Kapitel 1 — Rückkehr nach Heidelberg
Isabella von Falkenstein
Die Kutsche rumpelte über die unebenen Steine der Landstraße, während Isabella von Falkenstein durch das schmale Fenster nach draußen blickte. Der Nebel hing schwer über den Wiesen, kroch wie ein lebendiges Wesen die Hügel hinauf und verschlang die dichten Wälder. Trotz der dicken Wolkendecke schimmerte das Schloss Heidelberg am Horizont – eine trutzige Silhouette aus rotem Sandstein, die stolz über der Stadt thronte.
Ihre fein behandschuhten Hände ruhten regungslos auf ihrem Schoß, doch innerlich tobte ein Sturm. Die Jahre im Kloster hatten sie zu einer anderen Frau gemacht – stiller, nachdenklicher vielleicht, aber auch klüger. Dort hatte es strenge Regeln gegeben, aber auch Frieden. Hier, in der Welt, die sie einst verlassen hatte, warteten Pflichten, Intrigen und der bedrückende Schatten ihrer Familie. Sie hatte sich oft gefragt, ob sie bereit war, zurückzukehren. Nun, da die Mauern des Schlosses näher rückten, wusste sie es nicht.
„Wir nähern uns, Mylady,“ meldete der Kutscher, seine Stimme gedämpft durch das Poltern der schweren Räder.
„Danke,“ murmelte Isabella, obwohl er es kaum hören konnte. Ihr Blick blieb auf dem Schloss haften, das ihr einst wie eine Märchenfestung erschienen war und nun wie ein Gefängnis wirkte. Eine Erinnerung stieg in ihr auf – wie sie als kleines Mädchen nach einer langen Reise von den Bediensteten freudig begrüßt worden war. Die Wärme und der Jubel schienen jetzt so fern, fast wie eine Fantasie.
Die Kutsche hielt schließlich vor dem Haupttor, und ein Lakai öffnete die Tür. Isabellas Augen glitten über die mächtige Fassade des Schlosses, deren steinerne Ornamente unter dem trüben Licht des Nachmittags fast lebendig wirkten. Die Bediensteten, die auf ihre Ankunft gewartet hatten, standen in makelloser Haltung bereit, ihre Mienen ausdruckslos.
„Willkommen zurück, Mylady,“ sagte eine ältere Frau in dunkler Kleidung und trat einen Schritt vor. „Ich bin Agnes, Eure neue Zofe.“ Ihre Stimme war höflich, aber angespannt, als ob jedes Wort sorgfältig abgewogen wurde.
Isabella nickte knapp, obwohl ihr die Worte der Frau kaum zu ihr durchdrangen. Die höfische Kälte, die sie so gut kannte, schien wie ein unsichtbarer Schleier über allem zu liegen.
Agnes führte sie durch die gewaltigen Türen ins Innere des Schlosses. Die Luft war schwer von dem Geruch nach poliertem Holz und alten Textilien. Ihre Schritte hallten in den hohen Hallen wider, deren Wände von prächtigen Wandteppichen bedeckt waren. Diese erzählten von biblischen Szenen und antiken Mythen, doch Isabella fühlte sich nicht von ihnen inspiriert, sondern von ihren stummen Blicken erdrückt.
„Euer Gemach wurde vorbereitet, Mylady,“ sagte Agnes, als sie die breite Treppe hinaufstiegen. „Seine Gnaden erwartet Euch später in der großen Halle.“
„Mein Vater?“ fragte Isabella, ihre Stimme leise und zögernd.
„Ja, Mylady. Er hat große Pläne für Eure Rückkehr.“
Diese Worte ließen Isabella innehalten. Große Pläne? Was immer diese Pläne waren, sie fühlte deren Gewicht bereits auf ihren Schultern. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, mehr zu fragen, doch sie hielt sich zurück. Es war besser, zuerst zu beobachten, wie ein Schachspieler, der auf den ersten Zug des Gegners wartet.
Ihr Gemach war unverändert, und doch fühlte es sich fremd an. Die schweren, dunkelblauen Samtvorhänge hingen wie damals an den Fenstern, und das Himmelbett mit seinen kunstvoll geschnitzten Pfosten stand noch an derselben Stelle. Doch die Luft war kühler, die Atmosphäre bedrückender. Auf dem Mahagoni-Schreibpult lagen frisch geschärfte Federn, ein Tintenfass und Stapel leerer Pergamentbögen – ein stummer Hinweis darauf, dass man sie erwartete, sich in die höfischen Rituale einzufügen.
