Euch, Herr Baron,“ sagte sie mit ihrer sanften, bedachten Stimme, während sie den Blick auf den Boden richtete. Doch in ihr tobten andere Gedanken. Der Ball bedeutete nicht nur, sich den Blicken der Gesellschaft auszusetzen, sondern auch, unter einem prüfenden Mikroskop zu stehen, das ihre Sorgen und Unsicherheiten gnadenlos offenlegen konnte.
Der Baron trat näher und reichte ihr das Kuvert. „Deine Pflicht ist es, nicht nur tadellos zu erscheinen, sondern auch dafür zu sorgen, dass du keine Aufmerksamkeit auf dich ziehst – keine falsche zumindest.“ Sein Ton wurde kühler, und ein Hauch von Besorgnis blitzte in seinen Zügen auf, kaum merklich, doch für Adelina, die in der Kunst des Beobachtens geübt war, unübersehbar. Seine Stirn zog sich für einen Moment in tiefe Falten, bevor er sie glättete, als wäre er sich seiner Offenheit bewusst geworden.
„Ich verstehe, Herr Baron,“ antwortete sie leise, während sie das Kuvert entgegennahm. Ihre Finger glitten über das raue Papier, doch ihr Blick blieb auf seinem Gesicht haften. Was verbarg sich hinter dieser angespannten Fassade? Warum war seine übliche Kälte einer so greifbaren Sorge gewichen?
Der Baron richtete seine Manschetten und wandte sich zur Tür. Doch bevor er ging, hielt er inne und drehte sich noch einmal zu ihr um. „Vergiss nicht, Adelina, dein Verhalten spiegelt nicht nur auf dich, sondern auch auf mich zurück. Der Ball ist nicht bloß ein gesellschaftliches Ereignis. Er ist eine Bühne, und jeder falsche Schritt könnte Konsequenzen haben. Dein Auftreten ist entscheidend.“
Mit diesen Worten verließ er den Raum, und Adelina spürte, wie sich die Stille schwer auf ihre Schultern legte. Sie ließ das Kuvert sinken und betrachtete es, als würde es ein Geheimnis enthalten, das nur darauf wartete, sie zu überwältigen. Doch es war nicht das Kuvert, das ihre Gedanken beherrschte. Es war der Ausdruck auf dem Gesicht des Barons – ein Ausdruck, den sie nicht zu deuten wusste, der jedoch eine seltsame Unruhe in ihr auslöste.
Die Kälte des Raumes wurde intensiver, als die Herbstsonne hinter den Gärten verblasste. Adelina setzte sich auf die Polsterbank vor ihrem Schminktisch und öffnete das Kuvert, doch bevor sie die Einladung entfaltete, fiel ihr Blick auf etwas, das ihr Herz einen Schlag aussetzen ließ. Mitten auf dem glatt polierten Holz des Tisches lag ein weiteres Kuvert – eines, das sie nicht dort hingelegt hatte.
Ihre Hände zitterten leicht, als sie danach griff. Es war einfach, ohne Wappen oder Siegel, und die Schrift darauf war ebenso schlicht wie fremd. Es war anonym.
Adelina öffnete es vorsichtig, ihre Finger spürten die raue Textur des Papiers, das im Inneren lag. Es war ein Gedicht, kunstvoll und doch bedrückend, geschrieben in einer geschwungenen Handschrift, die sie nicht kannte:
„Im Schatten des Lichts, das Wahrheit verbirgt,
Liegen Antworten, die niemand dir sagt.
Der Tanz der Masken, ein trügerisches Spiel,
Doch sei gewarnt: Es kostet viel.“
Die Worte schienen sich in ihr einzubrennen, ihre Bedeutung wie ein Nebel, der sich über ihren Verstand legte. Wer konnte so etwas geschrieben haben? Und warum? Ihre Gedanken rasten. Kannte jemand ihr Geheimnis? War dies eine Warnung? Oder eine Botschaft, die sie zu etwas führen sollte? Ihr Atem ging flach, als sie den Zettel hastig zusammenfaltete und in die Schublade ihres Tisches schob. Das Letzte, was sie jetzt wollte, war, dass der Baron davon erfuhr.
Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken. Es war ihre Zofe, ein unscheinbares Mädchen namens Greta, das mit einer Auswahl von Kleidern für den Ball in den Raum trat. Adelina sammelte ihre Fassung und zwang ein Lächeln auf ihre Lippen, doch innerlich fühlte sie sich zerrissen. Als Greta die Kleider vor ihr ausbreitete, bemerkte Adelina die leichte Unsicherheit in der Stimme des Mädchens.
„Ihr Ankleidezimmer scheint heute besonders kühl, gnädiges Fräulein,“ sagte Greta beiläufig, während sie die aufeinander abgestimmten Stoffe präsentierte. Adelina nickte nur, doch die Bemerkung ließ sie innehalten. Hatte Greta etwas bemerkt? Oder war es nur die allgemeine Spannung, die im Haus zu greifen schien?
Während Greta das erste Kleid an Adelina hielt und die Stoffe lobte, hörte sie nur mit halbem Ohr hin. Ihr Blick wanderte immer wieder zu der Schublade, in der das Gedicht lag, und die Worte hallten in ihrem Kopf wider. Der Schatten des Lichts, ein Tanz der Masken – was bedeutete das alles? Für einen Moment wollte sie Greta fragen, ob jemand Fremdes das Zimmer betreten haben könnte, doch sie hielt inne. Was, wenn die Antwort noch mehr Fragen aufwarf? Was, wenn sie sich nicht sicher sein konnte, wem sie vertrauen konnte?
Die Minuten vergingen, während Greta weiterhin die Kleider präsentierte und Vorschläge machte. Schließlich, als die Dämmerung einbrach und die Kälte der Nacht durch die Mauern des Rothenburg-Anwesens kroch, saß Adelina allein in ihrem Zimmer. Ihr Spiegelbild wirkte im flackernden Licht der Kerzen beinahe unwirklich. Ihre grau-blauen Augen, die so oft von Unsicherheit erfüllt waren, suchten im Glas nach Antworten, die sie nicht finden konnte.
Das Kuvert mit der Einladung lag immer noch ungeöffnet auf ihrem Tisch. Neben ihm, verborgen in der Schublade, das geheimnisvolle Gedicht. Zwei Botschaften, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch schien es, als wären sie beide Teile eines größeren Ganzen, einer Wahrheit, die sich nur zögerlich offenbarte.
Mit einem leisen Seufzen erhob sie sich und zog die Vorhänge zu. Der Abend war hereingebrochen, und die ersten Sterne funkelten am Himmel. Es war, als würde die Welt selbst ihr zuflüstern, dass die Masken, die andere trugen, bald auch die ihren in Frage stellen würden. Doch sie war nicht bereit – noch nicht.
„Im Schatten des Lichts“, murmelte sie leise zu sich selbst, während sie die Kerzen löschte und sich ins Bett legte. Die Worte des Gedichts begleiteten sie in den Schlaf, wie ein Flüstern, das ihr keine Ruhe ließ. Der Ball war nur wenige Tage entfernt, und mit jedem Moment, der verstrich, wuchs in ihr das unbehagliche Gefühl, dass dies erst der Anfang war.