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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Das Flüstern der Runen


Noah Bennett

Das Glimmen der Abendsonne drang durch die hohen, bleigefassten Fenster der Alten Bibliothek, und der vertraute Geruch von altem Papier und trockener Tinte erfüllte die Luft. Noah Bennett zog seinen Strickpullover enger um die Schultern, während er durch die endlosen Reihen staubiger Regale wanderte. Seine Schritte hallten leise auf dem abgenutzten Steinboden wider, als er die Finger über die Rücken der Bücher gleiten ließ, die in verschiedenen Stadien des Alterns vor ihm ruhten. Manche waren zerfleddert, andere prächtig in Leder gebunden, aber jedes trug ein Geheimnis, das darauf wartete, entdeckt zu werden.

Es war ein gewöhnlicher Abend für ihn – oder sollte es sein. Doch irgendetwas in der stillen Aura der Bibliothek fühlte sich heute anders an, als ob etwas in der Luft lag, eine Spannung, die sich in den Schatten zwischen den Regalen verbarg.

„Du wirst noch zu einem dieser Bücher verschmelzen, Noah.“ Die Stimme seines Mentors, Mr. Whitaker, drang hinter ihm hervor. Der alte Mann stand mit einem Stapel Manuskripte in den Händen, ein wissendes Lächeln auf den Lippen. Seine grauen Haare standen wirr ab, und seine Brille hing gefährlich schief auf der Nase.

Noah drehte sich um und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ein passendes Schicksal für jemanden wie mich. Immerhin gäbe es schlechtere Gesellschaft.“ Ein Hauch von Melancholie schwang in seinen Worten mit, ein leises Echo seiner inneren Zweifel.

Mr. Whitaker schnaubte belustigt, doch seine Augen blieben ernst. „Manchmal, Noah, ist es besser, einige Geheimnisse ruhen zu lassen. Besonders die, die schon so lange verborgen sind. Es gibt Gründe, warum manche Geschichten nicht erzählt werden.“

Noah erwiderte nichts, doch seine Stirn legte sich leicht in Falten. Die Worte seines Mentors hallten in ihm nach, während seine Hände tief in den Taschen seiner Jeans verschwanden und sein Blick wieder zu den Regalen glitt. Die Bibliothek hatte ihn immer angezogen, besonders die alten Flügel, in denen Wissen lag, das die moderne Welt längst vergessen hatte. Es war nicht das erste Mal, dass er sich von ihrer Dunkelheit umarmt fühlte, als ob sie ihm etwas zuflüstern wollte, das nur er hören konnte.

Das Flüstern begann, als die Nacht über die Bibliothek fiel. Zuerst dachte Noah, es sei nur der Wind, der durch die alten Fensterrahmen heulte. Doch das Geräusch war anders – leiser, gezielter, wie Worte, die in einer längst vergessenen Sprache gesprochen wurden.

Er war allein. Mr. Whitaker hatte die Bibliothek längst verlassen, und das gedämpfte Licht der Leselampen tauchte den Raum in ein warmes, sanftes Glühen. Noah saß an einem der massiven Holztische, ein Stapel alter Bücher vor ihm. Er war kurz davor, sich die Augen zu reiben und nach Hause zu gehen, als er es wieder hörte: ein hauchzartes Wispern, das aus den Tiefen der Regale zu kommen schien.

Ein Schauer jagte ihm über den Rücken, doch seine Neugier siegte über die aufkeimende Angst. Langsam erhob er sich, ließ die Bücher hinter sich und folgte dem Geräusch. Seine Schritte wurden von den steinernen Wänden verschluckt, und der Schatten seiner schlanken Gestalt tanzte zwischen den Regalen.

Das Flüstern führte ihn zu einem Bereich der Bibliothek, den er selten aufsuchte. Es war der alte Flügel, ein Labyrinth aus verwinkelten Gängen und schwer zugänglichen Regalen, die Bücher aus einer Zeit beherbergten, die selbst für die Alte Bibliothek uralt war.

Das Gefühl von Kälte und Mystik wurde stärker, je tiefer er in diesen Flügel vordrang. Die Schatten wirkten dichter, als ob sie sich mit jedem Schritt um ihn zusammenzogen. Der Geruch von Tinte wurde schärfer, fast metallisch, und die Stille um ihn herum schien lebendig.

