Kapitel 2 — Masken der Gesellschaft
Adelina von Rothenburg
Der Tag begann grau, und die schweren Wolken über dem Rothenburg-Anwesen warfen nur spärliches Licht durch die hohen Fenster der Ankleidekammer. Die dunklen Samtvorhänge, die zu beiden Seiten der Fenster hingen, ließen nur vereinzelte Lichtstrahlen hindurch und verstärkten die bedrückende Atmosphäre. Adelina fühlte sich, als würde die Dunkelheit von draußen sich in ihrem Inneren widerspiegeln. Greta war bereits im Raum, eifrig damit beschäftigt, Kleiderstoff nach Kleiderstoff hervorzuziehen und Vorschläge zu machen.
„Dieses hier bringt Eure Augen zum Leuchten, gnädiges Fräulein“, sagte Greta und hielt ein blassblaues Kleid an Adelinas schmale Schultern. Adelina nickte mechanisch, ohne wirklich hinzusehen. Ihr Blick wanderte immer wieder zu der Schublade ihres Schminktisches, in der sie den Zettel verborgen hatte. Das Gedicht aus dem anonymen Kuvert hatte sich wie ein Dorn in ihre Gedanken gebohrt. Wer hatte es geschrieben? Waren die Worte bloße Poesie oder eine verschlüsselte Warnung?
„Greta“, begann Adelina schließlich, ihre Stimme bedächtig, während sie das Kleid in ihrer Hand betrachtete. „Hast du… jemanden im Haus bemerkt, der nicht hierher gehört? Einen Fremden, vielleicht?“
Greta hielt inne, und ihre Hände, die gerade dabei waren, einen weiteren Stoff auszubreiten, zögerten für einen Moment. Ihre Stirn legte sich in Falten, während sie nachdachte. „Nicht dass ich wüsste, gnädiges Fräulein. Nun ja, ich habe kürzlich einige neue Lieferanten gesehen, aber das ist ja nichts Ungewöhnliches, oder? Warum fragt Ihr?“
Adelina überhörte die Gegenfrage und antwortete stattdessen nicht. Ihre Finger zupften an einer Perlenstickerei des Stoffes. Greta hatte keinen Grund, sie anzulügen, und doch – jemand musste den Zettel in ihrem Zimmer hinterlassen haben. Sie unterdrückte das Gefühl der Beklommenheit, das in ihr aufstieg, und zwang sich, ihre Gedanken zu ordnen.
Noch während Greta das nächste Kleid auswählte, ertönte ein scharfes Klopfen an der Tür, gefolgt von der unverwechselbaren Stimme des Barons. „Adelina, ich komme herein.“
Adelina straffte sich automatisch, ihre Haltung steif, ihre Hände falteten sich in ihrem Schoß. Der Baron betrat den Raum, sein Blick glitt sofort über die ausgebreiteten Stoffe, bevor er Adelina fixierte. Greta machte einen Knicks und zog sich diskret zurück, wobei sie die Ankleidekammer mit einem angespannten Schweigen erfüllte.
„Ich sehe, du bist dabei, dich vorzubereiten“, sagte der Baron und trat näher. „Der Ball ist nicht einfach nur ein gesellschaftlicher Anlass, Adelina. Er ist eine Prüfung – deine und meine. Es ist zwingend notwendig, dass du keinen Makel hinterlässt.“
Adelina nahm das blassblaue Kleid mit zitternden Händen und stellte es vor ihren Körper, als ob es sie vor seinem durchdringenden Blick schützen könnte. „Natürlich, Herr Baron. Ich werde mein Bestes tun.“
Er musterte sie einen Moment, und sein Gesichtsausdruck blieb undurchdringlich. Doch dann sprach er weiter: „Es gibt Gerüchte, die unter der Oberfläche unserer Gesellschaft brodeln. Menschen mit falschen Idealen könnten versuchen, dich zu beeinflussen. Du musst wachsam sein.“
Adelinas Atem stockte für einen Moment. Seine Worte legten sich wie ein Schleier über ihre Gedanken. Meinte er das Gedicht? Wusste er davon? Doch sie konnte diese Fragen nicht stellen, nicht ohne sich zu verraten.
