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Liebesromane an einem Ort

Kapitel 1Der Käfig von Eldrin


Aylin

Der Wind trug den Duft von nassem Moos und Asche durch die engen Gassen von Eldrin, vermischt mit dem fernen Echo eines Glockenspiels – ein Geräusch, das nur die Alten des Dorfes in seinen Ursprung deuten konnten. Aylin zog den groben Stoff ihres braunen Umhangs enger um die Schultern, während sie sich ihrer Arbeit im Garten widmete. Ihre Hände waren von der Kälte taub, die selbst den späten Frühling wie Winter erscheinen ließ. Der steinerne Rand des Gemüsebeets fühlte sich hart und unerbittlich gegen ihre Knie an, als sie Unkraut aus der trockenen Erde zupfte.

Ein leises Klirren kam aus einer der dunklen Gassen, gefolgt von hastigen Schritten, die sich schnell entfernten. Aylin hielt inne, ihr Blick glitt über die niedrigen, zusammengepferchten Hütten des Dorfes. Ein Hauch von Rauch stieg träge aus den Schornsteinen auf und legte sich wie ein dumpfer Schleier über alles. Eldrin wirkte wie ein Ort, der niemals atmete – ein Käfig, starr und unnachgiebig.

Sie wusste, dass die Dorfbewohner sie beobachteten, auch wenn keine Augen zu sehen waren. Sie konnten nicht anders, als sie anzustarren. Es war nicht Hass, nicht mehr – eher eine Mischung aus Faszination und Furcht. Seit sie denken konnte, hatte sich Eldrin so angefühlt: wie eine düstere Bühne, auf der sie unfreiwillig im Rampenlicht stand.

Aylin seufzte leise, schüttelte die Erde von ihren Händen und richtete sich auf. Der Wind wehte stärker, zerrte an ihrem Umhang und ließ ihr Haar um ihr Gesicht tanzen. Sie schob eine widerspenstige Strähne hinter ihr Ohr und ließ ihren Blick zum Waldrand schweifen. Der Schattenwald erhob sich wie eine schwarze Wand am Horizont, die Baumkronen verschmolzen zu einer dichten Masse, die den Himmel verdeckte. Die Ältesten erzählten oft von den Gefahren, die darin lauerten – von vergessenen Wesen und Stimmen, die einen in die Dunkelheit lockten. Doch für Aylin war er mehr als das. Dort, tief in der Wildnis, musste es etwas anderes geben. Ein Leben, das nicht von Furcht und Vorurteilen erstickt wurde.

Seit sie denken konnte, war Eldrin von einer unsichtbaren Last geprägt. Die Dorfbewohner sprachen in gedämpften Stimmen, warfen verstohlene Blicke über die Schultern und tuschelten hinter vorgehaltenen Händen. Es war eine Gemeinschaft, die sich mehr durch ihre Ängste als durch ihre Verbundenheit definierte. Und sie, Aylin, mit ihrem fremdartigen Gesicht und ihrer schweigsamen Familie, war immer der Mittelpunkt dieser Angst gewesen. Die Kinder hatten sie gemieden, die Erwachsenen hatten sie nur mit einer Mischung aus Misstrauen und Mitleid betrachtet. Ein verwundetes Tier, das man am besten ignorierte.

Ein lautes Knacken ließ sie zusammenzucken. Schritte, knirschend auf dem Kiesweg. Aylin drehte sich um und sah Elara, die Dorfälteste, auf sie zukommen. Die alte Frau wirkte unerschütterlich, ihr Gesicht war ein Mosaik aus tiefen Falten, die von zu vielen Wintern gezeichnet waren. Ihre Augen, von einem kalten Grau, schienen durch Aylin hindurchzusehen.

„Aylin,“ begann Elara, ihre Stimme ein leises, aber bestimmtes Murmeln, das wie der Wind durch die verlassenen Straßen trug. „Du bist heute früh draußen.“

Aylin nickte nur, unsicher, was sie antworten sollte. Elaras Gegenwart löste immer ein unangenehmes Kribbeln in ihrem Nacken aus. Es war, als wisse die Älteste mehr über Aylin, als sie selbst wusste, und als halte sie dieses Wissen wie eine Waffe versteckt.

