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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Das Flüstern der Bestie


Mira

Der Abend legte sich wie ein schwerer, samtiger Schleier über das Dorf und tauchte die schlichten Hütten in ein gedämpftes Zwielicht. Ein kühler Wind zog vom Wald herüber, brachte den süßlichen Geruch feuchter Erde und alter, verrottender Blätter mit sich. Mira saß auf der schmalen Holzbank vor ihrer Hütte und ließ ihre Finger über den glatten Anhänger an ihrem Hals gleiten. Das unbekannte Symbol darauf fühlte sich seltsam vertraut an – eine Vertrautheit, die sie nicht erklären konnte, und die dennoch wie ein flüchtiger Schatten in ihrem Geist verweilte.

In letzter Zeit hatte sie sich verändert – oder vielleicht war es die Welt um sie herum, die anders geworden war. Ihre Träume, einst flüchtig und ohne tiefere Bedeutung, waren nun erfüllt von flüsternden Stimmen, die sie riefen. Sie waren weiblich, manchmal sanft, manchmal eindringlich, als würden sie etwas Dringendes übermitteln wollen – etwas, das sich ihrer Wahrnehmung entzog. Und immer war da dieses Ziehen in ihrer Brust, eine unbestimmte Sehnsucht, die Worte unzulänglich zu greifen versuchten. Heute jedoch hatten die Stimmen sie nicht nur im Schlaf heimgesucht. Das Flüstern hatte sie mitten am Tag erreicht.

„Mira…“ Ihr Name, nur ein Hauch, getragen vom Wind, ein Wispern, das sich in den knarzenden Ästen des Waldes verfing. Es war da und doch nicht da. Sie wusste, dass niemand außer ihr es hören konnte. Es war allein für sie bestimmt.

Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle, aber sie verdrängte das Gefühl und erhob sich mit einem tiefen Seufzen. Sie strich die Falten ihrer erdfarbenen Schürze glatt, während ihre Hände, die noch den Duft von getrocknetem Salbei trugen, nervös zitterten. In der Ferne wehten die vertrauten Geräusche des Dorfes zu ihr herüber – Stimmen, die nach Kindern riefen, das Knarren von Türen, das gelegentliche Bellen eines Hundes. Diese alltäglichen Klänge hatten sie sonst immer beruhigt. Doch heute fühlte sie sich von ihnen abgeschnitten, als ob eine unsichtbare Wand sie von der Welt trennte, die sie einst kannte.

Ihr Blick wanderte zum Rand des Dorfes, wo die Felder abrupt von der Dunkelheit des Alten Waldes abgelöst wurden. Die Schatten der Bäume waren unnatürlich lang, fast lebendig, als würden sie sich enger zusammenschließen, um die Geheimnisse ihres Inneren zu bewahren. Für die Dorfbewohner war der Wald eine uralte Quelle von Angst und Schrecken. Doch für Mira war er mehr als das. Er war ein stiller Wächter, eine Präsenz, die sie rief und gleichzeitig warnte.

Seltsame Geschehnisse hatten die Dorfbewohner in letzter Zeit in Aufruhr versetzt. Tiere verhielten sich merkwürdig – ein Fuchs war mitten ins Dorf gestürmt und hatte mit einem verstörenden, fast menschenähnlichen Blick in die Augen eines Jungen gesehen, bevor er in den Schatten verschwand. Und dann waren da die Lichter gewesen. Kugeln aus blassem Schein, die nachts zwischen den Bäumen tanzten wie geisterhafte Flämmchen, die niemand erklären konnte.

Mira konnte nicht sagen, was schwerer auf ihr lastete – die Unruhe der anderen oder ihre eigene innere Zerrissenheit. Sie hatte nie wirklich geglaubt, dass sie ins Dorf gehörte. Trotz ihrer Arbeit als Heilerin, trotz all der Male, die sie die Wunden der Dorfbewohner versorgt hatte, spürte sie stets den Hauch von Misstrauen, der sie umgab. Vielleicht lag es an ihrer Nähe zum Wald. Vielleicht lag es daran, dass sie einfach... anders war.

„Mira.“ Das Flüstern riss sie aus ihren Gedanken. Es war näher jetzt, dringlicher, und sie fuhr herum. Doch niemand war da. Nur der Wind, der durch das Heidekraut strich, und der ferne Schrei eines Raubvogels. Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, während sie sich einzureden versuchte, dass es nur Einbildung war. Aber sie wusste, dass das nicht stimmte. Es war echt.

