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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 3 — Das gefrorene Dorf


„Hört ihr das?“, fragte Freya.

Raphael blieb stehen, und Liv hinter ihm, und eine Weile horchten sie zu dritt in den Hang hinein.

„Nichts“, sagte Liv.

„Eben“, sagte Freya.

Seit sie bei Sonnenaufgang an der Baumgrenze aufgebrochen waren, war es um sie herum Stück für Stück stiller geworden. Unten hatten zwischen den Steinen noch Heidelbeeren gestanden, voll und grün, und ein Häher hatte sie den halben Morgen beschimpft.

Weiter oben war das Grün grau geworden. Dann lag nur noch Reif auf schwarzem Holz, und die Blätter an den letzten Büschen klirrten, wenn man daran kam. Wie im Traum. Irgendwann schwieg der Häher. Der Bach neben dem Pfad auch.

Raphael ging voran. Das Schwert hatte er gezogen, gegen nichts. Freya machte den Schluss. Liv ging in der Mitte und hatte das Ziehen im Arm, das mit jedem Schritt bergauf stärker wurde. Der Arm kannte den Weg besser als sie.

„Da“, sagte Raphael.

Zwischen zwei Felsrippen lag eine Mulde, und in der Mulde ein Dorf, fünf Häuser oder sechs, aus dunklem Holz, mit steilen Dächern, damit der Schnee herunterrutschte. Über allem lag eine glasige Haut. Türen und Fenster waren mit Eis zugewachsen. Es war in dicken Wülsten von innen aus den Rahmen gequollen und dann erstarrt.

Und zwischen den Häusern standen Leute.

Ein Mann hatte einen Fuß auf der Schwelle und den anderen noch im Hof. Eine Frau neben dem Holzstoß hielt drei Scheite im Arm, das vierte halb vom Boden gehoben, und den Mund offen. Über jedem lag dieselbe dünne Haut, die im grauen Licht glitzerte. Die Augen waren offen.

Am Brunnen stand ein Kind. Ein Mädchen, sechs vielleicht, die Finger um das Seil, den Kopf über die Schulter gedreht, und wonach es sich umgesehen hatte, war nicht mehr zu sagen.

Freya machte ein Geräusch hinten in der Kehle und legte die Hand aufs Herz, wie man es bei den Toten tat.

„Bei den Ahnen“, sagte sie und dann nichts mehr.

Raphael kniete sich neben den Mann an der Schwelle und legte ihm die flache Hand auf die Brust. Unter seiner Hand knisterte es, ganz fein, wie dünnes Eis auf einer Pfütze. Er ließ die Hand liegen.

„Warm“, sagte er. „Da drunter ist er warm.“ Er hob den Kopf zu der Frau am Holzstoß, zu dem Kind am Brunnen. „Sie leben alle noch.“

Liv ging zu dem Kind. Sie ging langsam, und die Knie wollten nicht recht. Die glasige Haut über dem kleinen Gesicht warf ihr eigenes zurück, so dass beide übereinanderlagen, ihre smaragdgrünen Augen über den braunen des Mädchens. Als stünde sie selbst schon da drin. Die braunen sahen her.

Sie legte die Hand um die kleine Faust am Seil und rief, was von ihrer Gabe übrig war. Heilen wollte sie nichts, dafür war das hier zu groß. Nur wissen.

Was ihr entgegenkam, griff zurück. Es tastete nach ihrer Hand, wie sie nach der Faust getastet hatte, und es war geduldig dabei. Diese Leute hatte es angehalten, die Hand noch am Seil, und aufgehängt wie Kräuter zum Trocknen, für später.

Und es wartete. Auf wen, das merkte Liv an der Kälte, die ihr den Arm hinaufkroch und die Stelle fand, die sie kannte, die neue Linie, und sich dort hinlegte, an ihren Platz.

Sie zog die Hand weg. Die Finger waren taub bis zum zweiten Glied.

„Das kommt nicht von allein“, sagte sie. „Das will was. Und es weiß genau, was es tut.“

Freya stand an der Wand des nächsten Hauses. Zwischen den Balken waren Zeichen im Holz, nicht geschnitzt, eher hineingefroren, und in ihnen ging ein blaues Licht an und aus, so langsam, dass man hätte mitzählen können.

„Solche kenn ich“, sagte Freya. „Bloß aus Geschichten. Aus denen, mit denen man Kinder ins Bett jagt, wenn sie nicht wollen.“ Sie hielt die Finger dicht davor, ohne anzufassen. „Vom Frostkönig.“

Keiner lachte.

Liv trat neben sie. Die Zeichen hatte sie nie gesehen, sie konnte sie trotzdem lesen, so wie im letzten Sommer die alte Schrift der Ältesten, und das gefiel ihr kein bisschen besser als damals.

„Vergessene Schulden“, sagte sie. „Das steht da. Das ist aus meinem Traum, Wort für Wort.“

„Du hast davon geträumt?“

„Vorletzte Nacht“, sagte Raphael. „Gesagt hat sie’s mir gleich, als sie wach war.“

„Und mir sagt man so was mitten in einem Dorf voller Eis.“

„Ich sag’s dir doch jetzt“, sagte Liv.

Freya machte den Mund auf, um zu antworten, und machte ihn nicht wieder zu. Zwischen den Häusern raschelte es. Kein Wind ging. Trotzdem raschelte es, wie Laub, das sich umdreht, und mit dem Laut wurde die Luft dicker, bis Liv sie auf der Zunge schmeckte, metallisch und kalt. Raphael stand schon vor ihr. Freya an ihrer Seite, die Klinge oben.

Aus dem Dunst zwischen zwei Dächern kam eine Gestalt, und zwar keine aus Fleisch. Ein Umriss eher, dichter als der Dunst, mit einem blauen Glimmen innen drin. Vor ihr gefror die Luft zu winzigen Nadeln, die herunterfielen und auf dem Eis klickten. Sie sah Raphael nicht an und Freya auch nicht. Sie sah nur Liv an.

Die Stimme kam nicht durch die Ohren. Sie war einfach in ihrem Kopf, und die Zähne taten ihr davon weh.

„Einen ganzen Tag für einen Hang, Erbin des Lichts. Ich habe schon länger gewartet.“

Liv biss die Zähne zusammen. Dann flackerte der Umriss und war fort, und das Rascheln mit ihm. Übrig blieb das feine Knistern der Haut über den Leuten, wenn einer von ihnen atmete, und sonst nichts.

Ihre Knie gaben nach. Raphael fing sie ab, ehe sie auf dem Eis aufschlug, den Arm fest um ihre Schultern.

„Raus hier“, sagte er. „Erst mal raus aus der Mulde. Reden können wir oben.“

Sie ließ sich hochziehen. Am Rand der Mulde drehte sie sich noch einmal um. Über der kleinen Faust am Seil, wo eben noch ihre Hand gelegen hatte, war das Eis schon wieder glatt, ohne einen Abdruck, und das Kind sah über die Schulter wie vorher. Eine Warnung war das nicht gewesen. Das Ding wusste schon, wo sie war.

Dann stieg sie hinter Raphael weiter, zum Gipfel hin, woher die Spur aus Raureif gestern gekommen war. Zum Brunnen zog sie nichts zurück. Der Pfad zog nach oben, zu dem, was schon länger wartete, und nach hundert Schritten ging sie vor Raphael. Wenn es sie schon wollte, sollte es ihr wenigstens sagen, wofür.