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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Das geheimnisvolle Angebot


Drei Tage später hatte sich Sophie in einen Rhythmus gefunden. Die Werkstatt öffnete um acht, und bis Anna kam, gehörte ihr die Stille. An diesem Morgen strich sie gerade neues Japanpapier über einen Riss im Vorsatz eines Psalters, die Pinzette ruhig in der Hand, als ein Räuspern hinter ihr die Ruhe zerschnitt.

„Da ist ein Herr für dich“, sagte Anna von der Tür her, und ihre Stimme klang seltsam gedämpft, als spräche sie in einer Kirche. „Ein von Wolfenberg.“ Sie hob die Augenbrauen, halb amüsiert, halb unbehaglich, und warf einen Blick über die Schulter zurück in den Vorraum. „Ich lass euch mal allein.“

Der Mann, der eintrat, füllte den Raum, ohne ihn zu berühren. Er war groß, in einem schlichten, makellosen Mantel, das dunkle Haar bis zum Kragen. Der Geruch von kaltem Regen und Zedernholz kam mit ihm herein, und das gedämpfte Stimmengewirr der Gasse draußen schien für einen Augenblick zu verstummen.

Doch es waren die Augen, die Sophie den Atem nahmen: eisblau, hell wie Wintereis über tiefem Wasser, und sie ruhten auf ihr, als kenne er sie länger, als sie sich selbst kannte.

„Frau Keller“, sagte er. Keine Frage. „Mein Name ist Alexander von Wolfenberg.“

„Womit kann ich Ihnen helfen?“ Sie legte die Pinzette beiseite und war froh, dass ihre Hand nicht zitterte.

„Man sagt, Sie retten, was andere aufgeben.“ Er trat näher, gemessen, und blieb auf der anderen Seite ihres Arbeitstisches stehen, als achte er sorgfältig auf den Abstand. „Ich besitze eine Sammlung alter Handschriften. Manche sind in einem Zustand, der sich Restauratoren nicht mehr anvertraut. Für mich sind sie unbezahlbar. Nicht ihres Alters wegen. Ihres Inhalts wegen.“

„Und der wäre?“

Ein Zögern, kaum sichtbar. „Familiengeschichte. Ältere und dunklere, als die meisten Familien ertragen würden.“

Sophie musterte ihn. „Es gibt in Konstanz erfahrene Werkstätten. Ich bin seit einer Woche hier.“

„Ich weiß genau, wie lange Sie hier sind.“ Es klang nicht wie Schmeichelei. Es klang wie eine Feststellung, und sie ließ Sophie kühl den Rücken hinunterlaufen. „Erfahrung ist nicht das Einzige, worauf es ankommt. Manche Bücher wählen ihre Hände selbst.“

„Bücher wählen nicht“, sagte sie.

„Nein?“ Etwas huschte über sein Gesicht, das beinahe Trauer war. „Dann verzeihen Sie einem alten Aberglauben.“

Er zog eine Karte aus der Innentasche seines Mantels und legte sie mit ruhigen Fingern auf den Tisch, schwarz auf Elfenbein, nur ein Name und eine Anschrift. „Insel Reichenau. Das Anwesen liegt am Waldrand. Ich sorge dafür, dass Ihnen nichts fehlt und“, er hielt einen Herzschlag lang inne, „dass Ihnen nichts geschieht.“

„Warum sollte mir etwas geschehen?“

Er antwortete nicht. Stattdessen wanderte sein Blick zu dem Psalter unter ihren Händen, zu den aufgeschlagenen Seiten, den Werkzeugen, und für einen Moment war da etwas Nacktes in seinem Gesicht, ein Hunger, den er sofort wieder verschloss, als habe er zu viel gezeigt.

„Denken Sie darüber nach, Frau Keller. Aber denken Sie nicht zu lange. Manche Dinge warten nicht gern.“

Er neigte den Kopf und ging. Die Glocke über der Tür klingelte hinter ihm, ein heller, alltäglicher Ton, der seltsam fehl am Platz wirkte, und als er verklungen war, merkte Sophie, dass sie die Kante des Tisches umklammerte.

Anna kam sofort zurück, die Augen groß. „Und? Was wollte er?“

„Mir Arbeit geben.“ Sophie drehte die Karte zwischen den Fingern. Das Elfenbein fühlte sich wärmer an, als es sollte, als habe seine Hand mehr als nur Papier hinterlassen.

„Die von Wolfenbergs.“ Anna senkte die Stimme, obwohl niemand sonst da war, und trat näher. „Die sitzen seit Ewigkeiten auf der Insel. Reich, verschlossen. Man sieht sie kaum. Und man erzählt sich Dinge.“

Sie zögerte, drehte einen Lappen in den Händen. „Meine Großmutter hat gesagt, in ihrem Haus stirbt die Zeit nicht richtig. Sie hat nie erklärt, was sie damit meinte. Ich hab immer gedacht, sie spinnt.“

„Und jetzt?“

Anna lachte, aber es klang dünn. „Jetzt bin ich froh, dass er nicht mich gefragt hat.“ Sie sah Sophie an, und ihr Lächeln bekam einen ernsten Zug. „Du wirst doch nicht hinfahren?“

Sophie gab keine Antwort, und das war Antwort genug.

Später, allein, trat sie ans Fenster. Der Nebel lag wieder über dem See, und dahinter ahnte man die Insel mehr, als man sie sah. Sie hätte nein sagen sollen. Jede vernünftige Faser in ihr riet dazu.

Aber der Mann hatte von Büchern gesprochen, die niemand sonst berühren wollte, und tief in ihr, an einer Stelle, die Markus nie hatte erreichen können, regte sich das Einzige, das ihr geblieben war, als alles andere zerbrochen war: die Neugier. Der Wunsch zu wissen, was in den Rissen lag.

Sie strich mit dem Daumen über die geprägten Lettern der Karte. Dann steckte sie sie ein, statt sie wegzuwerfen, und wusste in diesem Augenblick, dass sie längst entschieden hatte.