„Du bist unruhig“, stellte Elara fest, während sie näher trat. „Die Luft trägt den Geruch von Veränderung.“

Aylins Herz schlug schneller. Die Worte der Alten waren stets rätselhaft, aber es war unmöglich, sie einfach zu ignorieren. „Ich… ich habe nur an nichts Bestimmtes gedacht“, log sie leise, doch ihre Stimme verriet ihre Unsicherheit.

Elara betrachtete sie lange, als wolle sie die Wahrheit hinter Aylins Worten herauspressen. Schließlich nickte sie langsam, als hätte sie eine unausgesprochene Entscheidung getroffen. „Das Blut deines Erbes fließt stark. Sei vorsichtig, Aylin. Die Welt könnte dich bald rufen, und wenn sie es tut, wirst du nicht entkommen können.“

Mit diesen Worten drehte sich Elara abrupt um und ging, wobei ihr Stab mit jedem Schritt leise auf den Boden klopfte. Aylin blieb wie angewurzelt stehen, ihre Gedanken wirbelten. Es war nicht das erste Mal, dass Elara solche kryptischen Andeutungen machte. Doch diesmal schien es anders – dringlicher, als sei etwas Unausweichliches näher gerückt.

Ihre Arbeit im Garten erschien ihr plötzlich bedeutungslos. Mit tauben Fingern räumte sie die wenigen Werkzeuge zusammen und wandte sich zum Haus. Während sie ging, bemerkte sie, wie die Tür von Nachbarin Mareas Hütte einen Spalt weit geöffnet wurde, nur um schnell wieder zuzuschlagen, sobald Aylin den Blick hob.

Später, als die Sonne bleich hinter den düsteren Wolken unterging, kehrte Aylin ins Haus zurück. Die kargen Steine der Wände schienen die Kälte des Tages zu bewahren, und der Raum war von einem dumpfen Schweigen erfüllt. Ihr Vater saß mit gebeugtem Rücken am Holztisch, die Falten in seinem Gesicht wirkten im flackernden Licht der Öllampe noch tiefer. Er sprach nicht, wie immer.

Seit dem Tod ihrer Mutter hatte er sich in sich selbst zurückgezogen, ein Schatten eines Mannes, der einst stark und warmherzig gewesen sein musste. Jetzt war er ein Rätsel, das Aylin längst aufgegeben hatte zu lösen. Sie hatte nie gewusst, was ihn so zerbrach – ob es der Fluch war, über den die Dorfbewohner flüsterten, oder die Last seiner eigenen Schuld.

„Ich habe etwas zu essen gemacht“, murmelte sie und stellte eine Schüssel mit Eintopf vor ihn. Doch er reagierte nicht, starrte nur in die flackernde Flamme der Lampe.

Aylin setzte sich und beobachtete ihn. Der Eisentopf auf dem Herd zischte leise, während die Flammen darunter verglühten. „Elara hat heute mit mir gesprochen“, begann sie vorsichtig.

Ihr Vater erstarrte, doch er sagte nichts.

„Sie hat gesagt, die Welt wird mich rufen. Was meint sie damit?“ Ihre Stimme war brüchig, doch sie zwang sich, weiterzusprechen. „Was weiß sie über mich, Vater?“

Er hob den Kopf langsam, sein Blick schwer und voller unausgesprochener Geschichten. „Elara redet viel, was niemand verstehen kann. Hör nicht auf sie.“

Doch Aylin schüttelte den Kopf. „Nein. Du weißt, was sie meint. Und ich weiß, dass du etwas vor mir verbirgst.“

Er schwieg, schloss die Augen und wandte sich ab. Es war das gleiche Schweigen wie immer, aber diesmal fühlte es sich an wie eine Mauer, die sie niederreißen musste.

„Ich werde es selbst herausfinden“, sagte sie leise, aber mit einer Entschlossenheit, die sie selbst überraschte.

In dieser Nacht konnte sie nicht schlafen. Sie saß am Fenster, starrte hinaus in die Dunkelheit und sah die Silhouetten des Schattenwaldes. Der Wind zischte durch die Äste, und es klang, als flüstere etwas aus der Ferne ihren Namen.

Morgen, dachte sie. Morgen würde sie beginnen, ihren Käfig zu verlassen. Egal, welche Fragen sie erwarten würden, egal, welche Gefahren. Sie würde die Antworten finden – und sich selbst.