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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1 — Prolog: Flüstern der Vergangenheit


Die Bäume klirrten, wenn sie mit der Schulter daran streifte.

Es waren richtige Bäume, Buchen und Fichten, wie sie hinter dem Lager standen, mit jeder Nadel und jedem Blatt, mit Adern und Stielen und hier und da einem angefressenen Rand. Aber alles war aus Glas.

Liv ging barfuß zwischen den Stämmen hindurch, unter den Sohlen brach Reif, und die Füße froren ihr bis in die Knöchel hinauf. Kein Vogel. Auch kein Wind. Ihr Atem hing vor ihr in der Luft, eine kleine weiße Wolke, und blieb da hängen.

Das Mahlen kam von unten.

Zuerst saß es ihr in den Zähnen, dann in den Knien, Stein, der über Stein geschoben wird, so langsam, dass ein Mensch dabei alt werden konnte. Es waren Wörter darin. Sie brauchte lange, bis sie sie auseinanderbekam.

„Vergessene Schulden.“

Das Glas um sie herum summte mit, ein feiner, hoher Ton in jedem Blatt.

„Das Gleichgewicht ist verloren. Wer hält es noch?“

Weit hinten, wo der gläserne Wald grau wurde und aufhörte, gingen zwei Augen auf. Sie waren blau wie der Grund einer Gletscherspalte, dort unten, wo nie ein Licht hinkam, und sie sahen nur sie an. Niemanden sonst. Es war ja auch sonst keiner da.

„König.“

Wo das Wort vorbeikam, sprangen die Blätter.

Draußen krachte eine Axt ins Holz, und Liv saß aufrecht. Im Mund hatte sie Blut, sie hatte sich im Schlaf auf die Zunge gebissen, und das Hemd klebte ihr am Rücken. Der Zopf hatte sich aufgelöst, und das dunkelbraune Haar lag ihr in nassen Strähnen am Hals.

Raphael war schon wach. Er saß neben ihr im Bett, die Decke bis zur Hüfte weggeschoben, und hatte zwei Finger auf ihr Handgelenk gelegt, nicht fest. Sie war in ihrem eigenen Bett, in ihrem Haus.

Im Lager des Nordclans, oben auf den Höhen des Schwarzwalds, wo es durch die Ritzen der Läden schon grau wurde und draußen einer Holz hackte, weil um diese Zeit immer einer Holz hackte.

„Du bist wach“, sagte sie.

„Schon eine Weile.“ Seine Stimme war rau vom Schlaf. „Mir ist das Herz gerannt, als wär ich den Kamm hochgelaufen. Ich hab gar nichts geträumt, Liv. Das war deins.“

Sie ließ sich zurück ins Kissen fallen. Den ganzen Winter hatte sie ihm nichts zurechtgelegt. Heute fing sie nicht damit an.

„Ein Wald aus Glas“, sagte sie zur Decke hinauf. „Jedes Blatt aus Glas. Und unten drunter hat was geredet. Gemahlen hat es, wie ein Mühlstein, und dabei Wörter gemacht. Von Schulden, die keiner mehr kennt.“

Raphael sagte nichts. Er wartete. Darin war er gut, wenn er wollte.

„Dann hat es mich angesehen. Zwei Augen, ganz hinten. Blau.“ Sie schluckte, aber der Blutgeschmack ging nicht weg. „Und es hat ein Wort gesagt. Bloß eins.“

„Welches?“

„König.“

Er nahm die Finger von ihrem Handgelenk und legte die ganze Hand darum.

„Zu dir?“

„Über sich, glaub ich. So hat es geklungen. Als würd’s mir sagen, wer es ist.“

Draußen hörte das Hacken auf. Liv setzte sich auf und tat, was sie jeden Morgen zuerst tat, noch vor dem ersten Schluck Wasser: Sie zog den linken Ärmel bis über den Ellbogen und legte die Finger auf das Mal. Raphael kannte das und wartete.

Die schwarze Naht lief vom Handgelenk die Innenseite des Unterarms hinauf und über den Ellbogen hinaus. Im letzten Sommer hatte sie knapp darüber aufgehört. Jetzt reichte sie eine Handbreit weiter, und keiner hatte gesehen, wann. Unter den Fingern war sie warm. Gut.

„Still?“, fragte Raphael.

