Kapitel 1 — Der anonyme Absender
Clara
Das Adrenalin durchströmte Clara Hoffmanns Körper, als sie die Tür ihres Apartments hinter sich schloss und den geheimnisvollen Umschlag in den Händen hielt. Es war ein unscheinbarer brauner Umschlag, auf dessen Oberfläche weder Absender noch Adresse zu erkennen waren. Doch etwas an seinem Gewicht, an der Art, wie er in ihren Fingern lag, ließ sie wissen, dass sein Inhalt alles andere als gewöhnlich war.
Sie schob ihren Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür, drehte ihn zweimal und schob den Riegel vor. Ihr Blick fiel auf die Pinnwand gegenüber, die wie ein chaotisches Mosaik aus Fotos, Zeitungsausschnitten und Notizen wirkte – stumme Zeugen unzähliger Geschichten, die sie in ihrer Arbeit verfolgt hatte. Ein vertrauter Hauch von altem Papier und Kaffee erfüllte die Luft, gemischt mit der leichten Süße des Jasmins, der in einer Vase auf dem Fenstersims stand. Doch heute schien selbst diese heimelige Atmosphäre ihr keine Ruhe zu schenken.
Clara trat näher an die Pinnwand heran, ihren Blick auf die verstreuten Artikel gerichtet. Viele davon waren Erinnerungen an gescheiterte Spuren oder Sackgassen – Beweise für die endlose Geduld, die ihre Arbeit erforderte. Doch dieser Umschlag in ihren Händen fühlte sich wie eine Abweichung an, eine brennende Spur, die nicht ignoriert werden konnte.
Langsam legte sie den Umschlag auf den kleinen Holztisch in der Mitte des Wohnzimmers und ließ sich vorsichtig auf einen der Stühle sinken. Die Leuchte über ihr tauchte den Raum in warmes, goldenes Licht, während sich ihre Finger zögerlich dem Rand des Umschlags näherten. Für einen Moment hielt sie inne, der Gedanke an mögliche Konsequenzen schoss ihr durch den Kopf. Was, wenn dies eine Falle war? Oder der Beginn eines Abgrunds, der sie verschlingen könnte?
Mit einem entschlossenen Atemzug riss Clara die Lasche auf und zog eine dünne Mappe hervor. Sie klappte sie auf, und die ersten Worte, die sie las, ließen ihr Blut in den Adern gefrieren: „Jonathan von Falkenberg.“ Es waren Berichte, E-Mails, Zeitungsartikel – ein Sammelsurium von Informationen, die auf den milliardenschweren Unternehmer und seine Familie hinwiesen.
Dann fiel ihr Blick auf einen anderen Namen: Philipp von Falkenberg. Jonathans Bruder, seit Jahren verschwunden, eine Figur, die wie ein Schatten über dem Vermächtnis der Falkenbergs hing. Clara lehnte sich zurück, versuchte, die Flut von Informationen zu ordnen. Ihre Gedanken rasten, während sie die Dokumente durchging, die wie lose Puzzlestücke auf dem Tisch verteilt lagen.
Eine Seitenkante, schärfer und vergilbter als die anderen, ragte aus der Mappe hervor. Mit zitternden Fingern zog sie den Zeitungsausschnitt heraus und hielt inne. Die Schlagzeile schien sie förmlich anzuschreien: „Rätselhafter Tod des Idealisten Paul Hoffmann – Was geschah wirklich?“
Paul Hoffmann. Ihr Vater.
Ein vertrauter Stich durchfuhr sie, als Erinnerung und Realität aufeinanderprallten. Sie erinnerte sich an den Tag, als sie als Teenager diesen Artikel zum ersten Mal gesehen hatte – ein Tag, der ihre Welt für immer verändert hatte. Damals hatte sie jede Zeile auswendig gelernt, sich an den Worten festgeklammert, als könnten sie ihr Antworten geben. Doch heute, in diesem Kontext, versprach der Artikel mehr, als sie sich jemals erhofft hatte.
Neben der Schlagzeile war ein handschriftlicher Vermerk: „Verbindung zu Falkenberg? Weitere Recherchen nötig.“
Claras Atem stockte. Das Gewicht des Umschlags war plötzlich mehr als nur physisch – es trug die Last einer Wahrheit, die sie seit Jahren suchte. Die Luft im Raum schien schwerer zu werden, ihre Umgebung verschwamm, als sie die Worte immer wieder las. Wut und Entschlossenheit keimten in ihr auf, während die Frage unaufhaltsam in ihrem Kopf hallte: Hatten die Falkenbergs etwas mit dem Tod ihres Vaters zu tun?
