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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Schatten der Vergangenheit


Ruprecht von Falkenstein

Ruprecht von Falkenstein stand am hohen Fenster seines Arbeitszimmers, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Der Ausblick auf die Hügel Heidelbergs war an diesem Nachmittag von düsterer Schönheit, der Nebel zog wie ein geschmeidiger Schleier durch die Wälder und tauchte die Landschaft in ein unheimliches Halbdunkel. Dieser Anblick erfüllte ihn mit einer seltsamen Ruhe – der Nebel, ein Symbol für die Ungewissheit der Zeit, schien ebenso undurchdringlich wie die Intrigen, die das Land heimsuchten.

Seine Gedanken kehrten immer wieder zu seiner Tochter zurück. Jahre waren vergangen, seit er Isabella zuletzt gesehen hatte. Damals war sie ein verschüchtertes Mädchen gewesen, kaum mehr als ein Schatten ihrer Mutter. Doch nun war sie zurückgekehrt, eine junge Frau, gereift durch ihre Zeit im Kloster. Ob diese Abgeschiedenheit sie gestärkt oder geschwächt hatte, konnte er noch nicht sagen. Würde sie ihren Platz in den Plänen ihres Hauses einnehmen, oder würde sie sich den Verpflichtungen entziehen, die das Blut der Falkensteins ihr auferlegte?

Ruprecht wandte sich vom Fenster ab und ließ seinen Blick durch den Raum gleiten. Sein Arbeitszimmer war ebenso ein Spiegel seiner Seele wie jeder andere Ort in diesem Schloss. Die dunklen Holzvertäfelungen und hohen Regale voller Bücher sprachen von Gelehrsamkeit, die schweren Wandteppiche mit Symbolen seiner katholischen Treue von unerschüttlicher Überzeugung. Auf dem massiven Schreibtisch lag ein Dolch, der einst in Kämpfen geführt worden war – eine Erinnerung an seine eigene Vergangenheit als Verfechter der katholischen Sache. Doch trotz all dieser Zeichen von Stärke lag eine Kälte in der Luft, die selbst das stetig brennende Feuer im Kamin nicht vertreiben konnte.

Er schritt zu seinem Schreibtisch, auf dem ein Stapel Briefe lag. Einige waren verschlossene Botschaften von Verbündeten, andere Berichte seiner Spione. Ruprecht nahm ein Schreiben auf, öffnete es mit dem Dolch und überflog die Zeilen. Ein vertrauter Name sprang ihm ins Auge: Johann von Waldenburg. Der Graf war ehrgeizig, brutal und, das wusste Ruprecht, ein Mann, dessen Loyalität an einen hohen Preis gebunden war. Dennoch – oder gerade deshalb – brauchte er Männer wie Johann in diesen Zeiten.

Die Reformation hatte die Pfalz zerrissen. Der protestantische Kurfürst Friedrich III. herrschte mit einer Selbstgewissheit, die Ruprecht bis ins Mark empörte. Die katholische Sache war im Niedergang begriffen, und mit ihr die Macht der großen Familien, die über Generationen hinweg das Land geprägt hatten. Ruprecht hatte es nie akzeptieren können, wie leichtfertig die Welt, die er kannte, in Frage gestellt worden war.

Er griff nach einem Kelch Wein und nahm einen tiefen Schluck, bevor er sich schwer in den ledergepolsterten Stuhl hinter seinem Schreibtisch sinken ließ. Die Flammen im Kamin warfen flackernde Schatten an die Wände, die ihn an frühere Zeiten erinnerten – an Schlachten, die er einst für die katholische Sache geführt hatte. Die Geräusche von Schwertern und das Rufen seiner Männer schienen in diesem Moment wieder lebendig zu werden. Er erinnerte sich daran, wie er in einer Winternacht einst einen Angriff gegen eine protestantische Festung angeführt hatte. Der Schnee war rot vom Blut seiner Feinde gewesen, und die Schreie der Besiegten hatten ihn damals nicht berührt. Doch heute, mit den Jahren und Verlusten, schien die Glorie jener Tage verblasst.