„Still.“

Das hieß: Maeron rührte sich nicht. Dreihundert Jahre hatte der verratene Heiler unter dem Hain gelegen, ihr eigener Vorfahr, und seit sie ihn an sich gebunden hatte, gab er Ruhe. Sie hörte trotzdem jeden Morgen hin.

Das Schwert lehnte noch neben der Tür, wo Raphael es im Herbst hingestellt hatte, an dem Abend, als der Nordwind die äußerste Linie des Mals warm gemacht hatte. Den ganzen Winter hatte es da gelehnt, sie hatte mit dem Arm unter der Decke geschlafen, und es war nichts gekommen. Oben am Feldberg hatte das Eis geschwiegen.

Nur ihre Gabe war dünner geworden, wie eine Brühe, in die jeden Tag einer Wasser nachgießt. Bei der letzten Geburt im Lager hatte sie sich auf den Boden setzen müssen, mitten in der Arbeit, und die Hebamme hatte das Kind allein geholt.

Die warme Linie war warm geblieben. Sie war es heute noch.

Daneben lag die andere.

Sie war dünn wie ein Haar und blass, und so kalt, dass Liv die Fingerkuppen gleich wieder wegnahm. Gekommen war sie in der Nacht, als oben am Feldberg der Gletscher geborsten war. Den Riss hatte er seit der Nacht nach dem Hain, das wussten sie von den Hirten.

Im Juni war er dann ganz aufgegangen, mit einem Krachen, das man bis ins Lager hörte, und die Hunde hatten bis zum Morgen gejault. Als es hell wurde, hatte die Linie auf ihrem Arm gelegen. Sie hatte sie Raphael noch vor dem Frühstück gezeigt.

Sie schwang die Beine aus dem Bett. Der Boden war kalt. Über dem Herd hing der Thymian, den sie vorgestern geschnitten hatte, und ließ die Köpfe hängen. Sie hob die Hand danach und rief das Licht.

Früher war es gekommen, wenn sie nur hinsah. Jetzt musste sie danach greifen, tief, mit dem ganzen Arm, und als es endlich kam, grün und dünn, zog das Mal am Arm dagegen, als tränke es mit. Ein Schluck für sie, zwei für den Arm. Der Thymian blieb schlapp.

Ihre andere Hand war schon am Hals, ehe sie es merkte, an der Silberkette ihrer Mutter, an dem Anhänger, den das Tragen glatt gerieben hatte. Von ihrer Mutter hatte sie mehr, das Tagebuch und das wollene Tuch im Kasten unter dem Bett. Die Kette war das, was sie am Leib trug, weil sie an der Haut warm wurde.

„Das hier auch“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Das geht nicht mehr, Raphael. Nicht bloß schwerer. Heute kommt kaum noch was bis in die Hand.“

„Was hat’s dich gekostet?“

„Zwei Schluck für einen. Für den Thymian hat der eine nicht gereicht.“

Hinter ihr knarrten die Dielen, dann lag seine Hand auf ihrer Schulter, warm und schwer, mit den Schwielen, die sie an der Haut kannte.

„Nur das Licht?“

„Und die Linie.“ Sie drehte sich um und hielt ihm den Arm hin, die Innenseite nach oben. „Die da. Die ist heute kälter als im Juni. Fass mal an.“

Er fasste an und zog die Finger sofort zurück. Seine eisblauen Augen, noch halb im Schlaf, gingen von der Linie zu ihr und wieder zurück.

Draußen schlug ein Laden gegen das Holz. Der Wind kam von Norden. Er drückte durch die Ritze zwischen Laden und Rahmen und schob ein paar Flocken herein, die auf dem Fensterbrett liegen blieben, weiß und körnig, und nicht tauten. Schnee. Im Juli, mitten im Hochsommer.

Liv legte den Finger auf eine Flocke. Die blieb liegen, auf der warmen Haut, und schmolz erst, als sie darauf blies.

Raphael sah die Flocken an. Und er tat etwas, das sie an ihm sonst nur kannte, wenn er draußen eine Fährte las: Er beugte sich über ihren Arm, bis sie seinen Atem auf der kalten Linie spürte, und zog die Luft durch die Nase, kurz und dreimal, wie sein Wolf es getan hätte.

Dann richtete er sich auf und drehte das Gesicht in den Zug am Fenster.

„Das ist dasselbe“, sagte er.

„Was?“

„Dein Arm und der Wind.“ Er nahm ihre Hand und hielt den Arm ins Licht. „Das riecht nach Eis, Liv. Nach altem, das nie taut. Das kommt vom Feldberg runter.“