Seine Finger zitterten leicht, als er eine Taschenlampe aus seiner Tasche zog und den Lichtstrahl an den Regalen entlanggleiten ließ. Die Flüstertöne verstummten, als er vor einem besonders hohen Regal stehen blieb, dessen Holz vom Alter geschwärzt war. Irgendetwas zog ihn zu einem der Bücher, einem unscheinbaren, ledergebundenen Band, der zwischen den anderen kaum auffiel. Doch als Noah danach griff, spürte er die ungewöhnliche Kälte, die von dem Buch ausging, und ein plötzlicher, unwillkürlicher Schauer überlief ihn.

Das Buch war schwer, und der Einband fühlte sich seltsam lebendig an, als würde es unter seinen Fingern atmen. Auf der Vorderseite war ein einziges Symbol eingraviert – eine geschwungene Rune, deren Form vage an die Silhouette eines Wolfes erinnerte.

Er schluckte hart und öffnete es. Die Seiten waren mit einer seltsamen Mischung aus Text und Bildern gefüllt, die ihn auf eine unheimliche Weise anzusprechen schienen. Es waren nicht die Worte, die ihn fesselten – er konnte ohnehin nicht entziffern, was dort geschrieben stand. Es war die Aura des Buches, die ihn nicht losließ, eine Präsenz, die ihn zu umgeben schien, während er die Seiten durchblätterte.

„Das ist unmöglich“, flüsterte er, seine rationale Seite rebellierte gegen das, was er erlebte. Doch ein anderer Teil von ihm – ein stiller, verborgener Teil – spürte eine unerklärliche Vertrautheit mit dem Buch.

Und dann geschah es. Eine der Runen begann zu leuchten, ein sanftes, silbriges Licht, das die Schatten um ihn herum zurückdrängte. Noah sprang erschrocken zurück, das Buch fiel ihm fast aus den Händen. Sein Herzschlag beschleunigte sich, und er starrte auf die Seite, unfähig, den Blick abzuwenden.

Das Leuchten war wie ein Puls, ein lebendiges Flackern, das die Luft vibrierend erscheinen ließ. Seine Hände zitterten, und eine Gänsehaut breitete sich auf seinen Armen aus. Für einen Augenblick glaubte er, Stimmen zu hören – flüchtige Worte, die nicht zu greifen waren, wie ein Echo aus einer anderen Zeit.

Das Licht der Rune flackerte wie das Licht einer Kerze im Wind, und für einen Moment glaubte Noah, etwas zu hören – ein entferntes Heulen, das durch die Gänge der Bibliothek hallte.

„Das kann nicht echt sein“, murmelte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

Doch die Rune schien ihn zu rufen, ihm etwas zu sagen, das tief in seinem Inneren widerhallte. Er fühlte eine merkwürdige Wärme, die von dem Buch ausging, und gleichzeitig eine Kälte, die ihn von außen zu umarmen schien.

„Noah.“

Der Klang seines Namens ließ ihn zusammenzucken. Er wirbelte herum, doch niemand war da. Die Bibliothek war still, bis auf das leise Knistern der alten Holzregale.

Seine Hände zitterten, als er das Buch schloss. Er wusste nicht, was er entdeckt hatte, doch ein Teil von ihm wusste, dass dies der Beginn von etwas Größerem war – etwas, das sein Leben für immer verändern würde.

Langsam und vorsichtig machte er sich auf den Weg zurück zu seinem Arbeitsplatz. Doch in der Dunkelheit der Bibliothek fühlte er sich beobachtet, als ob unsichtbare Augen ihn verfolgten.

Als er schließlich das Licht der Hauptleselampen erreichte und das Buch auf den Tisch legte, war er sich sicher: Er konnte nicht einfach weggehen. Nicht jetzt.

Wieder hörte er das leise, unheilvolle Heulen, das irgendwo im Schatten der Bibliothek widerhallte. Doch diesmal klang es näher.

Und Noah wusste, dass das Flüstern der Runen erst begonnen hatte.