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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Prolog: Flüstern der Vergangenheit


Liv Hagen

Die Stille der Nacht war bedrückend. Kein Wind bewegte die Äste, kein Tier durchbrach das Schweigen. Liv Hagen lag in ihrer kleinen Hütte am Rande des endlosen Schwarzwalds, eingerahmt vom sanften Schein der schwelenden Glut im Kamin. Ihre Augen waren geschlossen, aber der Schlaf hatte sie nicht wirklich gefunden. Die Schatten ihrer Träume verfolgten sie, zogen sie tiefer in einen Nebel aus Kälte und Unruhe.

In ihrem Traum war sie allein. Der Wald, sonst üppig und lebendig, war zu starren, gefrorenen Skulpturen verkommen. Die Bäume reckten ihre kahlen Äste wie erstarrte Finger gen Himmel, und der Boden war von einer dicken Schicht aus frostigem Weiß bedeckt. Ihre Fußspuren knirschten laut – das einzige Geräusch in einer Welt, die wie eingefroren schien. Die Luft war erfüllt von einer beißenden Kälte, die in ihre Knochen kroch und ihre Fingerspitzen taub werden ließ. Der Geruch von Schnee und einer seltsamen, metallischen Schärfe lag in der Luft, als ob der Frost die Erde selbst ausgehöhlt hätte. Doch schlimmer als die Kälte war das Flüstern.

Es war leise, kaum mehr als ein Hauch, aber es füllte die Luft um sie. Die Worte waren unverständlich, wie aus einer längst vergessenen Sprache, geformt von einer tiefen, resonanten Stimme. Sie trugen etwas mit sich, das Liv das Herz schwer machte – ein drohender Ton, wie ein Wind, der Sturm und Verderben ankündigte.

„Vergessene Schulden, verlorenes Gleichgewicht“, murmelte die Stimme, und Livs Herz pochte schneller. Sie spürte eine Präsenz, etwas Großes, Dunkles, das sich ihr näherte. Sie wollte weglaufen, doch ihre Beine fühlten sich wie gefesselt an. Der Nebel wurde dichter, und eine riesige Silhouette zeichnete sich in der Ferne ab. Zwei leuchtend blaue Augen starrten sie an, kalt wie Eis, und die Kälte in ihrem Inneren schien plötzlich lebendig zu werden. Ein einzelnes Wort hallte durch die Dunkelheit: „König.“

Mit einem Schrei erwachte Liv aus ihrem Albtraum. Ihre Lungen brannten, als hätte sie vergessen zu atmen, und ihr Körper war von Schweiß bedeckt, trotz der kühlen Nachtluft, die durch die Ritzen der Hütte zog. Sie setzte sich auf und presste eine Hand auf ihre Brust, versuchte, ihren Atem zu beruhigen. Das Flüstern hallte noch immer in ihrem Geist nach, leise und unheilvoll.

Ihr Blick wanderte durch die Hütte. Die Kräuter, die von den Balken hingen, wirkten schlaff, einige Blätter waren welk – eine Veränderung, die sie in den letzten Tagen bemerkt hatte. Die Luft selbst schien schwerer zu sein, die Magie, die sie sonst umgab, fühlte sich gedämpft an, als ob sie von einer unsichtbaren Kälte durchdrungen wurde. Sie griff nach einer kleinen, abgenutzten Kette, die sie um ihren Hals trug, und hielt den Anhänger fest zwischen ihren Fingern, ein vertrauter Trost inmitten ihrer Unruhe.

Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken. Sie wusste sofort, wer es war, bevor sie die schwere Holztür öffnete. Raphael Wolf stand dort, der Alpha des Nordclans, seine eisblauen Augen vor Sorge dunkel. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn, und die Narben an seinen Händen erzählten stumm von seinen Kämpfen. Ohne ein Wort trat er ein und schloss die Tür hinter sich.

„Liv,“ sagte er leise, seine Stimme eine Mischung aus Sanftheit und Dringlichkeit. „Ich habe dich schreien gehört. Was ist passiert?“

Liv wollte ihm antworten, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie fühlte sich plötzlich nackt vor seiner durchdringenden Präsenz, als könne er direkt in ihre Seele blicken. Stattdessen wandte sie den Blick ab und umklammerte die Kanten ihres Umhangs.

