- Romane
- /
- Im Bann des Wolfes - Band 2
Im Bann des Wolfes - Band 2
Inhaltsangabe
Der Bootsmann sprach nicht, bis sie die Mitte der Fahrrinne erreicht hatten. Dann nahm er die Pfeife aus dem Mund, deutete mit dem Stiel voraus auf die Insel und sagte: „Sie sollten das nicht tun.“ Sophie sieht nicht auf. Sie hält die Reisetasche zwischen den Knien, in der das Manuskript liegt, und ihre Finger liegen um den Riemen wie um ein Geländer. „Ich weiß“, sagt sie. Er beginnt einen Satz über seine Großmutter, und sie beendet ihn für ihn: dass ein stiller Wald den Atem anhält. Das hat er ihr schon einmal gesagt, im Herbst. Und er hatte recht. Es ist jene Woche im Spätherbst, in der das Licht nicht mehr aufsteht, sondern nur die Dunkelheit für ein paar Stunden verdünnt. Die Insel Reichenau kommt ihnen entgegen wie ein Rücken, der aus dem Wasser ragt: der flache Streifen der Felder, der Turm des Klosters, dahinter der dunkle Saum des verfluchten Waldes. Sophie zieht den Handschuh von der rechten Hand und sieht sie an, wie sie es inzwischen mehrmals am Tag tut. Die dunkle Linie läuft noch immer von der Handfläche über das Handgelenk hinauf, dünn wie eine Ader aus Tinte unter der Haut. Sie ist in den Wochen in Lindau nicht verblasst. Sie ist nur vertrauter geworden, was etwas anderes ist. In der Bibliothek des Klosters riecht es nach Leder, Staub und kaltem Stein — der einzige Geruch auf dieser Insel, der ihr nichts antut. Der Mann am Empfangspult sieht nicht auf. „Wir öffnen um zehn.“ „Es ist Viertel nach zehn.“ Dann liest er ihr Gesicht wie ein Titelblatt und nennt sie beim Familiennamen, bevor sie ihn gesagt hat. Dr. Friedrich Weber leitet diese Sammlung. Ihr Urgroßvater hat in diesem Raum gesessen, am dritten Tisch, weil dort das Licht am längsten steht. Weber weiß auch anderes: dass im Dorf ein Fischer sitzt, der auf jeden Namen hört. Dass die Herrschaften vom Waldrand seit Wochen Wache stehen. Und dass es in dieser Bibliothek eine Abteilung gibt, über die man nicht spricht. Zweiter Band der Trilogie um Sophie Keller — über einen Fluch, der kein Fluch ist, sondern ein Schloss, und über den Preis, den ein Schloss verlangt, damit es geschlossen bleibt.