Kapitel 1 — Ankunft am Bodensee
Sophie
Der Zug ratterte durch die letzten Kurven, und Sophie Keller ließ ihren Blick über das Panorama schweifen, das sich vor ihr entfaltete. Der Bodensee lag ruhig und weitläufig da, eine silberne, glitzernde Fläche, die die blassorangefarbenen Strahlen der untergehenden Sonne einfing. Das Licht schien fast lebendig, tanzte über die Oberfläche, während feine Nebelschleier am Horizont schwebten und die fernen Berge in ein geheimnisvolles Blau tauchten. Sophie atmete tief ein, als hätte die Luft hier eine andere Qualität – rein und schwer zugleich, durchzogen von einer fast greifbaren Melancholie.
Dies war der Ort, den sie gewählt hatte, um einen Neuanfang zu wagen. Nach den schmerzhaften Ereignissen der letzten Monate war sie auf der Suche nach einem Ort gewesen, der ihr Ruhe und Abstand versprach. Ihre Arbeit als Buchrestauratorin hatte sie bis hierher geführt – ein Ort voller Geschichte und Geheimnisse. Doch tief in ihrem Inneren hoffte sie, dass sie nicht nur alte Bücher, sondern auch sich selbst wieder zusammensetzen könnte.
„Endstation: Lindau!“ Die Stimme des Schaffners riss sie aus ihren Gedanken. Sophie griff nach ihrer Reisetasche, deren lederner Griff vom jahrelangen Gebrauch abgenutzt war, und stand auf. Mit einem prüfenden Blick vergewisserte sie sich, dass sie nichts vergessen hatte, bevor sie den Waggon verließ. Der Bahnsteig war überraschend still für eine Stadt mit solch einer Kulisse. Einige wenige Menschen hasteten mit Koffern an ihr vorbei, doch die meisten schienen es nicht eilig zu haben. Vielleicht gab es hier einfach keinen Grund zur Eile.
Sophie zog ihren Mantel enger um die Schultern. Der Abend war kühler, als sie erwartet hatte, und ein schwacher Wind trug den Geruch von Wasser und feuchtem Laub mit sich. Sie folgte dem Wegweiser Richtung Ausgang und fand sich wenig später auf einem gepflasterten Platz wieder, umgeben von malerischen alten Gebäuden, deren Fassaden von einer Zeit erzählten, die längst vergangen war. Die Straßenlaternen warfen ein warmes Licht auf die Szene, und für einen Moment fühlte Sophie sich wie eine Fremde in einem Gemälde. Die Stadt schien zugleich einladend und distanziert zu sein, wie ein Gastgeber, der dir ein Lächeln schenkt, doch seine Geheimnisse für sich behält.
Ihr Blick wanderte zu einem kleinen Gasthaus, dessen holzgeschnitztes Schild über der Tür im Licht der Laternen schimmerte: „Zum Silbermond“. Der Name hatte etwas Poetisches, das sie unwillkürlich anzog. Der warme Schein, der durch die Fenster drang, versprach eine Behaglichkeit, die sie dringend brauchte. Eine kurze, flüchtige Überlegung, hineinzutreten, blitzte durch ihren Kopf. Doch das war nicht ihr Ziel für heute Abend. Sie hatte vor ihrer Ankunft eine kleine Ferienwohnung gebucht – eine Wohnung mit Blick auf den See, wie die Anzeige versprach.
Der Weg dorthin führte sie durch enge Gassen, in denen die Schritte ihrer soliden Lederschuhe auf dem Kopfsteinpflaster widerhallten. Vor einem unscheinbaren, gelb gestrichenen Haus blieb sie schließlich stehen. Es war schlicht, fast unauffällig, doch gerade das sprach sie an. Mit dem klappernden Schlüssel in der Hand öffnete sie die Tür und trat ein. Der Duft von Holzpolitur und leichtem Staub empfing sie, und sie konnte nicht anders, als zu lächeln. Die Wohnung war klein, aber gemütlich. Eine Sitzecke mit weichen, abgenutzten Kissen, eine kleine Küche, deren Regale mit handbemalten Keramiktöpfen geschmückt waren, und ein Schlafzimmer, von dem aus man wirklich – wie versprochen – auf den Bodensee blicken konnte.
Sophie stellte ihre Tasche ab und ließ sich auf das Sofa fallen. Die Reise war anstrengender gewesen, als sie erwartet hatte, und ihre Gedanken begannen bereits, zwischen Erschöpfung und Neugier zu treiben. Während sie in den Raum blickte, wanderte ihr Geist zurück zu dem Moment, als sie beschlossen hatte, ihre Heimat zu verlassen. Markus. Sein Name tauchte in ihrem Kopf auf wie ein Schatten, der sich nicht vertreiben ließ. Sie hatte ihn geliebt, hatte ihm vertraut. Und er hatte sie betrogen, nicht nur als Partner, sondern auf eine Weise, die sie tiefer traf, als sie es je für möglich gehalten hatte. Ihr Brustkorb zog sich zusammen, als sie an den Verrat dachte – ein dumpfer, vertrauter Schmerz, der sich in ihre Rippen zu bohren schien. Sie schüttelte den Kopf, stand auf und begann, ihren Koffer auszupacken. Doch selbst dabei begleitete sie das Gewicht ihrer Vergangenheit wie eine unsichtbare Last.
