Kapitel 1 — Unruhige Schatten der Vergangenheit
Louisa Benner
Der Regen prasselte unaufhörlich gegen die Fensterscheiben der kleinen Berliner Wohnung, während Louisa Benner sich auf den abgeschliffenen Holzboden setzte. Vor ihr lagen verstreut alte Fotos, Zeitungsausschnitte und ein zerfleddertes Notizbuch, das Markus einst gehörte. Die Leere im Raum war beinahe erdrückend, ebenso wie die Stille, die nur durch das entfernte Donnergrollen und das leise Tropfen eines undichten Wasserhahns unterbrochen wurde. Sie strich über ein vergilbtes Foto, das sie und Markus an einem Sommertag zeigte – er mit diesem breiten, strahlenden Lächeln, das sie immer beruhigt hatte. „Wie konntest du mir das antun, Markus?“ murmelte sie leise. Sein Lächeln wirkte jetzt wie ein Hohn; ein bitterer Kontrast zu der Realität, die sie mit jedem Tag mehr zu verschlingen schien.
Es war Wochen her, dass Markus unter mysteriösen Umständen gestorben war, und doch fühlte es sich an, als wäre er ständig anwesend – ein ungreifbarer Geist, der sie heimsuchte. Die offizielle Version seines Todes ließ an Klarheit zu wünschen übrig: ein Unfall, hieß es. Aber Louisa wusste es besser. Markus hatte Geheimnisse gehabt – Geheimnisse, die sie nicht rechtzeitig bemerkt hatte. Die Schuld nagte unaufhörlich an ihr. Sie hätte etwas merken müssen, hätte ihn retten können. Jetzt war es zu spät. Der einzige Weg, den Schmerz zu lindern, war, die Wahrheit ans Licht zu bringen – koste es, was es wolle.
Ihr Laptop summte leise, der Bildschirm zeigte eine endlose Reihe von Recherchen, die sich in ihren Gedanken wie ein Labyrinth verhedderten. Politische Skandale, Korruption, Netzwerke internationaler Finanzkriminalität – all das war Stoff für eine Enthüllungsstory gewesen, bevor ihr Leben aus den Fugen geriet. Ihre Suspendierung wegen eines angeblich „unverantwortlich veröffentlichten“ Artikels war der erste Schlag gewesen, doch Markus’ Tod hatte sie endgültig in eine Spirale aus Schuld und Wut gestürzt.
Ein dumpfes Klopfen an der Tür durchbrach ihre Gedanken. Louisa erstarrte. Es war fast Mitternacht, und sie erwartete niemanden. Ihr Herz schlug schneller, während sie aufstand und ihre nackten Füße über den kühlen Boden trugen. Sie spähte durch den Spion, doch der Flur war leer. Als sie die Tür öffnete, fand sie nur einen schlichten, braunen Umschlag, der vor ihrer Tür lag. Kein Absender, keine Hinweise, wer ihn dort abgelegt hatte.
Mit zittrigen Händen nahm sie den Umschlag und schloss die Tür hinter sich. Sie setzte sich zurück auf den Boden und öffnete das Kuvert vorsichtig. Darin befand sich ein dünner Stapel ausgedruckter Dokumente und ein USB-Stick. Die Dokumente waren Kopien von Banküberweisungen, alle verbunden mit dubiosen Offshore-Konten. Einer der Namen stach besonders hervor: Markus Benner.
„Das kann nicht wahr sein...“ flüsterte sie. Ihr Atem ging schneller, als sie die astronomischen Beträge überflog. Neben den Dokumenten lag eine handschriftliche Notiz, die nur aus zwei Worten bestand: „Beginne hier.“
Louisa griff instinktiv nach ihrem Laptop und steckte den USB-Stick ein. Ihre Finger zitterten, während sie die Dateien öffnete. Die Ordnerstruktur war chaotisch, als hätte jemand sie hastig zusammengestellt. Sie enthielt PDFs, E-Mails und Tabellenkalkulationen mit Tausenden von Transaktionen. Das Wort „Volkov“ tauchte mehrfach auf, oft in Verbindung mit Schlagwörtern wie „Logistik“, „Hafen“ und „Hamburg“. Das Gefühl, beobachtet zu werden, kroch ihr plötzlich den Rücken hinauf. Sie drehte sich um, ihre Augen suchten die Schatten der kleinen Wohnung ab. Nichts. Doch die Nervosität wich nicht. Sie ließ die Fensterläden herunter und zog die Vorhänge fest zu, bevor sie sich wieder vor den Laptop setzte.
Markus hatte also ein Doppelleben geführt, und irgendwie war er in all das hineingezogen worden. Aber warum? Und warum hatte jemand beschlossen, diese Informationen jetzt zu ihr zu bringen? Die Fragen drängten sich in ihrem Kopf wie eine Flutwelle, doch Antworten schienen unerreichbar. Sie biss sich auf die Lippe, ihre Gedanken rasten. „Warst du in Gefahr, Markus? Und wenn ja, warum hast du nichts gesagt?“ Sie sprach leise, als könnte sie damit seine Stimme zurückholen.
