Kapitel 2 — Schatten über dem Dorf
Mira
Die Sonne sank langsam hinter den Horizont, ihr blutrotes Licht legte sich wie eine letzte Warnung über die Felder und das Dorf. Der Wind, viel zu kalt für diese Jahreszeit, ließ Miras Haare aus ihrem Zopf entweichen und trug eine unbestimmte Unruhe mit sich. Die Schatten krochen immer weiter vor, als ob sie das verbliebene Licht gierig verschlingen wollten.
Mira stand am Rand der Felder, die Hände fest in ihrer Schürze vergraben, während ihre Gedanken wild durcheinander wirbelten: Isobels düstere Worte, die beunruhigenden Flüstertöne, die sich durch ihren Tag gezogen hatten, und das Pochen, das tief in ihrem Inneren widerhallte – ein Rhythmus, der mit dem Puls ihres Anhängers merkwürdig synchron war.
Ihr Blick wanderte zu der unsichtbaren Grenze zwischen Dorf und Wald. Dort, wo die geordneten Felder abrupt in die chaotische Wildnis übergingen, lag eine Spannung in der Luft, die sie beinahe greifen konnte. Die Barriere, die das Dorf seit Generationen schützte, begann zu schwächeln. Sie spürte es. Nicht nur durch die Berichte der anderen, sondern in ihrem eigenen Inneren, als ob ein Teil von ihr mit dieser Magie verbunden wäre.
Mira kniete sich nieder, legte ihre Fingerspitzen auf den feuchten Boden, der von der sinkenden Sonne noch ein letztes rötliches Glimmen empfangen hatte. Sie schloss die Augen und suchte verzweifelt nach der Verbindung, die sie zu erahnen glaubte, doch wie eine flüchtige Erinnerung entglitt sie ihr immer wieder. Plötzlich erwärmte sich ihr Anhänger. Ein schwaches Leuchten flackerte auf, und ein Laut – ein Klang wie ferne, flüsternde Stimmen – zog durch ihren Geist. Es war wunderschön und zugleich erschreckend, wie ein Lied, das warnte und doch lockte.
Ein Rascheln ließ sie zusammenzucken. Ihre Augen öffneten sich hastig, und sie sah sich um. Nichts. Nur das sanfte Wiegen der Halme im Wind und das dumpfe Rauschen des Waldes. Doch sie spürte es – eine Veränderung. Der Wald wirkte wach, aufmerksamer. Es war, als würde er sie beobachten, als wäre sie die Eindringende.
Hinter ihr erklang eine Stimme. „Mira!“
Mit einem Ruck fuhr sie herum. Jakob, ein junger Mann in ihrem Alter, kam auf sie zu. Sein Gesicht war blass, die Hände umklammerten einen Korb voller Brennholz, als ob er sich daran festhalten müsste.
„Jakob.“ Mira zwang sich zu einem beruhigenden Lächeln, obwohl ihr Herz noch immer wild klopfte. „Was ist los?“
Er stellte den Korb ab, rieb sich fahrig die Hände und blickte sich um, bevor er sprach. „Die Kinder... sie haben wieder eines dieser Lichter gesehen. Diesmal aber nicht am Waldrand.“
Miras Magen zog sich zusammen. „Wo dann?“
„Beim Brunnen“, antwortete er leise und sah sie aus weit aufgerissenen Augen an. „Ein paar von uns haben es auch gesehen, kurz bevor es verschwand. Es war...“ Er zögerte, suchte nach Worten. „Es war falsch, Mira. Wie ein Vorzeichen.“
Das Wort traf sie wie ein Schlag. Die Dorfbewohner waren schon jetzt am Rande ihrer Belastbarkeit. Die Lichter, die seltsamen Tiere, die unruhigen Nächte – es war, als ob die Bedrohung, die sie immer nur am Rand gespürt hatten, nun immer näher kam.
„Ich werde es mir ansehen“, sagte Mira schließlich und legte ihm sanft eine Hand auf den Arm. „Aber du solltest den Dorfrat informieren. Sie müssen die Leute beruhigen.“
Jakob nickte zögernd, Erleichterung in seinem Gesicht. „Pass auf dich auf. Es fühlt sich an, als wäre... etwas nicht in Ordnung.“
Als er gegangen war, wandte Mira sich dem Dorf zu. Der Platz, der sonst um diese Zeit lebendig war, lag fast verlassen da. Nur wenige Dorfbewohner huschten zwischen den Häusern umher, ihre Köpfe gesenkt, die Blicke rastlos. Misstrauische Augen beobachteten sie aus den Fenstern.