Als die Nacht hereingebrochen war, zog sie sich eine bequeme Strickjacke über und trat hinaus auf den kleinen Balkon. Der See lag still vor ihr, ein dunkler Spiegel, von dem sich das fahle Licht des Mondes reflektierte. Krähen saßen auf einem Baum in der Nähe, ihre schwarzen Silhouetten wie wachsame Wächter gegen den sternenklaren Himmel. Die Stille war so dicht, dass das gelegentliche Rascheln der Blätter wie ein Flüstern klang. Sophie lehnte sich an das Balkongeländer und atmete tief ein. Der Gedanke, hier ein neues Leben zu beginnen, war beruhigend und einschüchternd zugleich.
Ein leiser Windhauch strich über ihre Wangen, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass der See sie ansah – nicht unfreundlich, aber auch nicht einladend. „Wirst du es schaffen, Sophie?“, dachte sie. Würde sie diesen Ort wirklich zu ihrem Neuanfang machen können? Oder war sie zu stark mit ihrer Vergangenheit verankert, um jemals wirklich frei zu sein?
Am nächsten Morgen weckte sie das sanfte Licht der Sonne, das durch die Vorhänge fiel. Sie hatte entschieden, den Tag damit zu verbringen, die Stadt zu erkunden. Ihre erste Station war das Kloster Reichenau, das Ziel ihrer Reise und der Ort, an dem sie bald anfangen würde zu arbeiten. Doch bevor sie dorthin ging, führte ihr Weg sie zurück zum Gasthof „Zum Silbermond“.
Der Innenraum des Gasthauses war genau so, wie sie ihn sich vorgestellt hatte: rustikal, aber voller Charme. Alte Jagdtrophäen und Fotografien zierten die Wände, während der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und gebackenen Brötchen in der Luft hing. Die Kellnerin, eine ältere Frau mit einem warmen Lächeln, begrüßte sie und führte sie zu einem kleinen Tisch nahe dem Fenster. Sophie bestellte einen Kaffee und ein einfaches Frühstück, während sie unauffällig den Raum beobachtete. Die Einheimischen schienen einander gut zu kennen. Leises Murmeln erfüllte den Raum, gelegentlich unterbrochen von einem Lachen oder dem Klirren von Gläsern. Es war eine heimelige Atmosphäre, die Sophie einen Hauch von Trost schenkte.
Als sie sich gerade wieder dem Fenster zuwandte, hörte sie ein Gespräch am Nachbartisch. Zwei Männer, die aussahen wie Fischer, sprachen in gedämpfter Stimme, doch ihre Worte waren klar genug, um Sophies Aufmerksamkeit zu erregen. „Hast du die Geschichte vom Fluch gehört?“, fragte der eine, seine Stimme rau und von den Jahren gezeichnet. Der andere nickte, seine Stirn in Falten gelegt. „Ja, aber ich glaube nicht, dass da etwas dran ist. Das sind doch nur alte Märchen, um Touristen zu beeindrucken.“ Ein skeptisches Lächeln huschte über sein Gesicht, doch der erste Mann schüttelte den Kopf. „Vielleicht. Aber ich habe Leute mit eigenen Augen Dinge sehen sehen. Da draußen, in den Wäldern, bei Vollmond...“ Seine Stimme wurde leiser, und Sophie musste sich anstrengen, um ihn zu verstehen. „... Dinge, die man besser nicht hinterfragt.“
Sophie runzelte die Stirn. Sie hatte schon von den Legenden gehört, als sie über die Region recherchiert hatte, doch sie hatte sie nicht ernst genommen. Jetzt, da sie jedoch hier war und die Männer diese Geschichten mit einer solchen Ernsthaftigkeit flüsterten, konnte sie nicht verhindern, dass ein leichter Schauer über ihren Rücken lief. Sie nahm einen letzten Schluck von ihrem Kaffee und bezahlte, bevor sie den Gasthof verließ.
Draußen auf der Straße schien der Wind kühler geworden zu sein, und als sie in Richtung des Klosters ging, konnte sie die Worte der Männer nicht ganz abschütteln. Die Legenden, dachte sie, sind vielleicht nur alte Geschichten. Aber warum fühlte sich dieser Ort an, als wäre er voller Geheimnisse, die darauf warten, entdeckt zu werden?