Eine weitere Entdeckung ließ sie innehalten: Eine E-Mail war mit einem Passwort geschützt. Die Betreffzeile lautete „Entscheidung“ und war an eine Adresse geschickt worden, die sie nicht kannte. Markus hatte sie nie erwähnt. Die Absenderadresse jedoch war subtil: Sie enthielt das Wort „Volkov“, gefolgt von einer Reihe von Zahlen. Der Name war ihr unbekannt, doch in ihrem Inneren regte sich ein vages Gefühl von Gefahr.
Louisa wandte sich Markus’ altem Notizbuch zu. Vielleicht gab es darin Hinweise, die sie übersehen hatte. Sie blätterte durch die Seiten, suchte nach Mustern in seinen kryptischen Notizen. Schließlich stieß sie auf eine Passage, die sie innehalten ließ. Die Worte waren händisch und hastig geschrieben: „Gerechtigkeit ist eine Illusion – Wahrheit ist gefährlich.“ Darunter war ein Datum vermerkt, das nur wenige Tage vor Markus’ Tod lag. Sie las die Worte immer wieder, presste das Notizbuch an ihre Brust. Tränen stiegen ihr in die Augen. „Warum, Markus? Warst du allein in dem Kampf?“ flüsterte sie.
Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es bereits weit nach Mitternacht war, doch an Schlaf war nicht zu denken. Stattdessen zog sie sich eine Jacke über und griff nach dem Schlüsselbund. Es war Zeit, Markus’ Wohnung zu besuchen. Vielleicht würden die Antworten dort auf sie warten.
Die Straßen Berlins waren um diese Uhrzeit still und beinahe verlassen. Der Regen hatte nachgelassen, doch der Asphalt glänzte noch nass und spiegelte die grellen Farben der Straßenlaternen wider. Als sie das Gebäude erreichte, in dem Markus gelebt hatte, zögerte sie kurz. Es fühlte sich an wie ein Eindringen in seine Welt, eine Welt, die sie offensichtlich nicht genug gekannt hatte.
Sein Apartment roch muffig, als wäre die Luft seit seinem Tod nicht mehr ausgetauscht worden. Louisa schaltete die kleine Tischlampe im Wohnzimmer ein und sah sich um. Alles war noch so, wie er es hinterlassen hatte – unsortierte Bücher auf dem Couchtisch, ein halb gefülltes Glas Wasser auf der Fensterbank. Sie strich mit der Hand über die Lehne seines abgewetzten Sessels, ließ ihren Blick über die Regale mit seinen sorgfältig aufgereihten Schallplatten wandern. Hier war er gewesen, hier hatte er gelebt, hier hatte er... gelitten?
Ihr Blick fiel auf einen Schreibtisch in der Ecke, auf dem mehrere Papiere chaotisch verstreut lagen. Sie durchsuchte ihn systematisch, öffnete Schubladen, prüfte den Boden darunter. Unter einem Stapel alter Rechnungen fand sie schließlich einen kleinen, unauffälligen USB-Stick. Ihr Herz hämmerte, als sie ihn betrachtete. „Bitte, lass das nicht nur irgendein blinder Hinweis sein“, murmelte sie, während sie den Stick in ihre Tasche gleiten ließ.
Sie steckte ihn später in ihren Laptop und öffnete die Dateien. Verschlüsselte Dokumente, zahllose davon. Einige enthielten kryptische Kürzel, andere schienen Aufzeichnungen von Gesprächen zu sein. Eine Datei jedoch ließ ihr Blut gefrieren: Sie war mit dem Namen „Project V“ beschriftet. Der Inhalt war verschlüsselt, doch der erste Satz war frei lesbar: „Volkov ist der Schlüssel.“
An der Wand hinter ihr knarzte plötzlich ein Geräusch. Louisa zuckte zusammen, ihr Herzschlag raste. Sie drehte sich um, sah jedoch niemanden. Doch das Gefühl der Beobachtung verstärkte sich. Sie griff nach dem Stick und verließ die Wohnung hastig, ihre Gedanken ein einziges Chaos.
Zurück in ihrer Wohnung setzte sie sich erneut an ihren Laptop, ihre Gedanken rasten. Wer auch immer ihr diesen Umschlag geschickt hatte, wusste eindeutig, dass sie weiter nach Antworten suchen würde. Sie wusste, dass sie dabei war, einen gefährlichen Pfad zu betreten. Doch der Gedanke, Markus’ Geheimnisse ans Licht zu bringen, war stärker als ihre Angst.
„Volkov ist der Schlüssel“, murmelte sie leise, während sie auf den Bildschirm starrte. Sie würde herausfinden, was das bedeutete – und warum Markus dafür hatte sterben müssen.