Am Brunnen kniete ein Mädchen – Ida, kaum zwölf Jahre alt. Ihr zerzaustes blondes Haar fiel ihr ins Gesicht, die zierlichen Hände umklammerten eine kleine Tonpuppe. Mira näherte sich langsam, ihre Stimme sanft. „Ida? Was machst du hier?“
Das Mädchen hob den Kopf. Ihre blauen Augen waren weit geöffnet, voller Angst. „Es war hier“, flüsterte sie.
„Das Licht?“ Mira kniete sich neben sie und legte eine beruhigende Hand auf ihre Schulter.
Ida nickte langsam. „Es war wie ein... wie ein Ball aus Licht. Es schwebte hier, direkt über dem Brunnen. Es hat mich angesehen.“ Ihre Stimme brach, und sie begann zu zittern.
Mira zog sie in eine Umarmung, spürte die Kälte, die von ihr ausging. Ihre eigenen Gedanken rasten. Ein Licht, das sie ansah? Es erinnerte sie an den Fuchs mit seinen unheimlich menschlichen Augen. Es war kein Zufall. Nichts hiervon war Zufall.
„Es ist weg“, murmelte Ida, ihre Stimme kaum hörbar. „Es ging in den Wald.“
Mira folgte ihrem Blick zu den Bäumen, die nun wie eine schwarze Wand wirkten. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sie wollte den Dorfrat informieren, doch ein Teil von ihr wusste, dass sie selbst nach Antworten suchen musste.
„Du hast gut aufgepasst, Ida“, sagte sie beruhigend und übergab das Mädchen einer Frau, die sie zum Rat begleitete. Dann wandte sie sich wortlos dem Waldrand zu.
Die Schatten der Bäume wirkten wie lebendig, als sie näher trat. Ihr Anhänger pulsierte wieder, stärker diesmal, als wollte er sie warnen. Doch Mira ignorierte das Zittern in ihren Gliedern und trat über die unsichtbare Grenze hinaus.
Der Wald hüllte sie in völlige Stille. Die Luft war schwer, schwül, vom Geruch verbrannten Holzes und etwas Süßlichem durchzogen, das ihr die Kehle zuschnürte. Mit vorsichtigen Schritten bahnte sie sich einen Weg durch das Unterholz. Das Licht ihres Anhängers warf zitternde Reflexe auf die knorrigen Äste, die wie suchende Finger über ihr zusammenragten.
Dann sah sie es: ein schwaches Glimmen, das zwischen den Stämmen tanzte. Ihr Atem stockte. Das Licht schien sie zu bemerken, erstarrte für einen Moment, bevor es wie ein flüchtiges Tier davonhuschte.
„Warte!“ Miras Stimme klang seltsam fremd in der bedrückenden Stille. Sie folgte dem Licht, doch ein leises Knacken hinter ihr ließ sie abrupt innehalten.
Langsam drehte sie sich um. Ihr Herz raste, als sie die Dunkelheit absuchte. Für einen Moment war nichts zu sehen. Doch dann, am Rand ihres Blickfelds, sah sie es: eine hohe, schlanke Gestalt mit leuchtenden Augen – glühend wie blaue Flammen, die sie durch die Finsternis fixierten.
Ihr Körper wollte nicht gehorchen, ihre Beine fühlten sich wie Blei an. Sie umklammerte den Anhänger, dessen Licht nun wild pulsierte. Die Gestalt blieb reglos, bevor sie in einem fließenden, unheimlichen Bewegungsmuster in die Dunkelheit verschwand.
War das die Bestie?
Mira zwang sich, ihre Schritte zurück ins Dorf zu lenken. Die Augen der wenigen Dorfbewohner, die sie passierten, folgten ihr mit wachsendem Misstrauen. Doch sie ignorierte die Blicke.
Ihre Gedanken waren bereits bei dem, was kommen würde. Die Barriere hielt nicht mehr lange. Und was auch immer sich hinter den Bäumen verbarg, es war bereit, hervorzutreten.