„Nur ein Traum,“ brachte sie schließlich hervor, ihre Stimme rau und unsicher. „Es war nichts.“

Raphael trat einen Schritt näher, sein Blick unverändert auf sie gerichtet. „Du kannst mir nichts vormachen, Liv. Wir haben zu viel durchgemacht, als dass du mich jetzt anlügen könntest.“

Seine Worte trafen sie, und für einen Moment wollte sie ihm alles erzählen – die Kälte, das Flüstern, die Angst, die wie ein dunkler Schatten über ihr hing. Doch sie zögerte. Die Clans hatten gerade erst begonnen, sich von den vergangenen Kämpfen zu erholen. Sie konnte es nicht riskieren, die fragile Ruhe mit ihren eigenen Ängsten zu stören.

„Es ist nichts, Raphael,“ wiederholte sie, dieses Mal mit mehr Nachdruck. „Ich bin nur müde.“

Er schien ihre Antwort nicht zu akzeptieren, doch nach einem langen Moment des Schweigens nickte er langsam. „Wenn irgendetwas ist, Liv, sag es mir. Ich werde immer an deiner Seite stehen.“ Seine Stimme war ruhig, aber die leise Dringlichkeit darin ließ sie innehalten. Ihre Brust zog sich vor Dankbarkeit und Schuld zusammen. Sie wollte ihm glauben, wollte sich ihm anvertrauen, doch die Worte blieben gefangen in ihrem Inneren.

Raphael ließ seinen Blick kurz durch die Hütte schweifen – die welkenden Kräutersträuße, die Bücher und Notizen, die auf dem Tisch verstreut waren, das halbvolle Glas Wasser neben ihrem Bett. Alles in diesem einfachen Raum erzählte von Liv, von ihrer Rolle als Heilerin, Hoffnungsträgerin und Symbol der Einheit der Clans.

„Ich bleibe hier, falls du mich brauchst,“ sagte er schließlich, seine Stimme leise, aber bestimmt. Bevor sie widersprechen konnte, zog er einen Stuhl an das Fenster und ließ sich darauf nieder. Seine Augen suchten die Dunkelheit hinter den Bäumen ab, seine Schultern angespannt. Es war einer der Gründe, warum sie ihm vertraute – seine stille, unerschütterliche Präsenz.

Liv blieb noch eine Weile stehen, verwickelt in ihren eigenen Gedanken. Schließlich setzte sie sich auf das Bett und zog die Decke um sich. Sie atmete tief durch, versuchte, die Kälte ihres Traums abzuschütteln, doch ihre Hände zitterten, und ihre Gedanken kehrten immer wieder zu den leuchtenden blauen Augen zurück, zu dem drohenden Flüstern.

Irgendetwas war nicht in Ordnung. Sie konnte es fühlen, tief in ihrem Inneren, wie ein Schatten, der sich langsam ausbreitete. Ihre Magie schien es auch zu spüren – das Gefühl, dass etwas in der Luft lag, eine Veränderung, eine Störung. Der Wald war stiller geworden, als ob er den Atem anhielt.

Sie warf einen Blick auf Raphael, der aus dem Fenster in die Dunkelheit starrte, wachsam und nachdenklich. Sie wollte ihn nicht beunruhigen, wollte ihre eigenen Zweifel nicht auf ihn abwälzen. Aber die Worte kamen dennoch über ihre Lippen, leise und kaum hörbar.

„Etwas kommt, Raphael.“

Er drehte sich zu ihr um, die Falten seiner Stirn vertieften sich, doch er sagte nichts. Der Wind draußen erhob sich, fuhr durch die Äste und brachte eine Kälte mit sich, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Liv zog die Decke enger um sich und spürte, wie ihre smaragdgrünen Augen sich mit Tränen füllten, die sie nicht erklären konnte.

Der Wind heulte lauter, als wollte er ihre Worte bestätigen, und Raphael erhob sich von seinem Stuhl, seine Haltung angespannt, seine Augen dunkel vor Nachdenken. Doch Liv wusste, dass dies nur der Anfang war. Sie konnte es spüren, wie eine dunkle Gewissheit, die in ihrem Herzen Wurzeln schlug. Etwas war auf dem Weg, etwas, das die Welt, wie sie sie kannten, erschüttern würde.

Der Prolog endete, wie die Nacht begann: mit einer unheilvollen Stille, die den Wald umhüllte, während Liv und Raphael wach blieben und in die Dunkelheit hinausblickten, wartend auf das, was kommen mochte.