Isabella zog ihre Handschuhe aus und rieb ihre kalten Finger aneinander. Ihre Gedanken wanderten zu ihrer Mutter. Dieses Zimmer hatte einst ihrer Mutter gehört. Sie erinnerte sich an einen Abend, an dem sie als Kind mit ihrer Mutter am Fenster gesessen und leise Lieder gesungen hatte, während der Regen gegen die Scheiben prasselte. Die Erinnerung war so klar, dass sie fast den Lavendelduft ihrer Mutter wahrzunehmen meinte, doch die Gegenwart des Raumes war unerbittlich leer.
Ein leises Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Agnes trat ein. „Mylady, Seine Gnaden lässt Euch ausrichten, dass Ihr in einer Stunde erwartet werdet.“
„Danke,“ murmelte Isabella, den Blick abgewandt, und die Zofe verschwand lautlos.
In der verbleibenden Zeit ließ Isabella die Hände über die geschnitzten Säulen des Bettes gleiten und betrachtete die feinen Details. Es war, als suchte sie nach einem Anker in einer Welt, die sich plötzlich so fremd anfühlte. Schließlich zog sie den blauen Samtvorhang ihres Bettes beiseite, musterte ihr Spiegelbild im ovalen Wandspiegel und strich sich eine widerspenstige Locke zurück. Ihre grünen Augen spiegelten die Unsicherheit wider, die sie zu verbergen versuchte.
Als sie die große Halle betrat, fühlte sie sich wie eine Fremde in ihrem eigenen Zuhause. Der goldene Glanz der vergoldeten Möbel und die kunstvollen Fresken schienen wie ein Widerspruch zu der bedrückenden Stimmung, die den Raum erfüllte. Ihr Vater, Ruprecht von Falkenstein, stand am anderen Ende des Saales. Seine Haltung war aufrecht, sein Blick durchdringend.
„Isabella,“ sagte er mit einer Stimme, die durch den Raum hallte. Sie war tief und autoritär, ohne einen Hauch von Wärme.
„Vater,“ erwiderte sie leise und verbeugte sich leicht.
„Ich nehme an, die Reise war angenehm?“ fragte er, doch sein Tonfall verriet, dass er die Antwort nur am Rande interessierte.
„Ja, Vater,“ antwortete Isabella und hielt seinen prüfenden Blick stand.
Seine Augen musterten sie, als wolle er herausfinden, wie sehr sie sich verändert hatte, bevor er mit einer knappen Geste zum Tisch deutete. „Setz dich.“
Isabella folgte stumm und setzte sich an den Tisch, während er stehen blieb, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.
„Deine Rückkehr ist von großer Bedeutung,“ begann er. „Die Zeiten sind schwierig, Isabella. Die protestantischen Kräfte gewinnen an Einfluss, und unser Glaube steht auf dem Spiel. Unsere Familie hat eine Verantwortung, die nicht länger ignoriert werden darf.“
Isabella spürte, wie eine Welle der Anspannung ihren Körper durchlief. Seine Worte trugen das Gewicht einer unausgesprochenen Forderung.
„Du wirst lernen müssen, deinen Platz in diesem Kampf einzunehmen,“ fuhr er fort. „Nicht länger nur als meine Tochter, sondern als Vertreterin unseres Hauses. Deine Haltung, deine Worte, jedes deiner Handlungen wird von Bedeutung sein.“
Ihr Magen zog sich zusammen, doch sie nickte langsam. Was bedeutete all dies für sie?
„Wir sprechen morgen weiter,“ schloss er. „Bis dahin solltest du dich ausruhen.“
Mit diesen Worten entließ er sie, und Isabella kehrte in ihr Gemach zurück, wo sie sich endlich erlaubte, die Fassade fallen zu lassen. Sie sank auf das Bett und vergrub ihr Gesicht in den Händen.
Die Einsamkeit lastete schwer auf ihr, doch tief in ihrem Inneren regte sich ein Funke. Vielleicht, dachte sie, würde sie eines Tages in der Lage sein, ihre eigenen Fäden zu ziehen – oder sie zu zerschneiden.