„Ich verstehe, Herr Baron“, antwortete sie leise.
Der Baron nickte, mehr zu sich selbst als zu ihr, und wandte sich zum Gehen. Doch dann hielt er inne, als ob ihm noch etwas eingefallen war. „Und Adelina… vertraue niemandem, außer mir. Die Welt da draußen ist nicht so geordnet wie die, die ich für dich geschaffen habe.“
Er hielt einen Moment inne, sein Blick ruhte schwer auf ihr. Es war, als ob er nach etwas suchte – oder sie auf etwas hinweisen wollte. Dann wandte er sich ab und verließ den Raum. Seine Worte hallten in ihrem Kopf nach, lange nachdem er gegangen war. Die Welt, die er geschaffen hatte. War das eine Warnung oder eine Drohung?
Später an diesem Tag, als die Dämmerung bereits begann, die Gärten des Anwesens in Schatten zu hüllen, hörte Adelina zufällig die Stimme des Barons aus dem angrenzenden Salon. Sie blieb wie angewurzelt stehen, als sie die gedämpften Worte eines anderen Mannes hörte, der offenbar zu Besuch war.
„…sie darf nichts wissen. Deine Vorsicht ist wichtig, Rothenburg. Die Wahrheit könnte alles zusammenbrechen lassen.“
Adelina schauderte. Ihre Fingerspitzen drückten sich in das Holz des Türrahmens, während sie angestrengt lauschte. Die Stimmen wurden leiser, doch sie konnte den Klang von unverhohlener Dringlichkeit in ihnen spüren.
„Ich habe alles unter Kontrolle“, sagte der Baron, seine Worte kälter als gewöhnlich. „Aber sie ist… neugierig. Das könnte ein Problem werden.“
Der Fremde antwortete, seine Stimme nun zu gedämpft, um verstanden zu werden, doch die Spannung in der Luft war fast greifbar.
Adelina zog sich hastig zurück, bevor jemand sie bemerken konnte. Ihr Herz raste, während die Worte des Fremden und die Antwort des Barons durch ihren Verstand wirbelten. Was sollte sie nicht wissen? Und warum war ihre Neugier ein Problem?
In ihrem Zimmer angekommen, ließ sie sich auf die Tagesliege sinken. Die Dunkelheit, die sich über die Gärten gelegt hatte, schien sich auch in ihr auszubreiten. Plötzlich war das Anwesen, das sie immer als ihre Heimat gekannt hatte, zu einem Ort voller Geheimnisse geworden. Die Symmetrie der Gärten wirkte nicht länger beruhigend, sondern wie ein Labyrinth, das sie gefangen hielt.
Mit zitternden Fingern griff sie in die Schublade und zog das Gedicht hervor. Ihre Augen wanderten erneut über die kunstvollen Zeilen. „Doch sei gewarnt: Es kostet viel.“ Sie las die Worte lautlos, wie ein Gebet oder eine Warnung an sich selbst.
„Die Masken der Gesellschaft…“ murmelte sie. Der Baron hatte recht, sie musste wachsam sein. Doch vielleicht nicht so, wie er es meinte. Ein leiser Windstoß ließ die Kerzen in ihrem Zimmer flackern, und für einen Moment glaubte Adelina, eine Bewegung in den Schatten vor ihrem Fenster zu sehen. Doch als sie genauer hinsah, war dort nichts. Trotzdem konnte sie das Gefühl der Beobachtung nicht abschütteln.
Die Worte des Barons, die Gesprächsfetzen aus dem Salon und das Gedicht – alle schienen sie auf etwas Unausweichliches zuzusteuern. Adelina wusste, dass sie nicht mehr wegsehen konnte. Etwas war in Bewegung geraten, etwas, das ihr Leben und alles, was sie kannte, grundlegend verändern könnte.