Sie zwang sich, einen tiefen Atemzug zu nehmen, und setzte sich gerade hin. „Konzentrier dich“, murmelte sie zu sich selbst. Mit dem Kugelschreiber, der neben ihrem zerfledderten Notizbuch lag, begann sie, Namen und Begriffe zu notieren. Jonathan. Philipp. Victor. Die Falkenbergs. Jeder Name war ein Puzzlestück, das sie zusammensetzen musste.
Clara öffnete ihren Laptop und gab die Namen in diverse Datenbanken und Suchmaschinen ein. Die Ergebnisse waren enttäuschend vage – gossiplastige Artikel und oberflächliche Berichte, die nichts Neues enthüllten. Sie biss die Zähne zusammen, ihre Finger flogen über die Tastatur, bis sie schließlich in ihrer eigenen Datenbank landete: einem digitalen Archiv voller Interviews, Artikeln und anonymen Hinweisen, die sie über die Jahre zusammengetragen hatte. Sie durchforstete Ordner um Ordner, bis sie auf einen Namen stieß, der auch in den neuen Dokumenten mehrfach aufgetaucht war: Victor von Falkenberg.
Victor. Der Cousin. In den Medien oft erwähnt als machthungrig und skrupellos, im Schatten seines Cousins Jonathan. Clara erinnerte sich an einen Artikel, den sie vor Monaten gelesen hatte, über seine angeblichen Versuche, die Kontrolle über das Familienunternehmen zu übernehmen. Vielleicht war er der Schlüssel. Vielleicht verband er die verschwundenen Fäden.
Mit einer schnellen Bewegung markierte sie seinen Namen auf ihrem Notizblock und kreiste ihn ein. Sie musste mehr wissen, und sie wusste genau, wen sie dafür kontaktieren konnte. Auf ihrem Handy wählte sie eine Nummer, die sie lange nicht benutzt hatte – eine Quelle, die einmalig tief in der Welt der Elite steckte, aber niemals ohne Preis sprach.
Nach drei Klingeltönen erklang eine rauchige Stimme. „Clara Hoffmann. Ich dachte schon, du hättest mich vergessen.“
„Nicht im Traum“, sagte Clara. Ihre Stimme war ruhig, aber fest. „Ich brauche Informationen über die Falkenbergs. Besonders über Jonathan und Victor.“
Ein kurzes Lachen hallte durch die Leitung. „Mutig, wie immer. Weißt du, worauf du dich einlässt?“
„Das weiß ich. Kannst du mir helfen oder nicht?“
„Vielleicht.“ Ein leises Knistern klang durch die Leitung. „Aber Clara, ich rate dir, vorsichtig zu sein. Diese Familie ist keine Kleinigkeit. Du spielst mit Feuer.“
„Das war noch nie ein Problem für mich.“
Die Stimme blieb für einen Moment stumm, ehe sie antwortete: „Gut. Ich melde mich, wenn ich etwas habe. Aber du weißt, das kostet dich etwas.“
„Ich zahle“, sagte Clara knapp. Die Leitung wurde unterbrochen.
Sie ließ das Handy sinken, ihre Gedanken rasten. Die Warnung hallte in ihr nach, aber sie schob sie beiseite. Es war zu spät, um jetzt noch zurückzuweichen. Mit dem Umschlag hatte sie einen Pfad betreten, der keine Umkehr erlaubte.
Clara stand auf, schob die Dokumente vorsichtig zurück in die Mappe und verstaute sie in einem verschlossenen Schrank, den nur sie öffnen konnte. Dann zog sie ihre Jacke über und steckte die Schlüssel ein. Sie musste raus, einen klaren Kopf bekommen.
Die Straßen der Stadt empfingen sie mit einer Mischung aus flackernden Lichtern, Sirenengeheul und dem Summen von Gesprächen in der Ferne. Clara atmete die kühle Nachtluft tief ein und spürte, wie ihre Entschlossenheit wuchs. Die Wahrheit war in Reichweite. Und sie würde sie finden – egal, welchen Preis sie dafür zahlen musste.