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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Erwachen im Herzen des Waldes


Liv

Ein langsames, dumpfes Pochen durchbrach die Stille. Livs Gedanken waren wie von Nebel umhüllt, verschwommen, fragmentiert. Sie öffnete die Augen, blinzelte gegen das flirrende Licht, das durch die dichten Baumkronen über ihr drang. Ein Geräusch – knarzend, wie Holz, das sich unter einer Last beugte – ließ sie zusammenzucken. Die Welt um sie herum war eine Mischung aus Schatten und goldenem Schimmer, der sich über den unebenen Waldboden ausbreitete. Der Duft von feuchter Erde und frischem Moos durchzog die Luft und drang mit einer Intensität in ihre Sinne, die sie fast erdrückte.

Ihr Körper fühlte sich schwer an, als wäre sie aus Stein gemeißelt. Als sie ihre Hand hob, bemerkte sie den Dreck unter ihren Nägeln, die Kratzer auf ihrer Haut. Das Shirt, das sie trug, war zerrissen und blutbefleckt, die Jeans mit Schlamm verschmiert. Panik blitzte in ihr auf, als sie versuchte, sich zu erinnern, was passiert war – doch nichts kam. Kein Name, keine Bilder, keine Stimmen. Nur dieses pochende Dröhnen in ihrem Kopf.

„Wo bin ich?“ flüsterte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch, der in der unnatürlichen Stille des Waldes verschwand.

Ein kühler Windhauch zog durch die Bäume und ließ die Blätter in einem Flüstern erzittern, das wie tausend heimliche Stimmen klang. Liv bemühte sich, aufzustehen, doch ihre Beine zitterten unter der Anstrengung, und sie fiel wieder auf die Knie. Ein brennender Schmerz durchzuckte ihre rechte Seite, und als sie vorsichtig nach unten tastete, spürte sie eine feuchte, klebrige Stelle an ihrer Hüfte. Blut. Ihr Atem ging schneller, und eine kalte Welle der Angst überrollte sie.

Ihr Herz pochte heftig, als sie den Kopf hob und sich umsah, suchend nach einem Anhaltspunkt, irgendeinem Zeichen von Zivilisation. Doch der Wald erstreckte sich in alle Richtungen, dicht und undurchdringlich. Die Bäume schienen zu hoch und zu alt, ihre Stämme wie die Säulen einer vergessenen Kathedrale. Der vertraute Klang von Vögeln und Insekten, der sie hätte beruhigen können, fehlte. Alles wirkte… falsch. Lebendig und doch unnahbar, als würde der Wald sie beobachten.

Ein seltsames Gefühl beschlich sie, ein Prickeln, das ihren Nacken hinaufkroch. Sie war nicht allein. Langsam drehte sie sich um, ihr Herz raste in der Brust. Nichts. Nur Schatten, die sich scheinbar bewegten, wenn sie nicht hinsah. Ein Zweig knackte in der Ferne, und sie wirbelte herum, die Panik wuchs in ihr. „Hallo?“ rief sie, ihre Stimme kraftlos, zitternd. Keine Antwort.

Mit einem tiefen Atemzug zwang sie sich, aufzustehen. Der Schmerz war heftig, aber sie wusste instinktiv, dass sie sich nicht einfach hierhin setzen und auf Rettung warten konnte. Sie lehnte sich gegen einen nahen Baum, dessen Rinde sich rau und lebendig unter ihren Fingern anfühlte. Dann begann sie, sich vorwärts zu bewegen, einen Fuß vor den anderen, ohne Ziel, nur weg von… was auch immer sie verfolgte.

Der Wald schien mit jedem Schritt dichter zu werden, die Schatten tiefer. Liv hatte das Gefühl, in einem Labyrinth gefangen zu sein, jeder Weg sah aus wie der vorherige. Sie stolperte über eine Wurzel, fiel hart auf die Knie, und eine heiße Welle der Verzweiflung stieg in ihr auf. Ihre Brust zog sich zusammen, ihr Atem ging stoßweise. Sie wollte nicht weinen, doch die Tränen kamen trotzdem, heiße, stumme Tropfen, die ihre Wangen hinabrollten. Der Schmerz, die Angst, die Verwirrung – alles schien sie zu überwältigen.

