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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Prolog: Flüstern der Vergangenheit


Im Traum war der Wald aus Glas.

Liv ging zwischen Bäumen, die keine Blätter mehr trugen, nur Reif in der Form von Blättern, als hätte der Winter den Sommer mitten in der Bewegung erwischt und angehalten. Unter ihren Sohlen brach eine dünne Kruste, ein Geräusch wie berstende Fensterscheiben, viel zu laut in dieser reglosen Welt.

Ihr Atem stand weiß vor ihrem Gesicht und fiel nicht. Und hinter dem letzten Licht, dort, wo der Wald sich in Grau verlor, sprach etwas.

Sie verstand die Worte nicht. Sie waren älter als Worte, ein Mahlen, wie wenn ein Gletscher sich einen Finger breit weiterschiebt und der ganze Berg es in den Wurzeln spürt. Sie wollte fortlaufen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht, als wären auch sie zu Glas geworden. Dann, für einen Herzschlag, verstand sie die Stimme doch.

„Vergessene Schulden“, sagte sie. „Verlorenes Gleichgewicht.“

Zwei Augen öffneten sich in der Ferne, blau wie das Innere einer Gletscherspalte, und mit ihnen kam eine Bitterkeit in die Luft, die nach Schnee schmeckte und nach etwas Metallischem darunter. Ein einziges Wort fiel durch den erstarrten Wald und traf sie unter dem Brustbein wie ein Faustschlag.

„König.“

Liv erwachte mit einem Ruck und dem Geschmack von Eisen im Mund. Ihre Hütte am Rand des Schwarzwalds war dunkel bis auf die Glut im Kamin, und trotzdem klebte ihr das Hemd am Rücken, durchgeschwitzt. Einen langen Moment wusste sie nicht, wo sie war.

Dann fand ihr Blick die vertrauten Dinge — die Kräuterbündel an den Balken, den schweren Tisch, den Krug neben dem Bett — und ihr Herzschlag begann sich zu beruhigen.

Sie tat, was sie jeden Morgen tat, bevor sie überhaupt aufstand. Sie schob den Ärmel ihres linken Arms zurück und sah nach.

Das Mal war noch da. Es war immer noch da. Eine schwarze Naht lief von ihrem Handgelenk aufwärts, dorthin, wo sie im vergangenen Frühjahr geendet hatte, und ein Stück darüber hinaus.

Seit jener Nacht im Hain wuchs es, so langsam, dass man es an einem Tag nicht sah und über die Monate nicht leugnen konnte. Sie legte zwei Finger darauf und wartete. Warm. Sie atmete aus.

Solange es warm war, hielt es, und solange es hielt, blieb das, was sie im Hain gebunden hatte, dort, wo es hingehörte.

Daneben lief eine zweite Linie, und die war neu.

Blass, kaum breiter als ein Haar, und wo das alte Mal warm war, war diese Linie kühl — ein dünner Streifen Winter knapp unter der Haut, der sich nicht wegreiben ließ, so oft Liv es auch versuchte.

Sie war in einer einzigen Nacht gekommen, vor Wochen, in der Nacht, in der weit im Norden der Gletscher mit einem Donnern geborsten war, das man bis in den Süden gehört hatte. Damals hatte Liv sich eingeredet, es sei nur die Müdigkeit einer Heilerin, die zu viel gab. Sie redete sich das nicht mehr ein.

Sie stand auf, wickelte sich die Decke um die Schultern und trat zu den Kräutern, die von den Balken hingen. Ihre dunkelbraunen Haare fielen ihr ins Gesicht; sie strich sie zurück, streckte die Hand aus und rief das grüne Leuchten, das sonst von selbst kam, wenn sie an lebendige Dinge dachte.

Es kam nicht von selbst. Sie musste ziehen, und als es endlich aufglomm, matt und zäh wie Harz im Winter, zog das Mal an ihrem Arm dagegen, als tränke es, was sie mühsam aufbrachte. Die welken Blätter über ihr blieben welk.

Ein halbes Jahr lang hatte kein Ältester, kein Heiler eines fremden Rudels ihr sagen können, warum ihre Gabe verebbte. Sie brauchte niemanden, der es ihr sagte. Sie trug die Antwort auf dem eigenen Arm.

Ihre Finger fanden die Kette an ihrem Hals und schlossen sich um den Anhänger — abgegriffen, glatt vom Tragen, das Einzige, was ihr von ihrer Mutter geblieben war. Ein alter Trost, älter als alles, was gerade schiefging.

Ein Klopfen an der Tür. Sie wusste, wer es war, bevor sie öffnete.

Raphael füllte den Rahmen, den Reif einer langen Nacht im Fell seines Umhangs, obwohl es Hochsommer war. Der Alpha des Nordclans kam selten ohne Grund, und er kam nie leise. Seine eisblauen Augen fanden zuerst ihr Gesicht, dann, eine Spur zu schnell für seinen Blick, ihren zurückgeschobenen Ärmel — und Liv zog ihn herunter, eine Spur zu spät.

„Ich habe dich schreien gehört“, sagte er. „Durch die Wand. Du hattest wieder einen von deinen Träumen.“

„Nur einen Traum.“

„Liv.“ Er trat ein und schloss die Tür hinter sich; der Raum wurde sofort kleiner um ihn. „Wir zwei lügen einander nicht mehr an. Das haben wir hinter uns gelassen, im Hain. Was hast du gesehen?“

Sie hätte es ihm sagen können. Die Augen aus der Gletscherspalte. Das eine Wort. Das Mal, das wuchs, und die kühle Linie daneben, die kam, als der Gletscher brach.

Aber die sieben Rudel hatten sich gerade erst von den letzten Kämpfen erholt, sieben Clans, die seit Menschengedenken nicht an einem Feuer gesessen hatten, und die einzige Hand, die dieses Feuer zusammenhielt, war seine. Sie wollte ihm keine neue Last aufladen, ehe sie selbst wusste, wie schwer sie war.

„Etwas verändert sich“, sagte sie schließlich, und das war keine Lüge. „Die Kräuter reagieren nicht mehr auf mich. Der Wald ist zu still geworden. Selbst die Vögel sind fort.“

Raphael sah sie lange an, mit dem geduldigen Blick eines Mannes, der gelernt hatte, dass man Liv Hagen nichts entriss, das sie nicht selbst geben wollte. Ihre smaragdgrünen Augen hielten seinem Blick stand, ruhig, verschlossen.

Er war kein Mann vieler Worte, und er verschwendete keines auf Trost, den er nicht halten konnte. Stattdessen zog er den Stuhl ans Fenster und setzte sich, das Gesicht dem dunklen Wald zugewandt.

„Dann wachen wir“, sagte er. „Bis du weißt, was es ist.“

Draußen erhob sich Wind. Er kam aus dem Norden, und er trug etwas mit sich, das kein Sommerwind trägt — einen Hauch von Schnee, und darunter die metallische Schärfe aus ihrem Traum. Liv zog die Decke enger und merkte, dass ihr die Tränen kamen, ohne dass sie hätte sagen können, warum.

„Raphael“, sagte sie leise. „Es kommt zu uns. Nicht wir zu ihm. Ich spüre es, wie man ein Gewitter spürt, ehe die erste Wolke da ist.“

Er antwortete nicht gleich. Aber sie sah, wie sich seine Hand um das Heft des Schwertes legte, das quer über seinen Knien lag, und so saßen sie, während die Glut niederbrannte und der Wind aus dem Norden gegen die Wände drückte, und warteten gemeinsam auf das, was er brachte.