Ein leises Klopfen unterbrach seine Gedanken. „Herein,“ rief er, seine Stimme wie das Knarren eines alten Holzbalkens.

Ein junger Mann trat ein, der Bote eines seiner Vertrauten. Er hielt ein weiteres Schreiben in den Händen und verneigte sich knapp, bevor er es Ruprecht überreichte. „Von Seiner Exzellenz, meinem Herrn, Graf Johann von Waldenburg.“

Ruprecht nahm das Schreiben, entließ den Boten mit einer knappen Handbewegung und öffnete den Brief. Die Worte, die er las, waren direkt und ohne Umschweife. Johann hatte einen Plan vorgeschlagen – einen Plan, den protestantischen Kurfürsten ein für alle Mal zu beseitigen. Der Maskenball, der in wenigen Wochen im Schloss Heidelberg stattfinden würde, sei die perfekte Gelegenheit.

Ein Schatten huschte über Ruprechts Gesicht. Der Gedanke, Friedrich III. zu stürzen, war verlockend. Doch Johann war ein Mann, dessen Ehrgeiz keine Grenzen kannte. Würde er nach dem Fall des Kurfürsten ein Verbündeter bleiben, oder würde er versuchen, seine eigene Macht zu vergrößern? Diese Unsicherheiten nagten an Ruprecht, doch er wusste, dass er handeln musste, wollte er die katholische Sache retten.

Seine Gedanken wanderten zurück zu Isabella. Ihre Verlobung mit Johann von Waldenburg war ein zentraler Bestandteil dieses Plans. Isabella würde in den kommenden Wochen lernen müssen, was es bedeutete, ein Werkzeug der großen Politik zu sein – subtil, aber entschlossen. Doch bei diesem Gedanken spürte er einen Anflug von Bedauern, wie ein leises Seufzen in der Tiefe seines Herzens. Ihre Mutter hätte diese Pläne nie gebilligt, dessen war er sich sicher.

Er griff nach einer Feder und begann, eine Nachricht zu schreiben. Die Worte flossen schnell, präzise, wie ein Schachspieler, der seinen nächsten Zug plante. Die Nachricht war an Johann gerichtet und enthielt seine Zustimmung zu einem ersten Treffen, um die Details ihres Vorhabens zu besprechen.

Als er die Feder zur Seite legte, erhob er sich und trat erneut ans Fenster. Der Nebel hatte sich verdichtet, die Welt draußen war kaum noch zu erkennen. Es war ein Symbol, dachte er, für die Unklarheit, die diese Zeiten beherrschte. Doch in seinem Inneren regte sich keine Unsicherheit, sondern ein Funken unerbittlicher Entschlossenheit.

Die Tür öffnete sich, und Agnes, Isabellas neue Zofe, trat ein. „Verzeiht die Störung, Eure Gnaden,“ sagte sie und neigte den Kopf. „Mylady Isabella ruht in ihrem Gemach. Sie wirkt... beunruhigt, aber zugleich gefasst.“

„Das ist gut,“ erwiderte Ruprecht knapp. „Lass sie noch eine Weile. Bald wird sie verstehen, was von ihr erwartet wird.“

Agnes nickte und zog sich zurück. Ruprecht blieb noch einen Moment reglos stehen, dann wandte er sich wieder dem Fenster zu. Der Kampf würde bald beginnen, und er wusste, dass er bereit war, alles zu opfern – auch, wenn das bedeutete, dass er seine eigene Tochter in den Strudel der Macht hineinzog.

Die Falkensteins waren keine Familie, die sich zurückzog. Sie kämpften, sie planten, sie überlebten. Und Ruprecht würde sicherstellen, dass dies auch so blieb, koste es, was es wolle.