Dann spürte sie es erneut. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden, drängender diesmal. Sie drehte sich um, suchte zwischen den Bäumen nach einem Zeichen, einer Silhouette. Nichts. Aber es war da, sie wusste es. Ein Raunen durchzog die Luft, und ihr Atem beschleunigte sich. Sie begann zu laufen, stolperte, taumelte, zwang sich weiter. Die Welt um sie herum verschwamm, die Farben und Formen des Waldes wurden zu einem wirbelnden Chaos.

Ein Schatten blitzte am Rande ihres Blickfelds auf. Liv schrie auf, ihr Herz schlug wie wild. Da war ein Geräusch – ein leises, tiefes Knurren, fast zu leise, um es zu hören, aber es ließ ihre Nackenhaare aufrichten. Und dann rutschte ihr Fuß weg. Sie fiel, die Welt kippte, drehte sich, und sie landete schwer auf dem Boden. Dunkelheit schloss sich um sie, doch bevor sie das Bewusstsein verlor, sah sie zwei leuchtende, goldene Augen aus der Dunkelheit hervorblitzen, gefolgt von einer warmen, starken Präsenz, die sie umfing.

Als sie wieder zu sich kam, war das Licht anders. Es war weicher, gedämpfter, wie der Schein eines Feuers. Sie blinzelte, öffnete die Augen und stellte fest, dass sie nicht mehr im Wald lag. Über ihr wölbte sich eine Decke aus dunklem Gestein, und der Duft von Holzrauch und Kräutern erfüllte die Luft. Sie versuchte, sich aufzurichten, aber eine starke, sanfte Hand drückte sie zurück.

„Bleib still“, sagte eine tiefe, ruhige Stimme.

Liv wandte den Kopf und sah ihn – einen Mann, der neben ihr kniete. Sein kantiges Gesicht war von Schatten umspielt, aber seine Augen… diese Augen. Goldfarben, intensiv, wie zwei kleine Sonnen in der Dunkelheit. Er schien gleichzeitig beruhigend und einschüchternd zu sein.

„Wer… wer bist du?“ flüsterte sie, ihre Stimme kaum hörbar.

„Elias“, antwortete er schlicht. „Du bist verletzt. Ruh dich aus.“

„Wie… wie bin ich hierhergekommen?“ Sie versuchte, seine Augen zu lesen, doch sie waren verschlossen, wie ein Buch mit einem unknackbaren Schloss.

„Ich habe dich gefunden“, sagte er nach einer langen Pause. Sein Blick wanderte zu der Wunde an ihrer Seite. „Du hattest Glück, dass ich rechtzeitig da war.“

Seine Worte waren beruhigend, doch etwas an seiner Präsenz ließ sie nicht los – etwas Wildes, Ungezähmtes, das sie sowohl anlockte als auch misstrauisch machte.

„Was war da draußen?“ fragte sie, ihre Stimme nun etwas stärker. „Ich habe… ich habe etwas gespürt. Etwas gesehen.“

Elias zögerte, ein Muskel in seinem Kiefer zuckte. „Der Wald hat seine Geheimnisse. Aber jetzt bist du in Sicherheit.“

Liv wollte widersprechen, wollte mehr wissen, doch eine plötzliche Erschöpfung überkam sie. Ihre Lider wurden schwer, und bevor sie es verhindern konnte, glitt sie erneut in die Dunkelheit ab.

Diesmal träumte sie. Sie befand sich auf einer Lichtung, die von einem silbrigen Mondlicht durchflutet war. Und dort, inmitten der Schatten und des Lichts, stand sie – die weiße Wölfin. Ihr Fell schimmerte wie Schnee im Sonnenlicht, und ihre hellgrauen Augen schienen Livs Seele zu durchdringen. Die Wölfin bewegte sich nicht, sprach nicht, doch Liv spürte die Botschaft tief in ihrem Inneren.

„Finde mich“, schien sie zu sagen, ohne Worte. Und dann verschwand sie, so plötzlich, wie sie erschienen war.

Liv erwachte mit einem keuchenden Atemzug und stellte fest, dass sie allein war. Das Feuer brannte noch, doch Elias war verschwunden. Das Bild der weißen Wölfin war klar in ihren Gedanken verankert, und ein seltsames Gefühl von Dringlichkeit und Vertrautheit ließ sie nicht los. Wer war diese Gestalt? Und warum fühlte es sich an, als wäre sie ein Teil von ihr selbst?

Sie lehnte sich zurück, die Höhlenwände um sich herum betrachtend, und wusste eines mit Sicherheit: Ihre Reise hatte gerade erst begonnen.