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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 2 — Zeichen am Horizont


Der Korb war halb voll, als Liv merkte, dass sie nur Totes hineinlegte.

Hinter dem Haus, wo der Hang flach wurde, hatte sie im Frühjahr ihr Beet angelegt, Schafgarbe und Melisse, Thymian und eine Reihe Beinwell, und alles war gekommen, wie es sollte. Jetzt hingen die Blätter schlaff über ihren Fingern.

An den Spitzen saßen winzige Kristalle, feiner als Reif, obwohl die Sonne schon über den Fichten stand und die Luft nach Harz roch. Sie kniete sich hin, legte die Hand auf die Melisse und rief die Wärme.

Diesmal kam sie. Sie kam aber durch den Arm, durch das Mal hindurch, und das Mal behielt seinen Teil. Es zog bis in die Schulter hinauf und saß dort fest, ein Krampf in einem Muskel, den sie gar nicht benutzt hatte. Ein Blatt richtete sich auf, ein einziges. Das andere fiel ab.

„Du kniest ja schon wieder im Dreck.“

Samuel kam den Pfad von oben herunter, aus den Hochtälern, wo er seit drei Nächten gewesen war. Er war breiter geworden über den Winter, in den Schultern und im Gesicht, größer nicht, und er lachte noch so schnell wie früher. Heute lachte er nicht. Seine Stiefel waren bis zum Schaft nass, und am Umhang klebte Reif.

Er zog sie hoch. Sein Blick ging zu ihrem linken Ärmel, blieb dort, kam zurück.

„Wie steht’s?“

„Es wächst“, sagte Liv. „Und es hält. Die Gabe geht mir dabei weg, Samuel. Heute Morgen hab ich den Thymian nicht mehr hochgekriegt.“

Er nickte. Etwas Freundlicheres hatte er gar nicht hören wollen, und das mochte sie an ihm. Er fragte nie zweimal.

„Dann erzähl ich dir jetzt meins“, sagte er. „Oben liegt Schnee. Bis hier.“ Er hielt die flache Hand ans Knie. „Ich bin zweimal drin stecken geblieben, und einmal haben die Hirten zugeguckt. Der Bach unterm Gipfel läuft nicht mehr. Gefroren ist er auch nicht richtig. Er steht einfach, mitten im Fließen, und man sieht die Steine drunter wie durch eine Scheibe.“

„Und die Hirten?“

„Treiben runter, mitten im Sommer. Die sagen, so was gab’s noch nie, und die Alten von denen sagen, doch, aber das ist lang her.“

Schritte kamen den Hang herauf, schnell und ohne Rücksicht auf das Beet. Freya. Ihr blondes Haar war noch kürzer als im Herbst, kaum zwei Finger lang, und an der Hüfte trug sie das Schwert, das sie seit dem Winter führte, so selbstverständlich wie früher den Speer.

Sie nickte Samuel zu. Dann bückte sie sich, nahm ein Melissenblatt aus dem Korb und rieb es zwischen den Fingern. Es zerfiel.

„Bei dir also auch“, sagte sie.

„Was heißt auch?“

„Die anderen Clans schicken seit gestern Boten. Drüben im Westen frieren die Quellen zu, jede Nacht eine. Und zwei Heilerinnen haben ihre Gabe verloren. Eine beim Ostclan und die Alte bei uns drüben.“ Sie warf das Blatt zurück. „Die greift danach und greift ins Leere, sagt sie. Seit drei Tagen heult sie.“

Das Jahr, das Liv ihr gegeben hatte, war fast um. Freya hatte jeden Tag davon neben ihr gestanden, und keine von beiden hatte davon angefangen. Auch jetzt machte Freya keine Umstände. Sie stellte sich einfach neben Liv, Schulter an Schulter, das Gesicht zum Beet, als wäre das Beet der Feind und sie beide die Wache.

Raphael kam als Letzter. Er kam von den Alten am Versammlungshaus, mit dem Gesicht, das er immer von dort mitbrachte, wenn er mindestens zwei Stunden hatte stillsitzen müssen.

„Die Alten reden von einem Frost“, sagte er. „Von einem, der schon mal alles gefressen hat, so lang her, dass nur noch Stücke von der Geschichte übrig sind. Jeder erzählt ein anderes Stück.“ Er sah nach Norden, wo der Himmel zu hell war, ein Weiß, das nicht von Wolken kam. „Viel halt ich nicht von Geschichten. Von kniehohem Schnee im Juli halt ich was.“

„Dann gehen wir dorthin, wo er anfängt“, sagte Liv.

Raphael sah sie lange an. Widersprechen tat er nicht.

„Du bleibst hier“, sagte er zu Samuel.

Samuel machte den Mund auf. Raphael hob die Hand, ein kleines Stück.

„Einer muss die sieben Clans zusammenhalten, solange wir oben sind. Ein Bündnis, das einen einzigen Winter hinter sich hat, nenn ich noch kein Bündnis. Den da oben übersteht es nur, wenn einer danebensteht.“ Er klopfte seinem Bruder den Reif vom Umhang, und Samuel ließ ihn machen. „Dir hören die Alphas zu, ohne gleich die Zähne zu zeigen. Mir nicht mehr so.“

„Weil du sie zeigst.“

„Eben.“

Samuel kaute auf seiner Lippe herum, eine ganze Weile. Dann nickte er. „Dann bringt sie mir zurück“, sagte er. „Alle beide.“

Er meinte Freya und Liv. Angesehen hatte er dabei bloß Liv, und sie sah auf ihren Korb.

„Ich komm wieder“, sagte Raphael.

Von den Fichten herunter kam Wind, scharf, und roch nach Schnee, wo keiner sein durfte, und die Melisse im Beet zitterte und lag dann still. Freyas Hand lag schon am Schwertgriff. Und für Liv war kurz das Mahlen aus ihrem Traum wieder da, weit weg, tief unten im Berg, ganz ohne Eile.

„Es weiß, dass wir kommen“, sagte sie.

„Gut“, sagte Raphael. „Dann muss ich es wenigstens nicht überraschen.“

Sie brachen noch vor Mittag auf, zu dritt, mit Brot und Decken, und jeder hatte ein zweites Paar Stiefel dabei, weil Samuel darauf bestand. Der Pfad stieg hinter dem Lager gleich an, erst durch Buchen und Fichten, dann über Granit, der warm war von der Sonne, und Liv schwitzte unter dem Umhang und fand das beinah tröstlich. Schweiß war warm.

Gegen Abend hörten die Bäume auf. Oberhalb der letzten krummen Fichten lag Schnee auf dem Pfad, der erste, eine dünne, körnige Schicht, die unter den Stiefeln knirschte. Freya blieb stehen und hob den Kopf wie ihre Wölfin.

Quer über den Schnee lief eine Spur. Es waren Abdrücke aus Raureif, jeder so lang wie ein Unterarm, ohne Ballen und ohne Krallen, und keiner von ihnen sagte, welches Tier sie gemacht hatte. Raphael ging daneben in die Hocke und roch lange daran, und als er sich aufrichtete, sagte er kein Wort.

Die Spur kam vom Gipfel herunter und lief den Hang hinab, dorthin, wo sie mittags aufgebrochen waren.