App herunterladen

Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2Zeichen am Horizont


Am Morgen kniete Liv am Waldrand und versuchte, einer Handvoll Kräuter das Leben zurückzugeben, das aus ihnen wich.

Es gelang ihr nicht. Die Blätter lagen schlaff über ihren Fingern, und an ihren Spitzen hatten sich winzige Kristalle gebildet, feiner als Reif, obwohl die Luft mild war und die Sonne schon über den Wipfeln stand. Sie schloss die Augen und rief die Wärme.

Diesmal kam sie, aber sie kam durch das Mal hindurch, und das Mal nahm seinen Zoll: ein Ziehen, das bis in die Schulter lief, als zöge jemand an einem Faden, der tief in ihr verankert war und mit jeder Woche fester saß.

Sie ließ die Kräuter sinken und betrachtete ihre eigene Hand, als gehöre sie einer Fremden. Weiter nördlich, das wusste sie, ohne es je versucht zu haben, würde nicht einmal das mehr gelingen.

„Du siehst müde aus.“

Die Stimme kannte sie so gut wie die von Raphael, und sie war ihr fast so lieb. Samuel kam aus dem Dickicht, größer geworden im letzten Jahr, mit denselben eisblauen Augen wie sein Bruder, aber einem Gesicht, das schneller lachte und leichter erschrak. An seinem Umhang klebte der Reif einer durchwanderten Nacht, und seine Stiefel waren bis zum Schaft nass.

„Und du siehst aus, als hättest du seit zwei Tagen nicht geschlafen“, sagte Liv.

„Drei.“ Er reichte ihr die Hand und zog sie auf die Füße. Für einen Moment hielt er sie fest, länger als nötig, und sein Blick ging zu ihrem linken Ärmel, unter dem das Mal saß. Er wusste davon.

Er war dabei gewesen, damals, halb tot in ihrem Bett, das Blut voller Schattenadern, als sie ihn Faden um Faden zurückgeholt und den ersten Preis dafür bezahlt hatte. „Wie steht es?“, fragte er leise. „Und lüg mich nicht an, wie du meinen Bruder anlügst.“

„Es steht.“ Sie zog den Ärmel zurecht. „Es wächst. Aber es hält. Mehr musst du nicht wissen. Erzähl mir vom Norden.“

Sein Lächeln erlosch, als hätte man eine Kerze ausgeblasen. „Schnee“, sagte er.

„In den hohen Tälern liegt Schnee, kniehoch, und es ist Hochsommer. Die Bäche stehen still, mitten im Lauf erstarrt. Und die Wölfe des Grenzrudels heulen nachts, ohne dass etwas da wäre, das sie hören könnten — außer ich höre es auch, Liv, und mir gefällt nicht, was ich höre. Es ist kein Tier. Es klingt, als käme es aus dem Boden.“

Bevor Liv antworten konnte, drangen Schritte durch das Laub, schnell und sicher. Freya kam den Hang herab, den blonden Zopf straff, die Hand aus alter Gewohnheit am Schwert, und hinter ihr wich das Dickicht zurück, als mache es ihr Platz.

Zwischen ihr und Liv lag kein Misstrauen mehr; das hatten sie im vergangenen Winter begraben, gemeinsam und teuer. Freya sah Samuel und nickte ihm zu, sah Liv und trat sofort an ihre Seite, als hätte sie den langen Weg nur gemacht, um zwischen ihr und dem stillen Wald zu stehen.

„Die anderen Rudel schicken dieselben Botschaften“, sagte Freya ohne Umschweife. „Im Westen frieren Quellen über Nacht ein. Zwei Heiler haben ihre Gabe verloren — einfach so. Sie greifen danach, und da ist nichts mehr, wo ihr Leben lang etwas war.“ Ihr Blick fand Liv, ruhig und ohne Vorwurf. „Bei dir auch. Sag es nicht, ich sehe es an deinen Händen.“

Liv nickte, weil es keinen Sinn hatte, es zu leugnen, nicht vor diesen beiden.

Raphael kam als Letzter, und er musste nichts sagen, damit alle verstummten. „Die Ältesten reden von einem alten Frost“, sagte er.

„Von etwas, das schon einmal alles verschlungen hat, vor so langer Zeit, dass nur noch die Geschichten davon übrig sind, und auch die nur in Bruchstücken.“ Er sah nach Norden, dorthin, wo der Himmel eine Spur zu bleich war für die Jahreszeit, ein Weiß, das nicht von Wolken kam.

„Ich habe nie viel von Geschichten gehalten. Aber ich halte etwas von kniehohem Schnee im Juli.“

„Dann gehen wir dorthin, wo er anfängt“, sagte Liv.

Sie sagte es ruhig, doch in ihr zog das Mal, als hätte das Wort etwas berührt. Der Traum kehrte für einen Herzschlag zurück — die Augen aus der Gletscherspalte, das eine Wort, König. Sie behielt es für sich. Noch.

Raphael musterte sie, und sie sah, dass er es an ihr ablas, wie er alles an ihr ablas. Aber er widersprach nicht. Er wandte sich seinem Bruder zu.

„Du bleibst“, sagte er.

Samuel öffnete den Mund zum Widerspruch, doch Raphael hob die Hand.

„Einer von uns muss die sieben Rudel zusammenhalten, während wir fort sind. Marcus hat ein Bündnis geschmiedet, das noch keinen einzigen Winter überstanden hat, und dies wird kein gewöhnlicher Winter. Wenn es zerbricht, während der Boden gefriert, sind wir verloren, ehe der Feind auch nur die Hand hebt.“

Er legte Samuel die Hand auf die Schulter, und für einen Moment lag zwischen den Brüdern etwas Wortloses, Altes.

„Ich vertraue es keinem an außer dir. Du bist der Einzige, dem die anderen Alphas zuhören, ohne die Zähne zu zeigen.“

Samuel sah zu Liv, dann zurück zu seinem Bruder, und nickte langsam. „Dann bringt sie mir zurück“, sagte er. „Alle beide.“ Er meinte Freya und Liv, aber er sah dabei nur Liv an, und Liv wandte den Blick ab, weil sie ihm nichts versprechen konnte.

Ein Windstoß fuhr durch die Wipfel, scharf und bitter, und trug den Geruch von Schnee heran, wo keiner sein durfte. Die Blätter erbebten und wurden still. Freya legte die Hand um den Schwertgriff, und Liv, für einen einzigen Atemzug, meinte das Mahlen aus ihrem Traum zu hören, weit entfernt, tief unter der Erde, geduldig.

„Es weiß, dass wir kommen“, sagte sie leise.

„Gut“, sagte Raphael, und in dem Wort lag mehr Trotz als Furcht. „Dann muss ich es wenigstens nicht überraschen.“

Sie brachen noch am selben Tag auf, nach Norden, dem bleichen Himmel entgegen. Samuel stand am Waldrand und sah ihnen nach, bis die Bäume sie schluckten. Dann wandte er sich um, den Rudeln entgegen, die es zusammenzuhalten galt, und trug die erste Last dieses Krieges allein.