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- Erwachen der Dunkelheit - Band 1
Erwachen der Dunkelheit - Band 1
Inhaltsangabe
Sophie Keller zog den Reißverschluss ihrer Reisetasche zu und ließ den Blick ein letztes Mal durch die leere Wohnung wandern. An der Wand über dem Sofa war ein helleres Rechteck geblieben, dort, wo Markus’ gerahmte Fotografie gehangen hatte. Es war nicht bloß die Frau gewesen, mit der er sie betrogen hatte. Es war die Art, wie er ihr danach die Schuld gegeben hatte — ruhig, geduldig, als korrigiere er ein Kind. Sie sei zu viel in ihren Büchern, zu wenig bei ihm. Und das Schlimmste: eine Weile hatte sie ihm geglaubt. Der Zug trägt sie nach Süden, aus dem Grau Frankfurts heraus, bis sich der Bodensee vor dem Fenster öffnet, weit und still unter einem verhangenen Himmel. Für einen Atemzug hat Sophie das absurde Gefühl, der See habe sie kommen sehen und warte. In Lindau bezieht sie zwei Zimmer über einer Buchbinderei, und am nächsten Morgen beginnt ihre Arbeit in der Werkstatt für Buchrestauration, wo der Duft von Pergament, Leder und Knochenleim sich um sie legt wie ein Mantel. Dann kommt ein Auftrag, für den man ausdrücklich sie angefordert hat, und dafür muss sie übersetzen. Der Bootsmann rudert wortlos, den Blick starr geradeaus, und stößt sich sofort wieder ab, als wolle er keinen Atemzug länger als nötig auf der Insel Reichenau verbringen. Auf halbem Weg vom Ufer bleibt Sophie stehen. In die Rinde einer alten Linde ist ein Zeichen geschnitten, tief und sorgfältig: ein Halbmond, umgeben von schmalen Linien, die aussehen wie Schrift und doch keine sind. Sie legt die Fingerspitzen darauf. Das Holz ist kühl, wie es sein soll — und dann, für den Bruchteil eines Herzschlags, ist es das nicht mehr, sondern warm, beinahe lebendig. Ein Windstoß fährt durch die Kronen, und die Blätter rascheln wie eine Menge, die verstummt, wenn ein Fremder den Raum betritt. Hinter den Bäumen erhebt sich das Anwesen: dunkler Stein, überwuchert von Efeu, Türme, die zu hoch für ihre Grundfläche wirken. Es ist schön auf eine Weise, die einem den Rücken kalt werden lässt. Drinnen warten zwei Männer, die einander nicht ausstehen können und aus verschiedenen Gründen genau wissen wollen, was in dem Manuskript steht, das man ihr zur Restaurierung gegeben hat. Erster Band der Trilogie um Sophie Keller und den Bodensee — eine Geschichte darüber, dass manche Dinge nicht zugesperrt sind, weil sie wertvoll wären, sondern weil sie zu bleiben haben, wo sie sind.