Kapitel 1 — Ankunft am Bodensee
Der Bootsmann sprach nicht, bis sie die Mitte der Fahrrinne erreicht hatten. Dann nahm er die Pfeife aus dem Mund, deutete mit dem Stiel voraus auf die Insel und sagte: „Sie sollten das nicht tun.“
Sophie sah nicht auf. Sie hielt die Reisetasche zwischen den Knien, in der das Manuskript lag, und ihre Finger lagen um den Riemen wie um ein Geländer.
„Ich weiß“, sagte sie.
„Meine Großmutter hätte gesagt —“
„Dass ein stiller Wald den Atem anhält. Das haben Sie mir schon einmal gesagt, im Herbst.“ Jetzt hob sie doch den Kopf. „Und Sie hatten recht.“
Er brummte etwas und steckte die Pfeife wieder in den Mundwinkel, und danach war nur noch das Tuckern des alten Motors und das Schlagen des Wassers gegen den Bug.
Der Bodensee lag grau unter einem grauen Himmel. Es war jene Woche im Spätherbst, in der das Licht nicht mehr aufsteht, sondern nur die Dunkelheit für ein paar Stunden verdünnt, und die Insel Reichenau kam ihnen entgegen wie ein Rücken, der aus dem Wasser ragte: der flache Streifen der Felder, der Turm des Klosters, dahinter der dunkle Saum des verfluchten Waldes.
Im Boot roch es nach Dieselöl, Teer und altem Fisch. Zu Sophies Füßen lagen ein Bündel Reusen, eine aufgerollte Ankerleine und ein Blecheimer mit Schwemmholz, und in den Fugen der Bodenbretter stand handbreit Bilgenwasser, das bei jeder Welle nach vorn und wieder zurück lief.
Rechts zogen die Gemüsefelder der Insel vorbei, abgeräumt bis auf die Strünke von Rosenkohl und Winterlauch, dazwischen die niedrigen Glashäuser, in denen im Sommer die Gurken wuchsen.
Sophie zog den Handschuh von der rechten Hand und sah sie an, wie sie es inzwischen mehrmals am Tag tat.
Die dunkle Linie lief noch immer von der Handfläche über das Handgelenk hinauf, dünn wie eine Ader aus Tinte unter der Haut. Sie war in den Wochen in Lindau nicht verblasst. Sie war nur vertrauter geworden, was etwas anderes war und, wie Sophie fand, schlimmer.
Unter dem Mantel lag der silberne Halbmond-Anhänger an ihrem Brustbein, kühl wie immer, still wie immer. Er hatte auf dem ganzen Weg von Lindau geschwiegen. Erst als der Bootsmann den Motor drosselte und das Boot in den Windschatten der Insel glitt, spürte sie es: ein einzelnes, tiefes Ziehen, so als hätte etwas unter dem Fels der Insel den Kopf gehoben und wieder abgelegt.
Sie schloss die Hand darüber und ließ sich nichts anmerken.
Am Steg wartete niemand. Das hatte sie erwartet — sie hatte niemandem geschrieben, wann sie kommen würde — aber der leere Steg war trotzdem nicht das, was ihr auffiel.
Was ihr auffiel, war der Mann oben am Weg.
Er stand zwischen zwei Erlen, reglos, die Hände in den Jackentaschen, und er sah nicht sie an, sondern das Wasser hinter ihr, wie jemand, der eine Straße bewacht. Als sie die Planken hinaufkam, wandte er den Kopf, musterte sie kurz, nickte einmal und nahm wieder die alte Haltung ein.
Sophie kannte ihn nicht. Aber sie kannte diese Art zu stehen. Der Clan hatte Posten aufgestellt.
„Wie lange schon?“, fragte sie im Vorbeigehen.
„Neunzehn Nächte“, sagte er, ohne den Blick vom See zu nehmen.
Neunzehn. Sie rechnete zurück, während sie den Weg zwischen den abgeernteten Feldern entlangging, und kam auf die Nacht, in der Lukas seinen Brief geschrieben hatte. Der Wald redet wieder. Nicht laut. Noch nicht.
Es hatte drei Tage gedauert, bis der Brief in Lindau ankam, und weitere sechzehn, bis Sophie sich eingestanden hatte, dass sie längst entschieden war.
Sie hatte in diesen Nächten weitergeschrieben. Was gehalten werden muss lag jetzt in ihrer Tasche, ein Bündel Papier in ihrer eigenen Handschrift, die Geschichte des Fluchs, so wie sie sie verstanden hatte: ein Clan, der seine Freiheit gegen Stärke tauschte, eine Familie, die den Schlüssel schmiedete, eine Dunkelheit, die man binden, aber nicht besiegen konnte.
Nur der Schluss fehlte. Sie hatte drei Anfänge dafür verworfen. Am Ende hatte sie begriffen, warum keiner taugte: Man kann kein Ende schreiben für etwas, das noch nicht aufgehört hat.
Das Dorf lag halbwegs auf dem Weg zum Anwesen, ein paar Höfe, eine Gaststube, ein Bootsschuppen. Sophie ging langsamer, weil vor der Gaststube ein Mann auf der Bank saß.