***

Isobel hatte sie nach Einbruch der Dämmerung zu sich gerufen. Die alte Frau saß aufrecht an einem schweren Tisch aus dunklem Eichenholz, die flackernde Lampe vor ihr warf lange Schatten auf die Wände. Ihre grauen Augen waren voller Schärfe, und ihre knochigen Finger, die ein Amulett umklammerten, zitterten leicht. Isobel war immer wie eine zweite Mutter für Mira gewesen, aber heute war ihre Haltung anders – zurückhaltend und angespannt.

„Etwas verändert sich“, begann sie schließlich, ihre Stimme war leise, aber beladen mit Bedeutung. „Die Luft... sie riecht anders. Der Wald... er wacht auf.“

Mira zuckte unwillkürlich zusammen, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben. „Was bedeutet das?“, fragte sie, doch ihre Stimme verriet sie. Am Ende des Satzes brach sie fast, zitterte wie ein dünner Zweig im Wind.

Isobel ließ einen Moment vergehen, bevor sie sprach. Ihr Amulett funkelte im schwachen Licht, als sie es mit der Hand umklammerte. „Es gibt Dinge, Mira, die tiefer reichen als unsere Erinnerungen. Dinge, die die Menschen vergessen haben. Aber die Magie des Waldes vergisst nie.“

„Ihr meint die Bestie“, flüsterte Mira. Es war weniger eine Frage, mehr eine bittere Erkenntnis. Die Bestie war keine bloße Legende für die Bewohner des Dorfes. Sie war der Schatten, der sich über Generationen erstreckte, das Symbol für alles, wovor man sich im Wald fürchtete.

Isobel zögerte, bevor sie antwortete. Ihre Augen suchten Miras Gesicht, als wollten sie etwas darin lesen. „Die Bestie ist mehr als eine Legende“, sagte sie schließlich. Ihre Worte klangen wie ein Echo aus der Tiefe. „Sie ist wach. Und sie... kennt dich.“

Ein Frösteln lief über Miras Rücken, und sie fühlte, wie ihr Herzschlag schneller wurde. Doch bevor sie nachhaken konnte, schwieg Isobel wieder, ihre Gesichtszüge verschlossen wie ein unzugängliches Buch.

***

Die Worte lasteten schwer auf Miras Schultern, als sie Isobels Hütte verließ und sich in die dunklere Nacht hinauswagte. Der Wind war aufgefrischt, und die Schatten der Bäume flossen wie eine lebendige Masse in der Ferne. Ihre Füße führten sie, fast ohne nachzudenken, an den Rand des Dorfes – zu jenem schmalen Streifen, wo die Felder in den Alten Wald übergingen. Hier, an diesem Übergang, fühlte sie sich immer am ruhigsten, als stünde sie zwischen Welten.

Der Boden unter ihr war weich vor Feuchtigkeit und mit Moos bedeckt, das ihre Hände streichelten, als sie sich hinkniete. Ihr Anhänger begann wieder zu glühen, ein schwaches, pulsierendes Licht, das kaum die Dunkelheit durchbrach. Es fühlte sich an, als würde etwas in ihrem Inneren aufsteigen – eine unaufhaltsame Welle, die sie nicht begreifen konnte.

„Mira... komm.“ Die Stimme war klar jetzt, fast körperlich greifbar. Ein Schauer zog durch ihren Körper, und ihr Atem beschleunigte sich. Sie öffnete die Augen und blickte in die Tiefe des Waldes, wo die Schatten sich bewegten wie lebendige Wesen.

„Was willst du von mir?“, hauchte sie, ihre Stimme kaum lauter als ein Flüstern. Es gab keine Antwort, die sie verstand. Stattdessen war da eine Bewegung – ein Schatten, der geschmeidig zwischen den Bäumen glitt. Sie sprang auf, ihr Herzschlag hämmerte wie Trommelschläge. Doch es war keine Bedrohung; es war etwas anderes. Etwas, das sie festhielt, wie eine unsichtbare Hand, die ihre Brust umschloss.

„Du bist der Schlüssel.“ Die Worte hallten in ihrem Kopf wider. Sie spürte, wie ihre Beine zitterten, ihre Hände ballten sich zu Fäusten. Alles – der Wald, die Bestie, der Anhänger – zog sich zusammen wie ein Netz, das sie einspannte.

Mira wich zurück, stolperte über ihre eigenen Schritte und wandte sich dann um. Sie rannte zurück ins Dorf, den Klang der Stimme und das Flimmern der leuchtenden Schatten immer noch in ihren Gedanken. Was auch immer geschah, sie konnte es nicht länger ignorieren. Die Bestie war real. Und sie war der Anfang.