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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Unter dem Schatten der Vergangenheit


Sophie Keller zog den Reißverschluss ihrer Reisetasche zu und ließ den Blick ein letztes Mal durch die leere Wohnung wandern. An der Wand über dem Sofa war ein helleres Rechteck geblieben, dort, wo Markus’ gerahmte Fotografie gehangen hatte. Zwei Jahre hatte sie das Bild jeden Morgen gegrüßt. Jetzt starrte sie nur der Abdruck an, ein Fleck von etwas, das sie zu lange nicht hinterfragt hatte.

Es war nicht bloß die Frau gewesen, mit der er sie betrogen hatte. Es war die Art, wie er ihr danach die Schuld gegeben hatte, ruhig, geduldig, als korrigiere er ein Kind. Sie sei zu viel in ihren Büchern, zu wenig bei ihm. Sie habe ihn dazu gebracht. Und das Schlimmste: eine Weile hatte sie ihm geglaubt.

Sie schulterte die Tasche und schloss die Tür, ohne den Schlüssel noch einmal umzudrehen. Draußen wartete das Taxi mit laufendem Motor. Niemand winkte ihr nach. Das war nichts Neues; Sophie hatte früh gelernt, allein zurechtzukommen.

Der Zug trug sie nach Süden, aus dem Grau Frankfurts heraus, und mit jeder Stunde wurde das Land weicher. Dann öffnete sich der Bodensee vor dem Fenster, weit und still, eine silberne Fläche unter einem verhangenen Himmel. Über dem Wasser hingen Nebelbänke, träge und schwer, und für einen Atemzug hatte Sophie das absurde Gefühl, der See habe sie kommen sehen und warte.

Lindau empfing sie mit Kopfsteinpflaster und Fachwerk, mit Gassen so eng, dass man die Hände nach beiden Häuserreihen hätte ausstrecken können. Ihre Wohnung lag über einer Buchbinderei, zwei Zimmer mit schiefen Dielen und dem Geruch nach altem Holz. Vom Fenster aus sah man den See. Sophie stellte die Tasche ab und atmete zum ersten Mal seit Wochen ganz aus.

Am nächsten Morgen begann ihre Arbeit in der Werkstatt für Buchrestauration. Eine Glocke über der Tür meldete sie an, und der Duft von Pergament, Leder und Knochenleim legte sich um sie wie ein Mantel. Regale voller versehrter Bände säumten die Wände. Hier war jede Beschädigung benennbar, jeder Riss zu heilen. Anders als in ihrem eigenen Leben.

„Du musst Sophie sein.“ Eine Frau mit kurzem blondem Haar kam auf sie zu, die Hände noch mehlig vom Buchweizenkleister. „Anna. Wir haben auf dich gewartet. Man sagt, du hast Hände.“

„Man übertreibt gern“, sagte Sophie, aber sie lächelte, und Anna lächelte zurück, ohne Hintergedanken, und das tat gut.

Den Vormittag verbrachte Sophie über einem Gebetbuch aus dem sechzehnten Jahrhundert, dessen Bindung sich in Fäden auflöste. Sie löste die alten Hefte, legte jede Lage zwischen Löschkarton, prüfte das Papier gegen das Licht. Wasserzeichen, eine Krone über einem Anker. Die Arbeit beruhigte sie. Zahlen, Fasern, Geduld. Nichts, das lügen konnte.

„Sag mal“, meinte Anna gegen Mittag und schob ihr einen Becher Tee hin, „hast du dir schon die Insel angesehen? Reichenau, drüben überm Wasser.“

„Noch nicht.“

„Schön ist es dort. Das Kloster, die alten Gärten.“ Anna zögerte, und ihr Lächeln bekam einen Sprung. „Nur der Wald dahinter. Da geht kaum jemand hin. Vor drei Jahren ist ein Junge aus der Nachbargemeinde verschwunden, im Herbst, bei Vollmond. Man hat ihn nie gefunden. Die Alten sagen, der Wald nimmt sich, was er will.“ Sie lachte, zu schnell. „Aberglaube. Vergiss, dass ich’s erzählt habe.“

Sophie vergaß es nicht.

Nach Feierabend ging sie hinunter ans Ufer, um den Kopf frei zu bekommen. Die Abendsonne lag golden auf den Dächern, der See roch nach Schilf und kaltem Stein. Es hätte ein friedlicher Gang sein können. Doch auf halbem Weg blieb sie stehen, ohne zu wissen, warum.

Die Gasse hinter ihr war leer. Und doch spürte sie einen Blick auf sich, so deutlich wie eine Hand im Nacken. Sie drehte sich um. Nichts als lange Schatten und das Klacken eines Fensterladens im Wind. Sie ging weiter, schneller jetzt, und der Blick ging mit.

Am Ufer angekommen, zwang sie sich stehenzubleiben. Über dem Wasser, weit draußen, hob sich die dunkle Linie der Insel aus dem Nebel. Etwas an ihr zog, leise und beharrlich, wie ein halb erinnerter Name. Sophie starrte hinüber, bis ihr die Augen brannten, und einen Herzschlag lang glaubte sie, eine Bewegung am fernen Waldrand zu sehen, groß und tief und still.

Dann war es fort. Nur der See lag da, und der Nebel schob sich weiter, und die erste Krähe des Abends stieg schreiend auf.

Sophie war nach Lindau gekommen, um etwas hinter sich zu lassen. Als sie an diesem Abend die Wohnungstür hinter sich abschloss, gleich zweimal, verstand sie zum ersten Mal, dass sie stattdessen in etwas hineingegangen war. In eine Geschichte, die lange vor ihr begonnen hatte und deren Fäden sich bereits um ihre Knöchel legten.