Er war vielleicht fünfzig, mit den breiten Händen eines Fischers, und er saß sehr gerade da, den Blick auf die Straße gerichtet, die Mütze ordentlich auf dem Knie. Neben ihm stand eine Frau und redete auf ihn ein, leise und mit dieser dünnen, überfreundlichen Stimme, die Menschen benutzen, wenn sie Angst haben.
„Du bist Werner“, sagte sie. „Sag es. Werner Baumann. Du bist mein Mann.“
„Ja“, sagte der Mann höflich. „Wenn Sie meinen.“
„Sag es!“
„Werner Baumann“, sagte er, freundlich, geduldig, wie man einem Kind eine Vokabel nachspricht. Dann sah er sie an, aufrichtig interessiert. „Und Sie?“
Die Frau schlug die Hand vor den Mund.
Sophie blieb stehen. Der Anhänger unter ihrem Mantel wurde kalt, so schnell und so vollständig, dass es weh tat, als hätte man ihr ein Stück Eis auf die Haut gelegt, und in ihrer rechten Hand begann die dunkle Linie zu ziehen.
Der Mann auf der Bank hob den Kopf und sah sie an. Sein Gesicht war ruhig und leer und ganz und gar nicht unglücklich.
Sophie ging weiter. Sie tat es schnell und sie schämte sich dafür, und erst hinter der Wegbiegung merkte sie, dass sie die Luft angehalten hatte.
So also sah es aus.
Sie hatte in Lindau gesessen und geschrieben, was sie über die Dunkelheit wusste, seitenweise, sorgfältig, mit dem Stolz einer Restauratorin auf ein sauberes Handwerk. Sie hatte geschrieben, dass man sie binden, aber nicht besiegen könne. Sie hatte nicht gewusst, was das im Alltag bedeutete, an einer Bank vor einer Gaststube, an einem Dienstagnachmittag.
Das Anwesen von Wolfenberg lag am Waldrand, wo es immer gelegen hatte, und auf den ersten Blick hatte sich nichts verändert. Auf den zweiten sah man, dass an jedem Fenster im Erdgeschoss frisches Holz in den Rahmen eingelassen war, und in das Holz waren Zeichen geschnitten, so neu, dass die Schnittflächen noch hell leuchteten.
Johannes öffnete, ehe sie klopfen konnte. Der Steward war ergraut in diesen Wochen, richtig ergraut, nicht als Redensart.
„Frau Keller“, sagte er, und in seiner Stimme lag etwas, das sie zuerst für Erleichterung hielt und dann als Furcht erkannte. „Er ist im Wald. Er ist fast immer im Wald.“
Sie fand ihn nicht. Er fand sie, wie üblich, an der Stelle, wo die Buchen aufhören und die alten Eichen beginnen, dort, wo Sophie stehen geblieben war, weil der Wald vor ihr keinen Laut machte. Nicht die Stille eines Winterwaldes, in der es knackt und tropft und raschelt. Die andere. Die Stille eines Raumes, in dem jemand steht und nicht atmet.
„Du bist zu früh“, sagte Alexander hinter ihr.
Sophie drehte sich um und war für einen Herzschlag lang wieder die Frau, die im Herbst zum ersten Mal in diesen Wald gegangen war, mit trockenem Mund und pochendem Puls.
Er stand drei Schritte entfernt, wie er es immer tat, gerade so weit, dass es höflich war. Der Mantel war derselbe. Die Haltung war dieselbe. Die Augen waren dieselben, dieses helle, kalte Blau, das im Halbdunkel zu leuchten schien, eisblau, das Erste, was sie je an ihm wahrgenommen hatte.
Alles andere war anders.
Er war schmaler geworden. Unter dem offenen Hemdkragen, dort, wo in jener Nacht in den Katakomben das feine schwarze Muster über seine Brust gelaufen war, saß jetzt kein Muster mehr, sondern ein Geflecht. Es kroch am Hals hinauf, zwei dünne Ranken bis unter das Kinn, und im schwachen Licht sah es aus wie etwas, das unter der Haut Wurzeln geschlagen hatte.
„Es wächst“, sagte Sophie.
„Seit neunzehn Nächten.“ Er sagte es, wie man ein Wetterphänomen berichtet.
„Lukas hat mir geschrieben, es hätte sich bewegt.“
„Lukas schreibt zu viel.“ Ein Anflug von etwas, das fast Wärme gewesen wäre, ging über sein Gesicht und erlosch. „Du hättest nicht kommen sollen.“
„Das haben mir heute schon zwei Männer gesagt.“ Sophie zog den Handschuh aus und hielt ihm die Hand hin, Handfläche nach oben, damit er die Linie sah. „Ich habe die Tür mitgehalten, Alexander. Ich habe das Zeichen dafür bekommen. Und ich habe eben im Dorf einen Mann getroffen, der seinen eigenen Namen nachspricht wie eine Vokabel.“
Sie ließ die Hand sinken.
„Also erzähl mir nicht, ich hätte nicht kommen sollen. Erzähl mir, wie schlimm es ist.“
Alexander sah sie lange an. Hinter ihm stand der Wald und sagte nichts.
„Schlimmer, als ich Johannes sagen kann“, antwortete er schließlich. „Und schlimmer, als ich dem Clan sagen darf.“
„Dann sag es mir.“
„Ja“, sagte Alexander. „Ich fürchte, das werde ich müssen.“