Kapitel 3 — Das Anwesen der verborgenen Geheimnisse
Der Bootsmann, der sie am Morgen übersetzte, sprach kein Wort. Er ruderte mit gleichmäßigen Zügen, den Blick starr geradeaus, und als der Kiel den Steg der Insel Reichenau berührte, half er ihr wortlos heraus und stieß sich sofort wieder ab, als wolle er keinen Atemzug länger als nötig hier verbringen.
Ein schmaler Pfad führte vom Ufer weg, gesäumt von alten Linden, deren Äste sich über ihr schlossen. Die Luft roch nach Moos und feuchtem Stein, und der Dunst hing in den Zweigen wie Wolle.
Auf halbem Weg blieb Sophie stehen. In die Rinde einer der Linden war ein Zeichen geschnitten, tief und sorgfältig: ein Halbmond, umgeben von schmalen Linien, die aussahen wie Schrift und doch keine war, die sie kannte.
Sie legte die Fingerspitzen darauf. Das Holz war kühl, wie es sein sollte. Und dann, für den Bruchteil eines Herzschlags, war es das nicht mehr, sondern warm, beinahe lebendig, ein Pulsschlag unter ihrer Haut. Sie zog die Hand zurück. Ein Windstoß fuhr durch die Kronen, und die Blätter raschelten wie eine Menge, die verstummt, wenn ein Fremder den Raum betritt.
Das Anwesen erhob sich hinter den Bäumen, dunkler Stein, überwuchert von Efeu, mit Türmen, die zu hoch für ihre Grundfläche wirkten. Verwitterte Wasserspeier duckten sich an den Traufen, die Gesichter zu Fratzen verzogen. Es war schön auf eine Weise, die einem den Rücken kalt werden ließ, wie ein Gesicht, das zu lange lächelt.
Am Portal erwartete sie ein hagerer Mann in dunklem Anzug, das Haar streng gescheitelt. „Frau Keller. Ich bin Johannes.“ Er verbeugte sich knapp. „Herr von Wolfenberg lässt Sie in die Bibliothek führen.“
Sie folgte ihm durch eine Halle, in der ihre Schritte doppelt widerhallten, an Wandteppichen vorbei, deren Szenen im Halbdunkel verschwammen: Wölfe, ein Mond, kniende Gestalten mit erhobenen Händen. Die Luft war kühl und roch nach altem Holz und einer Spur von etwas Undefinierbarem darunter, das Sophie nicht einordnen konnte, etwas Metallischem, Feuchtem, wie der Grund eines Brunnens.
„Das Haus ist seit über fünfhundert Jahren im Besitz der Familie“, sagte Johannes, während sie gingen, und seine Stimme hallte von den Wänden. „Halten Sie sich an die Räume, die man Ihnen zeigt. Der Ostflügel ist nicht sicher. Das Mauerwerk.“
„Das Mauerwerk“, wiederholte Sophie.
„Unter anderem.“ Er sah sie nicht an, als er es sagte.
Sie kamen an einer Tür vorbei, größer und älter als die anderen, aus schwarzem Eichenholz, mit einem schweren eisernen Riegel, der von außen vorgelegt war. Von außen, dachte Sophie. Man verriegelt eine Tür von außen, wenn man nicht draußen, sondern drinnen etwas halten will. Johannes bemerkte ihren Blick und ging ein wenig schneller.
Die Bibliothek nahm ihr den Atem, wie es Bibliotheken bei ihr immer taten. Regale bis unter die Deckenbalken, ein hoher Tisch in der Mitte, auf dem jemand mit Sorgfalt Handschriften und Werkzeug für sie bereitgelegt hatte. Der Geruch von altem Papier war hier so dicht, dass er fast süß wurde.
Sie trat an den Tisch und ließ den Blick über die Bände gleiten. Und dann hielt sie inne. Auf dem Einband des obersten, in dunkles Leder gepresst und mit dem Alter kaum noch zu erkennen, war dasselbe Zeichen wie an der Linde. Der Halbmond mit den fremden Linien.
„Sie sehen es sofort.“
Alexanders Stimme kam von der Tür. Er stand im Schatten zwischen zwei Regalen, und wieder war da dieses Gefühl, dass er länger dort gewesen war, als er zugab.
„Es ist auf einem der Bäume draußen“, sagte Sophie. „Und hier. Was bedeutet es?“
„Es bedeutet, dass etwas gehalten wird.“ Er kam näher, blieb aber auf der anderen Seite des Tisches. „Meine Vorfahren waren keine sanften Leute. Manches, was sie taten, taten sie, damit andere in Frieden schlafen konnten. Diese Bücher sind das Gedächtnis davon.“
„Sie reden in Rätseln.“
„Ich rede so genau, wie es sicher ist.“ Für einen Augenblick wurde sein Blick weich, fast bittend. „Restaurieren Sie, was sich restaurieren lässt. Lesen Sie, was auf den Seiten steht. Aber wenn ein Buch Sie einlädt, weiterzugehen, als der Text reicht, dann schlagen Sie es zu. Versprechen Sie mir das.“
Es war eine seltsame Bitte, und noch seltsamer war, dass sie in ihr etwas berührte, das sie nicht benennen konnte. „Warum sollte ein Buch mich einladen?“
„Weil manche geschrieben wurden, um zu locken.“ Er richtete sich auf, und der Moment schloss sich wie eine Tür. „Johannes bringt Ihnen Tee. Ich lasse Sie arbeiten.“
Als er gegangen war, saß Sophie lange still. Dann öffnete sie den obersten Band, vorsichtig, wie man ein verletztes Tier berührt. Die Seiten waren brüchig, die Schrift eng und alt. Sie verstand nur Bruchstücke, aber eines der Worte kehrte immer wieder, und es kroch ihr in den Sinn, lange nachdem sie das Buch geschlossen hatte.
Vinculum. Fessel.
Draußen zog Nebel vom See herein und legte sich vor die hohen Fenster, bis die Welt jenseits des Glases verschwand und nur noch die Bibliothek übrig blieb, sie und die Bücher und das Gefühl, dass die Bücher zurücksahen.